ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2003Internet-basierte psychologische Intervention: Unterstützung der Psychotherapie

WISSENSCHAFT

Internet-basierte psychologische Intervention: Unterstützung der Psychotherapie

PP 2, Ausgabe Oktober 2003, Seite 476

Ott, Ralf

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LNSLNS Die Forschung zu psychologischen Interventionen über das Internet steckt noch in den Kinderschuhen. Doch für einzelne Komponenten einer Therapie ist das Medium hilfreich.

Die raschen Entwicklungen in der Informationstechnologie haben in den letzten Jahren einer wachsenden Zahl von Personen und Organisationen ermöglicht, Internet-basierte psychologische Beratungsdienste anzubieten. „Online-Therapie“ ist dabei zu einer Art Modebegriff geworden. In den USA genießt „Counselling“ (Beratung) als niederschwelliges Angebot einen hohen Stellenwert. Beratung wird hierbei in Abgrenzung zu Psychotherapie als kurzfristige und quasi subtherapeutische Intervention angesehen. Ziel einer Beratung ist die zeitlich beschränkte Unterstützung. Weitere Möglichkeiten der psychologischen Intervention sind Prävention und Rehabilitation. „Internet-basierte Intervention“ (IBI)* hat das Potenzial, psychologische Intervention effektvoll und kostensparend zu ergänzen. In diesem Beitrag wird anhand von Beispielen die Möglichkeit der klinisch-psychologischen Intervention über das Internet diskutiert.
Psychotherapeutische Intervention
Bei der Analyse der bislang vorliegenden Wirksamkeitsstudien zu psychologischer IBI zeigte sich, dass Interventionsprogramme, die auf kognitiv-verhaltenstherapeutischen Grundlagen basieren, am häufigsten anzufinden sind und darüber hinaus auch die effektivsten sind. Für die Behandlung von Angststörungen, depressiven Störungen, posttraumatischen Belastungsstörungen und Essstörungen wurden die besten Ergebnisse gefunden. Keine der Studien versuchte, eine komplette Psychotherapie über das Internet abzuwickeln. Meist wurden aus schon evaluierten Therapiemanualen einzelne Komponenten herausgelöst und diese dann über das Internet angeboten. Dazu gehörten: Problemlösetrainings, Entspannungsverfahren, Aufmerksamkeitstrainings, Selbstmanagementverfahren, Reduktion dysfunktionaler Kognitionen, Tagebuchverfahren, Vermittlung von Krankheitsmodellen.
Das Vorgehen für den Aufbau einer IBI wird anhand einer Studie von Ström et al. (3) vorgestellt: Die Autoren untersuchten eine verhaltensmedizinische Stichprobe von Patienten mit chronischem Kopfschmerz. Für chronische Schmerzpatienten gibt es eine Vielzahl von Therapiemanualen, die auf kognitiv-behavioraler Basis eine Behand-lung der Schmerzsymptome und ihrer Konsequenzen ermöglichen. Aus einem dieser Manuale benutzen die Autoren ein Problemlösetraining und ein Entspannungsverfahren. Diese beiden Komponenten wurden den Betroffenen per E-Mail vermittelt. Darüber hinaus hatten die Betroffenen Zugriff auf ein Web-Angebot, in dem sie ein Schmerztagebuch führen und Informationen zu Medikamenten und Krankheitsbild erhalten konnten.
Das von Dr. Andrew Winzelberg (5) an der Stanford Universität entworfene Programm „Student Bodies“ (http:// studentbodies.stanford.edu/) ist ein Beispiel für die präventiven Möglichkeiten der Internettechnologie. Das Programm basiert auf kognitiv-behavioralen Selbsthilfemanualen und umfasst eine Web-Seite mit einem moderierten Diskussionsforum, in dem sich die Teilnehmerinnen zum Thema Essen und Körper austauschen können. Die Aufgabe des Moderators ist es, Selbsthilfematerialien bereitzustellen und die Diskussion zu führen. Das Programm wurde in mehreren Studien evaluiert und hat sich sowohl als kostensparend als auch als effizient erwiesen. Die teilnehmenden Studentinnen zeigten in allen Studien ein verbessertes Körperbild und eine höhere Körperzufriedenheit.
Ähnliche Programme sowohl zur Prävention von depressiven Erkrankungen als auch zur Prävention psychischer Probleme bei körperlichen Erkrankungen (vor allem Brustkrebs) finden sich vor allem im US-amerikanischen Raum.
Psychologische Beratung
Neben kostenlosen Angeboten, wie zum Beispiel das der katholischen Telefonseelsorge (4), konnten sich in der psychologischen Beratung auch kommerzielle Angebote etablieren. Hierbei wird von den Betroffenen vor allen Dingen die Möglichkeit zur schnellen und anonymen Hilfe hervorgehoben.
www.expertenzentrale.de ist eines der Beratungsportale, das psychologische Beratung anbietet. Möglich ist die Beratung per E-Mail, Live-Chat und Video-Chat. Für die einzelnen psychischen Störungen stehen Experten zur Verfügung. Als meist genutzter Service hat sich die E-Mail-Beratung etabliert: Der Ratsuchende wählt einen der spezialisierten Experten, die sich über ein Profil vorstellen, und formuliert sein Problem. Der Experte macht daraufhin ein individuelles Angebot, das Dauer, Umfang und Preis der schriftlichen Beratung beinhaltet. Nimmt der Kunde das Angebot an, beantwortet der Experte dieses Anfrage rasch. Lehnt der Kunde das Angebot ab, fallen keinerlei Kosten an. Die Vorteile für den Nutzer: Der Beratungsablauf ist einfacher, der Aufwand ist geringer und die schriftliche Antwort liegt schneller vor. Hinzu kommt der Vorteil der Anonymität. Rund 20 Anfragen pro Tag bearbeitet expertenzentrale.de gegenwärtig.
Auch wenn die Forschung zu computervermittelter klinisch-psychologischer Intervention noch in den Anfängen steckt, kann festgehalten werden, dass es nicht möglich ist, einen kompletten psychotherapeutischen Prozess über das Internet durchzuführen. Dennoch zeigen erste Wirksamkeitsnachweise, dass Bestandteile einer Psychotherapie sehr effizient über das Internet angeboten werden können. Somit kann die Online-Intervention die Offline-Therapie sinnvoll unterstützen. Die ersten Wirksamkeitsnachweise sollten Forschung und Praxis ermutigen. Weiter geforscht werden sollte zur Frage der individuellen Indikation, das heißt, ob es Störungsspezifitäten und Persönlichkeitsvariablen gibt, für die IBI besonders
effektiv ist. Auch die Frage nach der Qualität der Patient-Therapeut-Beziehung ist von Bedeutung.
Quasi „unterhalb“ der klinisch-psychologischen Intervention haben sich niederschwellige Beratungsangebote etabliert. Sie bieten den Betroffenen die Möglichkeit, effizient und anonym Informationen zu ihrem Fall oder ihrem Problem zu bekommen. Wichtig wäre, die Qualität dieser Angebote zu sichern. Trotz der Bemühungen des Berufsverbandes Deutscher Psychologen, BDP, konnten noch keine Richtlinien etabliert werden (1). Ralf Ott, Diplom-Psychologe

Literatur
1. Lang F: Siegel zur psychologischen Beratung im Internet. Report Psychologie 2001; 26: 510–511.
2. Ott R: Klinisch-psychologische Intervention und Psychotherapie im Internet: Ein Review zu empirischen Befunden. In: R. Ott und C. Eichenberg (Hrsg.): Klinische Psychologie und Internet. Göttingen: Hogrefe 2003.
3. Ström L, Pettersson R, Andersson G: A controlled trial of self-help treatment of recurrent headache conducted via the internet. Journal of Consulting and Clinical Psychology 2000; 68: 722–727.
4. Van Well F: Psychologische Beratung im Internet. Bergisch-Gladbach: Ferger 2000.
5. Winzelberg AJ, Eppstein D, Eldredge KL, Wilfley D, Dasmahapatra R, Dev P, Taylor CB: Effectiveness of an Internet-based program for reducing risk factors for eating disorders, Journal of Consulting & Clinical Psychology 2000; 68: 346–350.
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