ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2003Festspiele: Zwischen Event und Tiefgang

VARIA: Feuilleton

Festspiele: Zwischen Event und Tiefgang

Dtsch Arztebl 2003; 100(42): A-2742 / B-2287 / C-2146

Lange, Joachim

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: Katrin Ribbe Szenenfoto aus der Salzburger Woyzeck-Inszenierung
Foto: Katrin Ribbe Szenenfoto aus der Salzburger Woyzeck-Inszenierung
Bayreuth und Salzburg beeindrucken vor allem durch ihre Exklusivität.

Von Sommerpause ist bei den Theatern schon lange keine Rede mehr, denn mit diversen Festspielen und Events lässt sich die Kasse ganz gut aufbessern. Auch neues Publikum gewinnen. An die Exklusivität von Bayreuth und Salzburg freilich kommt keines heran. Die Ausnahmeinstitution auf dem Grünen Hügel ist sogar zu
einem Teil des deutschen Selbstverständnisses avanciert. Sieht man von den wirklichen und Möchtegernpromis einmal ab, dann bleibt die Aura des Authentischen ein „Muss“ für jeden Wagnerianer. Otto Normalzuschauer muss allerdings dafür mehr als ein Jahrzehnt in der Warteschleife ausharren, um an seine Karten zu kommen. Da geht es in Salzburg zwar „demokratischer“ zu, allerdings muss man auch dort tief in die Tasche greifen, wenn man im Festspielbezirk dabei sein will. Beim unvermeidlichen Prominentenschaulaufen, das zu einem Teil wie eine bruchlose Fortsetzung des Eröffnungsdefilees auf dem Grünen Hügel, kurz danach in Salzburg weitergeht, liefen in Österreich heuer Prinz Charles und Camilla allen anderen „Von und Zus“ den Rang ab.
In Bayreuth schaffte das ausgerechnet Gerhard Schröder. Sein „Bayreuthdebüt“ war zugleich das eines amtierenden Bundeskanzlers. Dahinter steckte freilich nicht ein plötzlich erwachtes „Interesse“ des Regierungschefs an der Oper, sondern ein Wunsch des japanischen Ministerpräsidenten Koizumi. Zum großen „Erweckungserlebnis“ taugte die dafür ausgesuchte „Tannhäuser“-Inszenierung von Philippe Arlaud aber nicht – trotz des Wagnerstatthalters Christian Thielemann im Graben. Besser wäre der neue „Holländer“ von Claus Guth gewesen, denn mit ihm hat so etwas wie eine Wende hin zur szenischen Moderne begonnen. Dem nun endgültig abgespielten, wenig packenden „Ring“ von Jürgen Flimm wird in drei Jahren der des Filmemachers und Opernneulings Lars von Trier nachfolgen. Christoph Marthaler und Anna Viebrock werden sich in zwei Jahren der Aufgabe stellen, sich an Heiner Müllers singulärem „Tristan“ zu messen.
Peter Ruzicka hat es in Salzburg, nicht nur wegen der viel breiteren Anlage der Festspiele, schwer, einen erkennbar künstlerisch profilierten Kurs – und zwar jenseits von eingefahrenen „Jedermann“-Gewohnheiten und Star-Opulenz – zu halten. Budgetbedingt wurden nämlich gerade da die Abstriche gemacht und sowohl die Befragung randständigerer Strauss-Opern als auch die „Rehabilitierung“ ehemals exilierter Komponisten mit konzertanten Versionen auf Alibiformat reduziert. Und doch bietet Salzburg immer noch so viele Neuproduktionen wie ein großes Opernhaus im ganzen Jahr – dazu Schauspiel, einschließlich Nachwuchs-Wettbewerb, jede Menge Konzerte und Liederabende der Luxusklasse.
Bayreuther Festspiele 2003: Das Rheingold, 4. Szene Foto: © Bayreuther Festspiele GmbH/Jochen Quast
Bayreuther Festspiele 2003: Das Rheingold, 4. Szene Foto: © Bayreuther Festspiele GmbH/Jochen Quast
Als geglücktes Wagnis hat sich die Entscheidung Ruzickas für das Mozart-Duo Martin Kusej und Nikolaus Harnoncourt herausgestellt. Da glänzte zum noblen Mozartklang der Wiener Philharmoniker ein ausgesuchtes Sängerensemble. Sogar die Uraufführung der erklärtermaßen letzten Oper von Hans Werner Henze, „L’Upupa und der Triumph der Sohnesliebe“, wurde zu einer Sternstunde. Garantiert sind die freilich nicht. Die mit großen Vorschusslorbeeren bedachte Neuinszenierung von „Hoffmanns Erzählungen“ geriet dagegen zu einem museumsreifen Staubfänger. Oder die kapriziöse „Diva“ Angela Gheorghiu – sie „reicherte“ ihren Liederabend nicht nur mit dauernden Auf- und Abtritten, sondern schon nach 25 Minuten auch mit einer Pause an. Während dies beim Publikum durchging, spielte es vor allem in der turbulenten „Entführungs“-Inszenierung des jungen, talentierten Norwegers Stefan Herheim und in Michael Thalheimers blutig konsequenter Woyzeck-Umdeutung in der Rolle des pöbelnden Zwischenrufers lautstark mit.
Dass in Salzburg nicht alles so leicht und süß ist wie die berühmten Nockerln, zeigte auch der Hickhack mit Schauspielchef Jürgen Flimm. Der hat vorfristig das Handtuch geworfen, vor allem weil er das Schauspiel beim Festival gefährdet sieht. Dieses Knirschen im Festspielgetriebe ist nicht nur Folge von Finanzierungssorgen, sondern auch ein Vorbote des monströsen Jubeljahres 2006, bei dem nicht weniger als alle 22 Mozartopern aufgeführt werden sollen. Dr. Joachim Lange
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema