ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2003Selbsthilfe-Forum: Mehr Systematik gefordert

POLITIK

Selbsthilfe-Forum: Mehr Systematik gefordert

Dtsch Arztebl 2003; 100(42): A-2698 / B-2252 / C-2114

Merten, Martina

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Ein Ausschuss der Hamburger Ärztekammer setzt sich für die Zusammenarbeit von Ärzten mit Selbsthilfegruppen ein – Modellprojekte an Krankenhäusern belegen den Erfolg.

Medizin und Pflege in den Krankenhäusern erhalten zwar hohe Noten, das „Drumherum“ lässt dagegen zu wünschen übrig. Mit diesen Worten beschrieb Prof. Heinz Lohmann, Vorstandssprecher der Landesbetrieblichen Krankenhäuser Hamburg (LBK), vor beinahe einem Jahrzehnt die für Patienten schwierige Situation in Krankenhäusern. Mangelnde Zuwendung, unzureichende Information, zu wenig Service – all das führe dazu, dass sich der Patient im Krankenhaus häufig als Randfigur fühle. Er stand mit seiner Meinung nicht allein. Auch der damalige Hamburger Ärztekammerpräsident Dr. med. Bruno Schmolke hatte hierin bereits einige Jahre zuvor eine Versorgungslücke gesehen. Durch den Besuch mehrerer Veranstaltungen der Hamburger Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (KISS) angeregt, nahm er sich vor, diese Lücke zu schließen.
Stationäre Versorgungslücke soll geschlossen werden
Anfang der 90er-Jahre gründete Schmolke den bei der Ärztekammer Hamburg (ÄKH) eingerichteten „Ausschuss für die Zusammenarbeit von Ärzten und Selbsthilfegruppen“. Dieser versucht seit zehn Jahren, durch Öffentlichkeitsarbeit und die regelmäßige Organisation von gemeinsamen Foren von Selbsthilfe und Ärzten dazu beizutragen, das „Drumherum“ in der Praxis etwas freundlicher zu gestalten. Obwohl die Zusammenarbeit von Ärzten mit Selbsthilfegruppen (SHG) immer häufiger funktioniert und auch von politischer Seite Anstrengungen unternommen werden (siehe DÄ, Heft 20/2003), ist der Ausschuss bisher in seiner Art einzigartig.
„Unsere Arbeit hat dazu beigetragen, dass Hamburg bei der Zusammenarbeit von Ärzten mit Selbsthilfegruppen besonders weit entwickelt ist“, so Prof. Dr. Dr. Alf Trojan, Vorsitzender des Ausschusses und Direktor des Instituts für Medizin-Soziologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Trotzdem motivierte ÄKH-Präsident Dr. med. Michael Reusch auf dem diesjährigen zehnten Selbsthilfe-Forum von ÄKH und KISS dazu, auch weiterhin Anstrengungen zu unternehmen: „Wir müssen die Kooperation von der Ausnahme zur Regel werden lassen – das ist eines unserer zentralen Anliegen.“ Gerade die Zusammenarbeit von Krankenhausärzten mit der Selbsthilfe, die im Mittelpunkt des Forums stand, sei wichtig, da das Krankenhaus der Ort sei, in dem sich der Patient nach einer schlimmen Diagnose und überstandener Operation die Frage stelle, wie es denn nun weitergeht, betonte Reusch.
An vielfältigen Ansätzen der Kooperation, dies wurde auf dem Forum deutlich, mangelt es an Hamburger Krankenhäusern nicht. So bietet zum Beispiel die Selbsthilfegruppe der Kehlkopflosen so genannte Besuchsdienste am Allgemeinen Krankenhaus St. Georg an. Auf Nachfrage kommen einzelne Mitglieder aus der SHG in das Krankenhaus, um anderen Betroffenen von ihren eigenen Erfahrungen zu berichten und zu versuchen, ihnen Ängste zu nehmen. Damit die SHG auch nur die neuesten Informationen mitteilt, lassen sich die Mitglieder regelmäßig in Seminaren der Krankenkassen schulen. „Mittlerweile“, so Prof. Dr. von Scheel, Leiter der HNO-Abteilung in St. Georg, „ist die Zusammenarbeit völlige Routine.“
Auch am UKE stellt eine Selbsthilfegruppe ihr Wissen zu Verfügung, um den dort betroffenen Patienten zu helfen. Damit die SHG, in diesem Fall ehemals Betroffene mit einem Hirn-Aneurysma, bei ihrer Beratung jederzeit ärztliche Unterstützung erhalten, hat der in der Neurochirurgie tätige Arzt Dr. J. Regelsberger einen zusätzlichen Anrufbeantworter aufgestellt, auf den die SHG sprechen kann. „Ich halte die Selbsthilfe am Krankenhaus für etwas Unumgängliches, weil wir als Ärzte einfach nicht die Zeit haben, uns um das Seelenleben der Patienten zu kümmern“, so Regelsberger. Außerdem könnten Ärzte bestimmte Dinge nicht in gleicher Weise vermitteln wie andere Betroffene.
Dass Selbsthilfegruppen auch auf dem Weg sind, in Disease-Management-Pogramme (DMP) eingebunden zu werden, belegte der Bericht der Landesvorsitzenden der Frauenselbsthilfe nach Krebs für Schleswig-Holstein/Hamburg, Christa Hentschel. Mehrere Monate lang, so Hentschel, habe sie im Rahmen eines Modellprojekts der Ärztekammer Schleswig-Holstein zur Entwicklung eines DMP zusammen mit Ärztevertretern, Krankenkassen und Kammer an Sitzungen teilgenommen und ihr Wissen einbringen können. Unter anderem sei ihr wichtig gewesen, Leitlinien in patientenfreundlicher Weise zu formulieren, also so, dass „man sie auch als Laie verstehen kann“.
Systematisierung der Zusammenarbeit
Trotz vieler kleinerer Projekte, diese Erkenntnis stand am Ende des Forums, wird eine Systematisierung der Zusammenarbeit von Krankenhäusern mit der Selbsthilfe, wie sie Lohmann unter anderem forderte, noch Jahre dauern. Zu einer solchen Systematisierung würde auch die Bezahlung der Beratung durch Selbsthilfegruppen gehören – und dies scheint aus dem heutigen Blickwinkel beinahe utopisch. Martina Merten
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema