THEMEN DER ZEIT

Hypochonder

Dtsch Arztebl 2003; 100(41): A-2642 / B-2207 / C-2074

Ripke, Thomas

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Nach dem ersten Tiefschlaf wache ich auf, ein jugendlich gebliebener sportlicher Arzt in seinen 50ern, gestresst, im besten Herzinfarktalter, der als Exraucher gestern drei Zigarillos geraucht hat, jetzt überdreht ist, und dem das Herz klopft. Ich warte auf den Schmerz im linken Brustkorb, den Hinterwandinfarkt, wie ihn Herr Antony, ein Patient von mir, gestern hatte.
Diese Beklemmung, dann diese Rhythmusstörungen: mal ist der Herzschlag zu langsam, mal zu schnell, aber wenn ich den Puls fühle, ist wieder alles normal.
Da liege ich, werde immer wacher und kämpfe gegen einen Konflikt: Ich will zugleich schlafen und nicht schlafen. Ich will meinen Tod nicht verschlafen. Immer wacher werdend, denke ich: „Nie wieder Zigarillos.“
Schließlich schlafe ich (mit blauem Pillchen) doch ein und wache ohne Infarkt wieder auf. Während ich hier schreibe, spüre ich wieder die Beklemmung im linken Brustkorb, aber weniger heftig.
Zwölf Tage später kann ich wieder nicht schlafen; diesmal handelt es sich um hypochondrische Magenkrebsangst wegen leichten Aufstoßens. Am nächsten Morgen gestatte ich mir trotz aller Hypochondrie eine Magenspiegelung. Es ist Magenkrebs.

Thomas Ripke, Sprechzimmergeschichten
Peter Hammer Verlag Wuppertal, 2002
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