ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2003Betreuung von älteren Pflegebedürftigen: Sterbehilfedebatte in der Schweiz

POLITIK

Betreuung von älteren Pflegebedürftigen: Sterbehilfedebatte in der Schweiz

Dtsch Arztebl 2003; 100(42): A-2704 / B-2258 / C-2118

Klinkhammer, Gisela

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Der Zugang zu palliativer Medizin sollte allen älteren Menschen garantiert werden. Foto: Jens Schlueter/ddp
Der Zugang zu palliativer Medizin sollte allen älteren Menschen garantiert werden.
Foto: Jens Schlueter/ddp
In der Eidgenossenschaft soll künftig „Suizid unter Beihilfe eines Dritten“ für Ärzte und Pflegepersonal geregelt werden.

Die Zahl älterer Menschen sei wesentlich rascher gewachsen als diejenige der übrigen Bevölkerung: Mitte des Jahrhunderts würden in der Schweiz zehn Prozent der Bevölkerung älter als 80 Jahre sein. Mit dieser „demographischen Entwicklung“ begründete die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) jetzt vorgelegte medizinisch-ethische Richtlinien und Empfehlungen. Die heiklen Passagen in diesen Richtlinien beziehungsweise Empfehlungen mit dem Titel „Behandlung und Betreuung von älteren pflegebedürftigen Menschen“ sind diejenigen, die den „Suizid unter Beihilfe eines Dritten“ regeln wollen.
Demographische Entwicklung
In den nächsten Jahren werde die Anzahl älterer, „vor allem hochbetagter Personen“ deutlich ansteigen, heißt es in der Präambel der Richtlinien. Dies geschehe in einer Zeit „des Wandels traditioneller Familienstrukturen, in einer Zeit, in der sich die Wertvorstellungen stark verändern und der individuellen Autonomie eine immer größere Bedeutung zukommt, in einer Zeit auch mit steigenden Gesundheitskosten“. Kostenanreizsysteme wie Fallpauschalen könnten dazu führen, dass ältere Menschen „frühzeitig aus einem Spital in eine Institution der Langzeitpflege oder nach Hause entlassen werden, ohne dass die notwendigen medizinischen und rehabilitativen Maßnahmen abgeschlossen worden sind“.
Die Richtlinien richten sich an Ärzte, Pflegende und Therapeuten. Die sich daran anschließenden Empfehlungen gelten dann auch für Leitungen von Institutionen der Langzeitpflege sowie für Krankenhäuser und den ambulanten Bereich. Die Richtlinien wollen „der Autonomie der älteren Person einen zentralen Stellenwert einräumen“. Es seien Rahmenbedingungen zu schaffen, die es dem älteren pflegebedürftigen Menschen erlauben, ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu führen.
Eine medizinische Maßnahme darf nur mit der freiwilligen Einwilligung nach Aufklärung der urteilsfähigen älteren Person vorgenommen werden. Bei Urteilsunfähigkeit der älteren Person hat der Arzt oder das Pflegepersonal abzuklären, ob sie eine Patientenverfügung verfasst hat, ob sie eine Vertrauensperson bevollmächtigt hat beziehungsweise ein gesetzlicher Vertreter bezeichnet ist. Freiheitsbeschränkende Maßnahmen sollten grundsätzlich die Ausnahme bleiben. Sie dürfen nur unter ganz bestimmten Bedingungen angewandt werden, wenn zum Beispiel das Verhalten der Person in erheblichem Maße ihre eigene Sicherheit oder Gesundheit gefährdet. Grundsätzlich darf eine solche Maßnahme nur mit Zustimmung der Betroffenen beziehungsweise bei deren Urteilsunfähigkeit mit Zustimmung ihres gesetzlichen Vertreters oder ihrer Vertrauensperson ergriffen werden.
„Der Zugang zu palliativer Medizin, Pflege und Betreuung ist allen älteren pflegebedürftigen Menschen mit chronisch unheilbaren Krankheiten zu garantieren“, heißt es weiter. Doch im Bereich der Palliativmedizin scheinen offenbar auch in der Schweiz Defizite zu bestehen. Jedenfalls wird dem Thema Beihilfe zum Suizid in den Empfehlungen, die sich an die Richtlinien anschließen, breiter Raum eingeräumt. Wenn ältere Menschen Beihilfe zum Suizid wünschen, soll ein „externer, in diesen Fragen speziell kompetenter Arzt“ hinzugezogen werden, empfiehlt die SAMW. Dieser soll sicherstellen, dass „der Entscheid zum Suizid nicht auf Druck Dritter, auf eine mangelhafte diagnostische Abklärung, auf eine psychische Erkrankung oder auf eine nicht adäquate Behandlung oder Betreuung zurückzuführen ist“. Der Arzt soll die Institution vor allem auch auf ihre Praxis der palliativen Betreuung überprüfen.
Die Beihilfe zum Suizid soll vor allem von externem Personal geleistet werden. Das Personal der Institution soll unter anderem aus „Rücksichtnahme auf die übrigen Bewohner nicht an der Vorbereitung oder Durchführung eines Suizids mitwirken“. Pflegeheime oder Krankenhäuser sollten dafür sorgen, „dass nach Durchführung eines Suizids eine angemessene Begleitung und Betreuung der zurückbleibenden Mitbewohnerinnen und Mitbewohner, der Angehörigen sowie des Personals gewährleistet ist“. Der „außergewöhnliche Todesfall“ ist an die zuständige kantonale Behörde zu melden.
In Deutschland sind aktive Sterbehilfe und Tötung auf Verlangen unzulässig. Und dies soll jedenfalls nach Auffassung der Delegierten des Deutschen Ärztetages auch so bleiben. Im Mai hatten sie in Köln in einem einstimmig verabschiedeten Beschluss aktive Sterbehilfe und die Hilfe zur Selbsttötung abgelehnt. Die Schweizer Ärzteschaft begründet ihren Schritt mit der „Realität in der Schweiz“. So sei nach § 115 Strafgesetzbuch die Beihilfe zum Suizid erlaubt, wenn sie nicht aus selbstsüchtigen Beweggründen erfolge, sagte die Generalsekretärin der SAMW, Dr. Margrit Leuthold. Angesichts der veränderten Rechtslage würden Ärzte und Pflegepersonal in Alters- und Pflegeheimen „unvermittelt mit dem Suizidwunsch eines älteren Menschen konfrontiert werden“. Im Jahr 2001 hatte der eidgenössische Bundesrat die Neuregelung gebilligt, wonach Bewohner und Patienten von städtischen Alten- und Krankenheimen in Zürich Suizid mithilfe einer Sterbehilfeorganisation begehen können.
Gefahr eines ethischen Dammbruchs
Die Empfehlungen sollen Leuthold zufolge eine Hilfestellung bieten, wie mit dieser Situation umgegangen werden soll. Unumstritten ist die geplante Neuregelung auch in der Schweiz nicht. So befürchten viele Ärzte und die Kirchen einen ethischen Dammbruch. In ihren – zurzeit noch geltenden – Richtlinien „Ärztliche Betreuung sterbender und zerebral schwerstgeschädigter Langzeitpatienten“ aus dem Jahr 1996 hatte die SAMW noch festgehalten, dass die Beihilfe zum Suizid kein Teil der ärztlichen Tätigkeit sei. Diese Richtlinien würden zurzeit revidiert und voraussichtlich im Spätherbst zur so genannten Vernehmlassung publiziert. Stellungnahmen, auch kritische, würden durchaus ernst genommen und berücksichtigt, sagte Leuthold gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Gisela Klinkhammer
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema