ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2003Biologische Kriegsführung: Krieg muss prinzipiell geächtet sein

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Biologische Kriegsführung: Krieg muss prinzipiell geächtet sein

Dtsch Arztebl 2003; 100(41): A-2643 / B-2208 / C-2075

Loeff, Dietrich

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LNSLNS Epidemien haben stets drei Voraussetzungen: Erreger, Übertragungsweg und empfängliche Population. Handlungen, die – ggf. vorsätzlich – die Abwehrkraft der Bevölkerung reduzieren oder ihre sanitärhygienischen Lebensbedingungen verschlechtern, können selbstverständlich Epidemien durch allgegenwärtige Erreger auslösen oder verschlimmern.
Die vom Autor aufgeworfene Frage ist nun, ob deshalb derartige Angriffe als biologische Kriegsführung bezeichnet werden sollen. Seine Intention zielt offenbar – und sehr berechtigt – auf eine Ächtung solcher Kriegspraktiken. Eine zu breite Verwendung des Begriffs „biologischer Angriff“ ist jedoch unzweckmäßig und auch entbehrlich.
Unzweckmäßig ist sie, weil es eine unüberschaubare Vielzahl von Zielen im Bereich des Lebensmittelsektors, des Transports und anderer Dienstleistungsbereiche gibt, deren Zerstörung die Gesundheit der Bevölkerung untergraben. Auch können Angriffe auf Atomkraftwerke, Chemiebetriebe und andere sensible Objekte die unspezifische Resistenz einer Vielzahl Betroffener mindern. Solche Angriffe sind mit beliebigen Waffen und Mitteln durchführbar. Würde man also Roberts folgen, wäre eine Verwässerung des Begriffs „biologische Kriegsführung“ und damit eine Erschwerung der Kontrolle zu erwarten. Kontrollen auf das Vorhandensein biologischer Waffen im herkömmlichen Sinne stoßen – speziell im Forschungsbereich – schon jetzt auf Schwierigkeiten, da z. B. die USA hierbei angeblich Industriespionage im Gentech-Bereich befürchten.
Entbehrlich ist diese Ausweitung des Begriffs, weil Artikel 57 des Zusatzprotokolls zur Genfer Konvention über den Schutz der Zivilbevölkerung (siehe Interpretation bei: www.rotkreuz.de/voelker recht/genfer_konventionen) solche Angriffe auf die Zivilbevölkerung ohnehin verbietet. Jedoch kann vielleicht die Formulierung dieser Konvention anhand konkreter Erfahrungen von Hilfs- und Nichtregierungsorganisationen noch präzisiert werden, um keinerlei Schlupflöcher für Aggressoren offen zu lassen. Unbedingt sollte dabei hervor- gehoben werden, dass die Folgen derartiger Angriffe selbst vom Angreifer nicht ausreichend abschätzbar und beeinflussbar sind.
Versuche, vermeintlichen Feinden mit allen erlaubten oder verbotenen Mitteln zu schaden, können frühestens enden, wenn die Ursachen für bewaffnete Konflikte: Armut, Kampf um knapper werdende Rohstoffe und Ressourcen, profitabler Waffen- und Drogenhandel sowie eine weithin als ungerecht wahrgenommene Weltordnung unter dem „Terror der Ökonomie“ (Viviane Forrester), durch erträglichere Zustände abgelöst werden. Krieg muss prinzipiell geächtet sein. Geringer darf der Anspruch an uns selbst nicht sein. Weder der Weg dahin noch dieses Ziel sind aber gegenwärtig klar beschreibbar. Also sind kleine Schritte erforderlich. Dazu gehört auch, alle großen und kleinen Mächte dieser Welt in eine internationale Rechtsordnung so einzubinden, dass Alleingänge, wann, durch wen und mit welcher „Begründung“ auch immer, erschwert werden. Die Ärzteschaft kann dazu durch Offenlegung von Folter, von Repression, von Leiden der Zivilbevölkerung, durch Linderung von Not und Kriegsfolgen und durch ihre internationale Solidarität mit bedrohten Kolleginnen und Kollegen einen kleinen, aber wichtigen Beitrag leisten.
Dr. med. Dietrich Loeff, Inselstraße 23 c, 03046 Cottbus
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