ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2003Weiterbildung: Nicht zu begreifen

BRIEFE

Weiterbildung: Nicht zu begreifen

Dtsch Arztebl 2003; 100(41): A-2645

Feudell, Peter

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die Psychiatrie hatte zunächst Zeit gebraucht, um den schädlichen Makel aus der Nazizeit vergessen zu machen. Länger dauerte der begonnene Streit um Ansprüche der Neurologie, die von der Psychiatrie als die kleine Schwester betrachtet und von ihr als solche behandelt und geduldet wurde. Erst als die Neurologie zu weit über die Psychiatrie hinausgewachsen war, wurde sie aus dem großen Reich der Psychiatrie entlassen und fachlich für selbstständig und unabhängig erklärt.
Die Abtrennung der Neurologie war nicht zu verhindern und ist sehr zu begrüßen. Teilweise wird heute noch am Erwerb des Doppelfacharztes und der Bezeichnung Nervenarzt festgehalten. Vermutlich sprechen wirtschaftliche Gründe dafür, die Reputation der Neurologie noch weiterhin zu benutzen. Unverständlich ist aber, dass neuerdings die Psychiater ihren Namen aufgeben und sich „Facharzt für psychische Erkrankungen“ nennen wollen, zumal es schon einen „Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie“ gibt.
Zu meiner in die letzten Kriegsjahre fallenden Studentenzeit lernte man in der Psychiatrie die Krankheiten kennen, die als Organ das Gehirn betreffen. Nebenher erfuhr man manches über Psychopathien und Neurosen. Meine Doktorarbeit damals schrieb ich über psychische Störungen der Zivilbevölkerung im Krieg nach Fliegerangriffen. Seitdem hat sich vieles sehr geändert. In den Vordergrund rückten psychische und seelische Störungen, die nicht nur neue Namen, sondern erstmals einen Krankheitswert bekamen, den es zuvor nicht gab. Heute gelten psychische Störungen und Auffälligkeiten als Krankheiten, die nicht nur therapiebedürftig, sondern auch versicherungswürdig und versicherungspflichtig sind. Psychologen betreiben diagnostische und therapeutische Medizin, ohne Medizin studiert zu haben, und rechnen ihre Arbeit mit Krankenkassen ab.
Vom Verband der psychologischen Therapeuten wird gewünscht und verlangt, dass der Anspruch von Versicherten auf Psychotherapie gesetzlich verankert bleibt und dass Versicherte direkt einen Psychologen aufsuchen können, ohne vorher bei einem Arzt gewesen zu sein.
Dass damit die Mehrheit der Ärzte einverstanden sein soll, ist eigentlich nicht zu begreifen!
Prof. Dr. Peter Feudell, Kietzstraße 5, 04179 Leipzig
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige