ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2003Kunst in der DDR: Ein unverkrampfter Blick zurück

VARIA: Feuilleton

Kunst in der DDR: Ein unverkrampfter Blick zurück

Dtsch Arztebl 2003; 100(41): A-2669 / B-2228 / C-2094

Lange, Joachim

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LNSLNS Die neue Nationalgalerie Berlin versucht eine Retrospektive über ein
abgeschlossenes und immer noch aufregendes Kapitel deutscher Kunstgeschichte.

Der Auftakt im Foyer des Mies-van-der-Rohe-Baues der Neuen Nationalgalerie ist vor allem einladend. Durch seinen Hintersinn. Nach Fritz Cremers eindrucksvoller Plastik „O Deutschland, bleiche Mutter“ (1961 bis 1965) auf dem Vorplatz bilden drinnen je ein großformatiger A. R. Penck (1974), ein Werner Tübke („Weihnachtsnacht 1524“, 1982) und ein Hermann Glöckner („Achtfach reflektierter Strahl“, 1977) die schwebende Empfangstrias für die seit ihrer Eröffnung stark besuchte Ausstellung.
13 Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR setzen die Kuratoren Eugen Blume und Roland März auf den Reiz ausgeprägter Handschriften und suchen nach ästhetischer Qualität jenseits des in den vier DDR-Jahrzehnten proklamierten Selbstbildes, aber auch jenseits der aufgestauten, verständlichen Verbitterung der einst aus dem Land Gedrängten. Gelungen ist ein unverkrampfter Blick zurück und einer, der Gegenständlichkeit und Sinnsuche nicht per se verdächtigt. Es ist fast schon eine Rehabilitierung nach den überhitzten ideologieüberschatteten Nachhutgefechten, an denen bislang retrospektive Versuche gescheitert waren, dem Phänomen DDR-Kunst beizukommen.
Man kann vieles gegen die Schau der 390 Exponate von 145 Künstlern einwenden, fehlende Namen oder die Unterbelichtung mancher Kunst-Orte ebenso wie eine gewisse Berlin-Lastigkeit – das ist das Schicksal jeglicher Auswahl. „Kunst in der DDR“ meint mit exemplarischem Anspruch die dort entstandene Kunst. Und zwar jene, die im politischen Auftrag und mit dem Segen der Mächtigen entstand, aber auch jene, die gegen die Repressionsversuche eines Staates zustande kam, der sich gerne vom „Geist“ legitimiert und von den Künstlern am liebsten gelobt und gefeiert sehen wollte. Die Ausstellung ist ein Gang durch die Geschichte vom Auftakt dezidiert antifaschistischer Haltung bis hin zum Wetterleuchten des Abgesangs und dem Scheitern der Utopien.
Sie thematisiert in den 20 ineinander greifenden Räumen verschiedene Facetten. So vor allem das Weitertragen deutscher Maltraditionen. Am Beispiel der eigensinnigen Dresdner Schule, zusammengefasst unter dem Stichwort „Poesie des Alltags“ und „Peinture Elbflorenz“, oder in den Exponenten der Leipziger Schule. Die Berliner kamen gegen diese „Leuchtkraft“ nicht nur der Farben, sondern auch des Sinnanspruchs und des Ausschreitens des malerischen Gestus nie wirklich an. Freilich lässt sich bei den ausgewählten Werken ohnehin keines auf den Nenner Staats- oder Widerstandskunst simplifizieren. „Staatsmaler“ Tübkes „Sizilianischer Großgrundbesitzer vor Marionetten“ (1972) etwa ist einer am Italienreisen gehinderten Bevölkerung kaum als DDR-Werbung erschienen. Andererseits hatten auch die genialischen großen Einzelgänger Carl Friedrich Claus, Gerhard Altenbourg, aber auch Hermann Glöckner ihre Anhänger, ihren „Markt“. Dr. Joachim Lange

Die Ausstellung ist bis 26. Oktober in der Neuen Nationalgalerie, Potsdamer Straße 50, Berlin, zu sehen. Katalog: G+H Verlag Berlin, 360 Seinen, 22 Euro, gebunden 36 Euro; Bestandsverzeichnis:
Verlag E. A. Seemann Leipzig, 312 Seiten, 24,90 Euro, mit CD-ROM, 29,90 Euro
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