POLITIK

Belastungs-EKG

Dtsch Arztebl 2003; 100(41): A-2630 / B-2197 / C-2064

Böhmeke, Thomas

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Es hatte ihn erwischt, aber es musste ja so kommen. Herrn Billigs Risikofaktoren haben zugeschlagen, den Blutfluss in der rechten Koronararterie abgewürgt und ihm einen mehrwöchigen Kranken­haus­auf­enthalt beschert. Unter Ausnutzung sämtlicher kardiologischer Kapazitäten hatte man Schicksalsschläge abwehren können, die Arterie wurde sofort im Katheterlabor rekanalisiert, danach mehrwöchiger Reha-Aufenthalt, das volle Programm.
Nun sitzt er vor mir, und wir freuen uns über das Ergebnis des soeben durchgeführten Belastungs-EKGs. 125 Watt, ganz ohne Ischämiekriterien, normales Blutdruckverhalten.
„Alles in Butter!“ so meine ich in meiner mir eigenen Naivität und schärfe ihm ein, die Kontrolltermine einzuhalten. Denn Herr Billig ist Privatpatient und neigt dazu, ärztliche Hilfe tunlichst zu vermeiden, um in den Genuss der Beitragsrückerstattung zu kommen.
Früher als geplant taucht er wieder in meiner Sprechstunde auf. Ob denn das Belastungs-EKG überhaupt notwendig gewesen sei, schließlich habe man ein solches während der Rehabilitation vor drei Monaten bereits durchgeführt. Ich sollte mir es gefälligst genau überlegen, ihm das in Rechnung zu stellen. Anderenfalls würde er zu einem Arzt wechseln, der nicht nur Beutelschneider sei.
Drei Wochen später flattert mir ein Antrag auf Teilnahme an der Herzsportgruppe auf den Tisch. Gut, dass ich das Belastungs-EKG durchgeführt hatte, denke ich und trage flugs die Daten auf dem Formblatt ein, damit Herr Billig in den Genuss der kostenfreien Leibesübung kommt.
Zwei Monate später erhalte ich vom Richter des Sozialgerichts die harsche Aufforderung, mich ausführlich und schriftlich zu äußern. Herr Billig klagt darüber, dass er keinen Grad der Behinderung von 70 bekomme, der ihm bei 125 Watt gewiss nicht zusteht. Die Daten seien aber völlig gefälscht, da das Belastungs-EKG von der Arzthelferin durchgeführt worden sei. Er habe mit Sicherheit nur 50 Watt getrampelt, und damit würden ihm alle Segnungen des neunten Sozialgesetzbuches zustehen.
Noch zwei Wochen später liegt die Anfrage eines Reisebüros auf dem Tisch. Herr Billig gedenkt, einen Tauchurlaub in der Karibik durchzuführen, man möchte wissen, wie es um seine körperliche Leistungsfähigkeit bestellt ist, und bittet um die Daten des Belastungs-EKGs. Kaum abgeschickt, ruft mich ein Kollege von der Qualitätssicherung der Kassenärztlichen Vereinigung an. Ein Patient habe sich darüber beklagt, dass in meiner Praxis Belastungs-EKGs gefälscht würden. Kurz danach teilt mir ein niedergelassener Kollege mit, dass Herr Billig sich jetzt ausschließlich in seiner Behandlung befinden würde. Um Doppeluntersuchungen zu vermeiden, möge ich ihm doch die Daten des Belastungs-EKGs zuschicken. Und übrigens, so meint er, würde Herr Billig ein Verfahren wegen Abrechnungsbetruges anstrengen.
Und nun sitze ich hier und blättere im Ärzteblatt, an wen ich mein Belastungs-EKG loswerden kann. Dr. med. Thomas Böhmeke
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