ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2003Versorgungszentren: Inhaltlich enttäuschend

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Versorgungszentren: Inhaltlich enttäuschend

Dtsch Arztebl 2003; 100(42): A-2712

Wille, Elmar

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LNSLNS Ihr Beitrag mag vor dem Hintergrund der Gesundheitsreform zwar in die Zeit passen, aber inhaltlich hat er mich enttäuscht, weil wesentliche Fragen aus ärztlicher Sicht nicht berücksichtigt werden. Sie verschweigen zum Beispiel, dass, initiiert durch die verstorbene SPD-Politikerin Regine Hildebrand, allein im Land Brandenburg Millionen und Abermillionen DM in das Polikliniksystem hineingepumpt wur-
den – und zwar weit über die Anfangs- und Umstellungsphase des Systems hinaus. Auch der Berliner Senat hat, wenn auch weniger umfangreich, Gelder in dieses System gepumpt. Es handelt sich um Steuergelder, die, wohlgemerkt, auch von niedergelassenen Ärzten aufgebracht wurden. Über die Zweckmäßigkeit dieser Investitionen hat bis heute niemand Rechenschaft abgelegt. Niedergelassene Ärzte in den neuen Bundesländern, die mit ihrer eigenen Praxis vor Existenzproblemen stehen, hätten sich als Existenzgründer über eine vergleichbare Direktförderung sicher gefreut.
Auch über innerärztliche Problemfelder ist wenig zu lesen. Haben Sie beispielsweise einmal recherchiert, wie viele Patienten von primärärztlichen Kollegen unter dem Dach der Poliklinik zu Facharztkollegen nach „draußen“ überwiesen werden, weil sie für spezielle Aufgaben dort ein breiteres fachärztliches Spektrum als im eigenen System finden?
„Ärztliche Behandlung losgelöst von der Verwaltung“ – das ist sicher ein Traum aller Ärzte. Doch wie konkret nimmt das den finanziellen Druck von Ärzten, wie Sie schreiben? Offenbar hängt ärztliches Handeln de facto doch vom Reiz der „Leistungszulagen“ ab. Wird eine Abhängigkeit lediglich durch eine andere ersetzt? Wie viel Prozent des Gehalts eines
Poliklinikkollegen sind eigentlich Grundgehalt, und wie hoch ist dann die Leistungszulage? Eine zutiefst spannende Frage, die Auskunft über Abhängigkeiten geben kann und schon deswegen auch den journalistischen Ehrgeiz beflügeln sollte.
Das alles sind ja Dinge, die ich mir (und sicher auch andere Kollegen) nicht aus den Fingern sauge. Schließlich ist es die Politik und sind es die Berater der Entscheidungsträger, die uns eine „Renaissance“ der Polikliniken (pardon: medizinische Versorgungszentren) als Alternative zur „Knechtschaft“ der ambulanten Einzelpraxen und obendrein finanzielle Unabhängigkeit ärztlichen Handelns verkünden.
Apropos Unabhängigkeit: Anlässlich einer Einladung zu einem Tag der Offenen Tür einer Berliner Poliklinik unter der Leitung des von Ihnen zitierten Kollegen Bernd Köppl gab es einen Einladungsflyer, auf dem ich nicht weniger als sieben(!) Firmenlogos pharmazeutischer Unternehmen aus dem Gesundheitsbetrieb entdeckt habe. So viel zur Unabhängigkeit der Betriebsführung von Polikliniken.
Dr. med. Elmar Wille, Vizepräsident der Ärztekammer Berlin, Friedrichstraße 15, 10969 Berlin
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