ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2003Strahlenschutz: Glaubensfragen

POLITIK: Die Glosse

Strahlenschutz: Glaubensfragen

Dtsch Arztebl 2003; 100(42): A-2697 / B-2251 / C-2113

Schützler, Werner

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LNSLNS Als Diagnostiker bin ich immer bemüht, den Sachen auf den Grund zu gehen. Da ich auch nach längerem Grübeln nicht begriff, was denn der Gesetzgeber mit einer rechtfertigenden Indikation gemeint haben könnte, habe ich nach der Lektüre des Beitrags von Burkhard Bauer und Richard Veit (DÄ, Heft 31–32/ 2003) im „Brockhaus“ nachgelesen in der Hoffnung, mehr über die gedanklichen Hintergründe des Bundesamtes für Strahlenschutz und des Instituts für Strahlenhygiene zu erfahren.
Und ich fand derart Wunderbares, dass ich es mitteilen muss. Auch viele Leser werden es sicher zum Wundern finden.
Ich zitiere: „Rechtfertigung die,-/-en 1) nach kath. Lehre die Fähigkeit des Menschen, mit dem übernatürl. Beistand der wirkenden Gnade (und um der Verdienste Christi willen) durch Heilsakte seine R. vor Gott zu bewirken. Die R. tilgt bes. die Erbsünde, sie beginnt mit der inhaltl. Annahme des Glaubens (Vollzug in der Taufe).
2) in der evang. Theologie die Grundlehre der Reformatoren, die Lehre von der R. allein aus dem Glauben (sola fide), Grund der Gnade Gottes (sola gratia). Danach vermag der Mensch von sich aus nichts, um das durch die Sünde gestörte Verhältnis zu Gott wiederherzustellen. In dem ihm von Gott aus freier Güte geschenkten Glauben nimmt der Mensch Gnade und R. an.“
Ist das nicht eine schöne Definition? Und es gibt keine andere. – Irgendwie hatte ich es schon geahnt, dass es nur scheinbar um Zahlenwerte und in Wahrheit um Glaubensfragen in der Strahlenschutzverordnung geht. Vielleicht könnte man jetzt die so genannte Freimessung von eventuell kontaminierten Räumen mit dem Wort „Absolution“ belegen. Eine Strahlenschutzuntersuchung könnte man mit einer Beichte verbinden.
Sigmund Freud würde sicher fröhlich mitdeuten, was denn tatsächlich unter der „rechtfertigenden Indikation“ im tiefenpsychologischen Sinne zu verstehen sei.
Man unterstellt also den Röntgenstrahlen und der Radioaktivität, dass sie lebensfeindlich seien, denn sicher nachweisen kann man im so genannten Niedrigdosisbereich nichts.
Viele Planeten haben die Astronomen auf Leben hin untersucht – ohne Erfolg. Aber ausgerechnet so ziemlich der einzige Planet, der radioaktiv ist, nämlich die Erde, hat Leben hervorgebracht. Wenn das die für den Strahlenschutz Verantwortlichen wüssten, wahrscheinlich würden sie die Erde verbieten oder anordnen, dass das Leben woanders hingehen müsse. Aber die armen Strahlenschützer müssen ja auch damit leben, dass die Menschen in Kerala (ein Teil von Indien mit aberrant hoher Strahlenexposition für die dort lebenden Menschen) alt werden.
Das ist alles so schwer zusammenzufügen, dass in der Tat wohl nur noch glauben hilft.
Ich für meinen Teil bin durch diese Erklärung nur teilweise getröstet, denn meine Patienten kommen, weil sie Hilfe und Diagnose brauchen, und sie kommen in der Regel nicht, damit ich sie vor Strahlen schütze. Dr. med. Werner Schützler
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