ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2003EMDR: „Überlegenheit nicht nachweisbar“

WISSENSCHAFT

EMDR: „Überlegenheit nicht nachweisbar“

PP 2, Ausgabe Oktober 2003, Seite 475

Sonnenmoser, Marion

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Prof. Dr. Mathias Berger, Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie Universitätsklinikum Freiburg Foto: Universitätsklinikum Freiburg
Prof. Dr. Mathias Berger, Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie Universitätsklinikum Freiburg
Foto: Universitätsklinikum Freiburg
Bei posttraumatischen Belastungsstörungen gilt Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) als hilfreiches Therapieverfahren. Prof. Dr. med. Mathias Berger, Freiburg, über das häufig infrage gestellte Verfahren.

INTERVIEW

PP: Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) beruht auf der Kopplung wiederholter gedanklicher Rekonstruktionen des Traumas bei gleichzeitigen Augenfolgebewegungen. Dabei sollen traumähnliche Prozesse in Gang gesetzt und die oft unverbundenen Erinnerungsfetzen zu ganzheitlichen Erinnerungen verschmolzen werden. Was spielt sich bei EMDR im Gehirn ab?
Prof. Dr. med. Mathias Berger: Der vermutete neurobiologische Wirkungsmechanismus der EMDR ist bisher nicht geklärt. Welchen spezifischen Beitrag die induzierten Augenbewegungen bei der Konfrontation mit den traumatischen Erinnerungen für die Wirksamkeit des Vorgehens haben beziehungsweise, ob diese überhaupt notwendig sind, ist derzeit noch fraglich.

PP: Wie wirksam ist EMDR bei posttraumatischen Belastungsstörungen?
Berger: Das als EMDR bezeichnete Vorgehen als Ganzes kann nach Kriterien der evidenzbasierten Medizin zum derzeitigen Zeitpunkt als gut untersuchtes und wirksames Therapieverfahren bei der chronischen PTBS beurteilt werden.
PP: Gibt es dafür empirische Belege?
Prof. Berger: Es gibt etwa 15 – methodisch unterschiedlich gute – kontrol- lierte Therapiestudien (RCT), in denen PTBS-Patienten, die durch EMDR behandelt wurden, mit Wartelisten-Kontrollgruppen verglichen wurden. Außerdem wurde die Wirksamkeit von EMDR mit anderen effizienten Therapien verglichen, insbesondere mit kognitiver Verhaltenstherapie.

PP: Was erbrachten die Vergleiche?
Berger: Im Hinblick auf kurzfristige Effekte konnte dabei in mehreren Metaanalysen die Wirksamkeit bezüglich zentraler Symptommerkmale wie allgemeiner Symptomausprägung – speziell der Intensität von Intrusionen, Angst und Depression – nachgewiesen werden. Weniger deutlich waren die Befunde bezüglich der Symptomreduktion des Vermeidungsverhaltens. EMDR, bei der ja ebenfalls eine wiederholte Exposition und Habituation bezüglich des Traumas erfolgt, war der kognitiven Verhaltenstherapie ohne EMDR nicht überlegen.

PP: Eignet sich EMDR zur Frühintervention?
Berger: Die Wirksamkeit von EMDR zur frühen Behandlung bereits kurz nach einem traumatischen Ereignis, zum Beispiel bei Vorliegen einer akuten Belastungsreaktion, ist in kontrollierten Studien nicht untersucht. Deshalb ist über die Effektivität und Indikation des EMDR als Verfahren zur Frühintervention keine gesicherte Aussage möglich. Das gilt jedoch derzeit für alle Frühinterventionsansätze.

PP: Was weiß man über Langzeiteffekte?
Berger: Bei Katamnesen mehr als drei Monate nach Therapieende war eine Überlegenheit von EMDR gegenüber anderen Therapiebedingungen nicht nachweisbar.

PP: Was ist bei EMDR zu beachten?
Berger: EMDR darf nicht als isolierte Technik, sondern nur im Rahmen eines Gesamtbehandlungsplans eingesetzt werden. Neben EMDR-spezifischen Techniken spielen auch Therapieelemente wie Psychoedukation, narrative Rekonstruktion des Traumas und Expositionsverfahren (in der Vorstellung) eine Rolle, deren Wirksamkeit beispielsweise im Rahmen kognitiver Verhaltenstherapien als belegt gelten kann.

PP: Kann jeder Therapeut EMDR anbieten?
Berger: Eye Movement Desensitization and Reprocessing sollte nur von erfahrenen Psychotherapeuten angewendet werden, die über eine qualifizierte Therapieausbildung in einem anerkannten Psychotherapieverfahren verfügen und EMDR auf dieser Basis zusätzlich einsetzen können.

Die Fragen für PP stellte Dr. phil. Marion Sonnenmoser.
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