ArchivDeutsches Ärzteblatt46/1996Biochemische Experimente liefern drittes Indiz: Humane Infektion mit BSE immer wahrscheinlicher

POLITIK: Medizinreport

Biochemische Experimente liefern drittes Indiz: Humane Infektion mit BSE immer wahrscheinlicher

Dtsch Arztebl 1996; 93(46): A-3004 / B-2561 / C-2372

Koch, Klaus; Mertens, Stephan

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LNSLNS Ein weiterer, entscheidender Baustein in der Kette von Experimenten, die eine Übertragbarkeit der bovinen spongiformen Enzephalopathie (BSE) auf den Menschen nahelegen, wurde kürzlich auf einer Pressekonferenz in London vorgestellt. Diese erhärten laut John Collinge, einem der führenden englischen Prionen-Experten, den Verdacht eines Zusammenhanges zwischen BSE und der Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung (CJD).
Collinges Arbeitsgruppe konnte durch biochemische Analysen jetzt nachweisen (Nature 383: 685-690), daß sich das "Prion-Protein" aus den Gehirnen der im März bekanntgewordenen zehn CJD-Fälle mit einer neuen Variante der Erkrankung ("new variant CJD", nvCJD) vom Protein der Patienten mit klassischer CJD unterscheidet. So wies die Arbeitsgruppe einen höheren Carbohydratanteil an den Prion-Proteinen von nvCJD nach. Zudem führt die enzymatische Spaltung des Prion-Proteins von nvCJD zu einem Fragmentmuster, das sich von dem klassischer CJD deutlich unterscheidet. Interessanterweise ist das Bandenmuster von nvCJD identisch mit dem Muster, das die Spaltung des Prion-Proteins aus BSE-infizierten Rinderhirnen liefert.
Dieser Fund ist der dritte Hinweis, daß die neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung sich eindeutig von der klassischen CJD unterscheidet und vom Rind auf Menschen übertragen wurde. Anlaß der derzeitigen Krise war die Beschreibung der neuen Form der CJD im März (Lancet 1996; 347: 921–925). Die Opfer sind wesentlich jünger und weisen einen anderen klinischen Verlauf auf. Experimente an Makaken, die mit BSE infiziert wurden, bestätigten den Verdacht. So wiesen die Affen die für die neue CJD-Form typischen neuropathologischen Veränderungen auf, während die mit der herkömmlichen CJD-Form infizierten Affen das neue Krankheitsbild nicht zeigten. Der bis jetzt mit Kommentaren eher zurückhaltende Collinge schloß auf der Pressekonferenz eine mögliche CJD-Epidemie nicht mehr aus. Hintergrund ist eine beunruhigende Schätzung, die Experten um den Zoologen Roy Anderson von der Universität Oxford vorgelegt haben (Nature 382: 779). Danach ist bis heute das Fleisch von etwa 730 000 BSE-infizierten Tieren unerkannt in britische und europäische Fleischtheken gelangt.


Höchstdosis
Die beklemmendste Zahl dieser Oxford-Studie ist aber, daß die Konsumenten britischer Wurst und Fleischpasteten zwischen 1980 und 1989, als die Regierung erste Vorsichtsmaßnahmen veranlaßte, etwa 450 000 Gehirne von BSE-infizierten Rindern gegessen haben, ein unbekannter Teil enthielt den Erreger in Höchstdosis. Nach Schätzung enthält schon ein Gramm hochinfiziertes Rinderhirn bei oraler Übertragung zehn bis hundert infektiöse Einheiten, die im Tierversuch zum Durchbrechen der Artengrenze ausreichen.
Mit angehaltenem Atem verfolgen deshalb die Experten, wie sich in England die Fallzahl der neuen CJDVariante entwickelt. In den zwölf Monaten bis März zählten sie zehn Opfer, seitdem sind in weiteren sechs Monaten vier Briten und zwei Franzosen hinzugekommen. Ein rasanter Anstieg, wie er im März von vielen befürchtet wurde, ist bislang nicht zu sehen.Verstärkt wurden die Befürchtungen auch durch einen Bericht, den europäische BSE-Experten um den Züricher Biologen Charles Weissmann vor zwei Wochen EUAgrarkommissar Franz Fischler vorgelegt haben. In dem 26seitigen Report wollen die Experten angesichts "der Veränderlichkeit des infektiösen Agens" nicht ausschließen, daß sich BSE entgegen den Beteuerungen der britischen Regierung auf Dauer in der Rinderpopulation festsetzen könnte. Der Bericht listet elf Fragen "zu praktischen Aspekten" der BSE-Epidemie und sechs zu Aspekten der Grundlagenforschung auf, die durch gezielte Projekte so schnell wie möglich beantwortet werden sollten. Diese Stellungnahme stellt der bislang hauptsächlich von der britischen Regierung finanzierten BSE-Forschung kein gutes Zeugnis aus.
So stellt der Report beispielsweise die Zuverlässigkeit der an Mäusen durchgeführten Fütterungsexperimente in Frage, auf denen die Aussage beruht, Fleisch, Milch, Käse, Blut, Kollagen und Gelatine von BSE-infizierten Tieren seien frei von "Infektiösität". Da diese Maus-Experimente "sehr unempfindlich" seien, fordert der Report sensitivere Tests etwa an Rindern. Bislang besteht die einzige Nachweismöglichkeit für den BSEErreger darin, Tiere zu infizieren und dann abzuwarten, ob sie erkranken. Selbst wenn die im WeissmannReport vorgeschlagenen Experimente direkt beginnen, dauert es bei Mäusen zwei, bei Rindern fünf bis sechs und bei Primaten mindestens zehn Jahre bis zur Antwort.


Importverbot?
Weitere Lücken sehen die Experten in der Frage, ob BSE oral über infiziertes Tiermehl auf Schweine und Schafe übertragen werden kann. Weil auch Schafherden jahrelang mit BSE-haltigem Tiermehl gefüttert wurden, "gibt es ernste Bedenken, daß BSE auch in Schafen Fuß gefaßt haben könnte", räumt nun auch John Collinge ein. Tückischerweise könnte die Krankheit mit der seit Jahrhunderten bekannten Schafkrankheit "Scrapie" verwechselt werden. Während die meisten Forscher den Scrapie-Erreger für den Menschen für ungefährlich halten, sind sie bei "Schaf-BSE" da nicht sicher. "Falls BSE beim Schaf gefunden werden sollte, dann müssen dieselben Vorsichtsmaßnahmen wie beim Rind getroffen werden", folgert auch Collinge. Das deutsche Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium erklärte bereits am Tag nach der "Nature"-Veröffentlichung, daß es ein nationales Importverbot für Hirn, Rückenmark und Augen von Schafen und Ziegen erlassen wolle, die älter als zwölf Monate sind und aus Großbritannien, Irland oder Frankreich stammen.
Dr. Stephan Mertens,
Klaus Koch

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