ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2003Kardiovaskuläre Manifestationsformen der Lyme-Borreliose: Ergänzungen notwendig

MEDIZIN: Diskussion

Kardiovaskuläre Manifestationsformen der Lyme-Borreliose: Ergänzungen notwendig

Dtsch Arztebl 2003; 100(41): A-2667

Haufs, Michael G.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Das Erythema chronicum migrans wird nicht nur von vielen Patienten nicht bemerkt, sondern tritt längst nicht obligat nach einem Zeckenstich (adulte Zecken und kleine Nymphen) auf und ist klinisch auch nicht immer eindeutig zu diagnostizieren. Zur richtigen Differenzialdiagnose kann im Vorfeld auch die Frage an den Patienten hinsichtlich zurückliegender Aufenthalte im Freien führen. Hier lauert die Zecke übrigens bodennah und befällt uns in der Regel nicht von Bäumen.
In einer willkürlichen Auswahl aktueller deutschsprachiger Literatur ist bis heute mehrheitlich von der Lyme-Borreliose die Rede (4, 5). Dies ist meines Erachtens aus mehreren Gründen nicht korrekt. Zum einen han-
delt es sich im Vergleich zu den USA (Ixodes scapularis und Ixodes pacificus) bei uns in Mitteleuropa um eine andere Zeckenspezies (nämlich Ixodes ricinus), die zum anderen unterschiedliche Borrelienspezies übertragen (USA: vor allem Borrelia burgdorferi sensu stricto; in Mitteleuropa vor allem Borrelia garinii, Borrelia afzelii sowie Borrelia burgdorferi sensu lato). Es wurde inzwischen erkannt, dass die verschiedenen Borrelienspezies offensichtlich eine variable Organotropie besitzen. Tatsächlich zeigt sich, dass die für das Stadium 3 charakteristische und noch Jahre nach einem Stich mitteleuropäischer Zecken auftretende Acrodermatitis chronica atrophicans Herxheimer in den USA fast nie beobachtet wird (1). Klinisch stellt sich diese durch eine livide verfärbte und zigarettenpapierartig gefältete Haut mit Verlust des subkutanen Fettgewebes dar. Vor allem nach Infektion mit Borrelia afzelii und augenscheinlich nicht nach Borrelia burgdorferi kommt es zu derartigen signifikanten Hautmanifestationen. Nicht zuletzt deshalb sollte man in Mitteleuropa meines Erachtens von einer Borreliose und nicht von einer Lyme-Borreliose sprechen, da es sich wahrscheinlich bereits aus den oben erwähnten Gründen um distinkte Entitäten handelt.
Ergänzend sei nicht nur aus didaktichen Gründen erwähnt, dass die Zecke nicht beißt, sondern sticht (2). Diese Feststellung besitzt mehr als nur einen rein akademischen Charme. Das Vorderende des Zeckenkörpers ist nämlich zu einem Saugrohr ausgezogen, das sich langsam in die Haut einschiebt und einen Widerhaken besitzt. Darüber hinaus umfasst der Begriff „bite“ im angelsächsischen Sprachraum nicht nur das „Beißen“, sondern auch das „Stechen“ eines Insekts. Richtig entfernt man eine Zecke übrigens bei gestraffter Haut mit einer Pinzette oder einer „Zeckenzange“, indem man sie direkt über der Hautoberfläche greift und langsam sowie senkrecht herauszieht (3). Da Zecken kein „Gewinde“ haben, ist von einigen mehr oder weniger temperamentvollen, gelegentlich immer noch veröffentlichten Empfehlungen abzuraten: nämlich die Pinzette mitsamt der Zecke während des Entfernens „schraubenzieherartig“ nach rechts oder links zu drehen.

Literatur
1. Braun-Falco O, Plewig G, Wolff HH: Dermatologie und Venerologie. Berlin Heidelberg New York Tokyo: Springer: 4. Auflage 1995: 169.
2. Loeser C, Mehlhorn H, Schill WB: Die Zecke sticht! Betrachtungen über ein Misnomer. Hautarzt 2002: 53: 91–92.
3. Sterry W, Paus R: Checkliste Dermatologie. Stuttgart New York: Georg Thieme: 4. Auflage 2000: 676.
4. Stiefelhagen P: Das Chamäleon unter den Infektionen. Fortschr Med 2001; 18: 4–9.
5. Weber K, Wilske B, Matuschka FR, Pfister HW: Lyme-Borreliose. Hautarzt 1996; 47: 724–733.

Dr. med. Dr. rer. nat. Michael G. Haufs
Dermatologische Abteilung im BGFA
Ruhr-Universität Bochum
Bürkle-de-la-Camp-Platz 1, 44789 Bochum

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige