POLITIK: Kommentar

Pflege: Personalmangel

Dtsch Arztebl 2003; 100(42): A-2705 / B-2259 / C-2119

Clade, Harald

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LNSLNS Wurde noch vor etwa 15 Jah-ren für die bundesdeutschen Krankenhäuser der „Pflegenotstand“ ausgerufen und mit nur palliativ wirkenden Maßnahmen notdürftig überwunden, so gibt es seit geraumer Zeit in den Krankenhäusern wieder einen Personalzusatzbedarf – nicht zuletzt infolge der Leistungsverdichtung und der inzwischen auf 17 Millionen Patienten je Jahr gestiegenen Zahl der Krankenhauspatienten. Auch wegen des geänderten Arbeitszeitgesetzes resultiert nach Schätzungen in den Krankenhäusern ein Zusatzpflegepersonalbedarf von rund 10 000 Fachkräften.
Noch mehr zeichnet sich auch im Bereich der Heim- und Altenpflege ein akuter Personalnotstand ab. Allein in den Altenheimen fehlen derzeit rund 20 000 Pflegefachkräfte. Eine gute Pflege nach den gesetzlich verschärften Qualitätsvorschriften in den rund 9 200 Altenheimen ist nicht gesichert. Der Missstand hat dazu geführt, dass oftmals die Personaldecke gestreckt werden muss und nur noch der Mangel verwaltet wird. Die Pflegefachkräfte erbringen Jahr für Jahr neun Millionen Überstunden. Allein in den Altenheimen sind nach Ermittlungen des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung, Köln, rund 3 600 Planstellen im Bereich Pflege nicht besetzt. Wegen der Neugründungen von vertragsverpflichteten Altenheimen und Pflegeeinrichtungen ergibt sich ein Zusatzpersonalbedarf von 400 Stellen. Hinzu kommt: Der Stress am Krankenbett und in der Pflege wächst schier ins Unendliche. Die Folge: Ein Drittel der Pflegekräfte war im vergangenen Jahr längerfristig krank, wesentlich häufiger und mehr als noch ein Jahr davor. Dass hier etwas passieren muss und die Politiker aktiv werden müssten, darauf deuten auch die aktuellen Zahlen hin: Heute gibt es rund 2,1 Millionen Pflegebedürftige. Davon werden rund 605 000 Pflegebedürftige in Heimen versorgt. Die Zahl der Senioren und multimorbiden Patienten, damit auch der Pflegebedürftigen, wächst in den kommenden Jahren sprunghaft. Die geburtenstarken Jahrgänge treten zunehmend in das Senioren- und Pflegealter. Im Alter zwischen 60 und 65 Jahren beträgt die Pflegequote 1,6 Prozent. Bei Senioren über 80 Jahre hingegen hat der Anteil die Rate von 20 Prozent bereits überschritten. Ab dem 90. Lebensjahr sind mehr als 60 Prozent der Hochbetagten pflegebedürftig. Bevölkerungsstatistiker und Gerontologen gehen davon aus, dass die Zahl der Pflegebedürftigen bis zum Jahr 2040 um 50 Prozent steigen wird – bei der unrealistischen Annahme eines unveränderten Gesundheits- und Pflegezustandes. Die Politik muss das zur Kenntnis nehmen. Schließlich hat der 3. Altersbericht der Kommission des Deutschen Bundestages eindringlich darauf hingewiesen. Selbst wenn künftig die Bundesbürger gesünder würden, würden immer noch 2,6 bis 2,7 Millionen Pflegebedürftige auf qualifizierte Pflege angewiesen sein, so das Zentrum für Altersfragen, Berlin.
Immer mehr zeichnen sich Defizite in der Pflegeversicherung ab – 2003 voraussichtlich bereits rund 760 Millionen Euro (Schätzungen der Techniker Krankenkasse). Die bisher noch vorhandenen Rücklagen schmelzen bald dahin. Die Pflegeversicherung wackelt, der bisher konstante Beitragssatz von 1,7 Prozent kommt ins Rutschen (nach oben). Dr. rer. pol. Harald Clade
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