ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2003Onkologie/Tumorzentren: Anklage und Verteidigung

POLITIK: Medizinreport

Onkologie/Tumorzentren: Anklage und Verteidigung

Dtsch Arztebl 2003; 100(41): A-2631 / B-2198 / C-2065

Bördlein, Ingeborg

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Lichtmikroskopische Untersuchung im Tumorzentrum Heidelberg/Mannheim, wo jährlich 16 000 Krebspatienten behandelt werden, davon 6 000 neu Erkrankte. Foto: dpa
Lichtmikroskopische Untersuchung im Tumorzentrum Heidelberg/Mannheim, wo jährlich 16 000 Krebspatienten behandelt werden, davon 6 000 neu Erkrankte. Foto: dpa
Das Tumorzentrum Heidelberg/Mannheim nimmt sein 25-jähriges Jubiläum zum Anlass, kritisch Bilanz für diese Organisationsform onkologischer Betreuung zu ziehen.

Das Tumorzentrum Heidelberg/ Mannheim wurde als eines der ersten in Deutschland vor 25 Jahren gegründet. Partner sind das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ), Heidelberg, die Universitätskliniken in Heidelberg und Mannheim sowie die Thoraxklinik Heidelberg. Ziel war es, die Behandlung von Krebspatienten zu verbessern. Erreicht werden sollte dies durch eine Verzahnung von Grundlagenforschung, klinischer Forschung und der Versorgung am Krankenbett. Es galt, neue Therapieoptionen schneller zu entwickeln und in die Praxis umzusetzen.
Das Tumorzentrum Heidelberg/ Mannheim nahm sein Jubiläum zum Anlass, kritisch Bilanz zu ziehen. Dies geschah in Form einer virtuellen Gerichtsverhandlung vor der Presse, wo sich die Vertreter der verschiedenen Fachdisziplinen den Vorwürfen stellten, die (unter anderem) auf dem 24. Deutschen Krebskongress in Berlin vom damaligen Präsidenten Prof. Lothar Weißbach gegen die Tumorzentren in Deutschland erhoben wurden.
Besonders eine mangelnde interdisziplinäre Zusammenarbeit und die ungenügende Umsetzung innovativer Therapien könne man dem Zentrum allein aufgrund seiner besonderen Konstellation innerhalb der deutschen Tumorzentren nicht vorwerfen. Durch die Einbindung des Deutschen Krebsforschungszentrums sei die onkologische Grundlagenforschung in allen klinischen Projekten des Tumorzentrums beteiligt gewesen und eine interdisziplinäre Zusammenarbeit gepflegt worden, betonte der Vorsitzende des Heidelberger Tumorzentrums, Prof. Dr.
Dr. Michael Wannenmacher. Aus Forschersicht erklärte Prof. Peter Krammer (Leiter der Abteilung Immungenetik am DKFZ): „Wir brauchen den Input aus der Klinik, und die Kliniker brauchen uns.“
Mit zwei markanten Beispielen untermauerte der Hämatoonkologe Prof. Antony D. Ho (DKFZ) die Umsetzung der Grundlagenforschung in die Klinik: Vor zwanzig Jahren habe man die Stammzelltherapie bei Leukämien im Rahmen eines Forschungsprojekts des Tumorzentrums begonnen und die Wirksamkeit dieses experimentellen Ansatzes an der Hämatologischen Klinik bewiesen. Seither sei das Heidelberger Stammzell-Transplantationszentrum Anlaufpunkt für Patienten aus dem In- und Ausland.
Als zweites Beispiel nannte Ho die Schwerionentherapie. Mit diesem innovativen Ansatz, den Grundlagenforscher und Kliniker gemeinsam entwickelt haben, können früher nicht heilbare Hirntumoren (Chondrosarkome an der Schädelbasis oder maligne Meningiome) nun therapeutisch besser angegangen werden – mit einem Heilungserfolg von 90 Prozent. Inzwischen würden deutschlandweit 70 Prozent aller Patienten mit diesen bislang therapierefraktären Tumoren in einer Heidelberger Studie rekrutiert, erklärte Strahlentherapeut Prof. Jürgen Debus vom DKFZ.
Generell sehen die Heidelberger Kliniker und Wissenschaftler bei der Umsetzung von experimentellen Verfahren in Deutschland noch erheblichen Verbesserungsbedarf. „Es mangelt an Geld für Therapieoptimierungsstudien“, kritisiert Debus. Apoptoseforscher Krammer schildert es plastisch. Für ihn kommt der Weg, ein Verfahren von der Grundlagenforschung in die Klinik zu bringen, „einer Besteigung des Mount Everest gleich“. Da die extrem teuren experimentellen Therapien über den akademisch-wissenschaftlichen Betrieb nicht mehr zu finanzieren seien, sei man auf die industrielle Förderung angewiesen. Auch hier würden die Mittel erheblich knapper, monierte Wannenmacher: Zum einen habe sich ein Großteil der pharmazeutischen Firmen ins Ausland abgesetzt, zum anderen investiere die Industrie erst in Phase-II-Studien.
Trotz einiger internationaler Rückschläge und vielfacher Kritik wird der gegenwärtige Fatalismus gegenüber der Gentherapie am Tumorzentrum Heidelberg/Mannheim nicht geteilt. Gerade bei Tumorerkrankungen sei die Gentherapie nach wie vor ein viel versprechender Ansatz, sagte Dr. Gerhard Moldenhauer (Abteilung Molekulare Immunologie am DKFZ), weil man hier nicht zwingend auf den gefährlichen Gentransfer mit Viren angewiesen sei. In drei Kooperationsprojekten verfolge das DKFZ zusammen mit Ärzten des Universitätsklinikums Mannheim diesen Ansatz weiter. So werden im Rahmen eines Projektes Tumorzellen der Krebspatienten mit kostimulatorischen Molekülen wie Interleukin 2, B7-1 und B7-2 bestückt. Die so veränderten Tumorzellen sollen nach einer Vakzinierungstherapie vom Immunsystem erkannt werden. Damit verbindet man die Hoffnung, residuale Tumorzellen nach konventioneller Behandlung zu eliminieren.
Fallbesprechungen in interdisziplinären Konsilen
Ein zweiter Ansatz: Die Wissenschaftler verändern Killerzellen, also die Effektorzellen des Immunsystems, in ihren
Erkennungseigenschaften dahingehend, dass sie gezielt auf Tumorzellen gelenkt werden können. Dazu wird der Erkennungskomplex auf den Effektorzellen durch Gentransfer so verändert, dass er spezifisch mit einem Tumorantigen reagiert, das die Tumorzelle auf ihrer Oberfläche ausprägt. Diese „umprogrammierten“ Killerzellen können in Gewebekultur vermehrt und dem Patienten anschließend zurückgegeben werden.
Hängt die Behandlungsqualität vom Zufall ab, wie von Kritikern postuliert wird? Auch hier kontern die Wissenschaftler. Was für die Heidelberger Thoraxklinik gilt – die Abstimmung der Therapiestrategie durch ein interdisziplinäres Team –, wird in den Sitzungen der onkologischen Arbeitskreise auch bei anderen Tumorarten praktiziert. Am Klinikum in Mannheim werden niedergelassene Proktologen für die Entwicklung neuer Therapiestrategien beim Rektumkarzinom mit an die Klinik geholt, beschreibt der Direktor der dortigen Chirurgischen Uniklinik, Prof. Stefan Post, das Vorgehen. Fallbesprechungen, die von niedergelassenen Ärzten an das Tumorzentrum herangetragen werden, werden in interdisziplinären Konsilen erörtert.
Das Ziel, dass Patienten mit einer bestimmten Tumorart in eine „Behandlungstür“ hineingehen und dort von Anfang an interdisziplinär adäqat versorgt werden, wird vom Tumorzentrum verfolgt. Ein erster Schritt in diese Richtung ist das „Comprehensive Cancer Center“. In dieser interdisziplinären Tumorambulanz sollen in der Pilotphase zunächst Patienten mit Lymphomen und gastrointestinalen Tumoren wie Pankreaskrebs von einem interdiziplinären Expertenteam betreut werden. Dazu zählen Strahlentherapeuten, chirurgische und internistische Onkologen, aber auch Pathologen und Epidemiologen.
Auch das „heiße Eisen“ Krebsfrüherkennung, die nach Aussage von Weissbach nicht effizient und zu teuer sei, wurde angepackt. Seit der Einführung der gesetzlichen Vorsorgeuntersuchung auf dem Gebiet des Gebärmutterhalskrebses sei die Mortalität der in Deutschland betroffenen Frauen nahezu halbiert worden, betonte Prof. Gunter Bastert, Direktor der Heidelberger Universitäts-Frauenklinik. Beim Brustkrebs mangele es an Daten. Weil es hier kein suffizientes Krebsregister gebe und das Screening nicht – wie in anderen Ländern – überwacht wurde, sei man im Hinblick auf die Bewertung von Behandlungserfolgen bei Brustkrebs in Deutschland auf Hochrechnungen einzelner kleiner Register beziehungsweise europäische Zahlen angewiesen, sagte Bastert.
Die Aufgabe in Deutschland sei es nun, das Brustkrebsscreening nach europäischen Leitlinien auch in Deutschland qualitativ hochwertig umzusetzen. Derzeit werde die Heidelberger Universitäts-Frauenklinik als Brustzentrum einem Zertifizierungsverfahren unterzogen. Er kritisierte, dass sich viele Zentren mit dem Namen „Brustzentrum“ schmückten, ohne den qualitativen Anforderungen zu entsprechen.
Defizite räumte der Leiter des Heidelberger Tumorzentrums bei der Dokumentation ein. Dies resultiere aus einem „überzogenen Datenschutz“, darüber könne man in anderen Ländern nur Kritik üben. Im Tumorzentrum Heidelberg/Mannheim werden jährlich rund 16 000 onkologische Patienten versorgt, davon 6 000 neu Erkrankte. Das Zentrum wird von Bund und Land mit etwa 2,8 Millionen Euro jährlich
gefördert. Ingeborg Bördlein

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema