Supplement: Reisemagazin

Flugangst: Stress über den Wolken

Dtsch Arztebl 2003; 100(42): [15]

Korzilius, Heike

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Wer Angst vorm Fliegen hat, befindet sich in guter und großer Gesellschaft. 500 Millionen Menschen weltweit sollen betroffen sein. Seminare für entspanntes Fliegen vermitteln Strategien gegen die Flugangst.

Pünktlich um halb zehn am Samstagmorgen hat sich die kleine Gruppe im Konferenzzentrum des Köln/Bonner Flughafens versammelt – neun Frauen und Männer, die eins eint: die Angst vorm Fliegen. Die meisten verfügen über Flugerfahrung, müssen oder müssten auch dienstlich regelmäßig fliegen. Zwei Teilnehmer sind noch nie geflogen: Hella, weil sie Angst vor der Enge hat, Michael, weil er der Sicherheitstechnik nicht vertraut.
Man kann es ihm nicht verdenken. Ins Gedächtnis eingebrannt haben sich die Fernsehbilder von Flugzeugkatastrophen, von brennenden Wrackteilen, von hunderten Toten. Gegen die Macht solcher Bilder kommt die Statistik nicht an. Weltweit sterben jährlich 100 000 Menschen bei Autounfällen, in der Luftfahrt waren es im Durchschnitt der vergangenen 15 Jahre etwa 700. Die Fakten sind eindeutig. „Das gefährlichste am Fliegen ist der Weg zum Flughafen“, sagt Rudolf Krefting, der seit 21 Jahren im Auftrag der Deutschen Lufthansa Seminare für entspanntes Fliegen leitet. Auch das hat jeder schon einmal gehört – allein, es fehlt der Glaube. Ob sich dies im Laufe von zwei Seminartagen ändern wird?
Motiviert sind alle. Klaus und Ines haben nach unangenehmen Erlebnissen seit Jahren kein Flugzeug mehr betreten. Aus beruflichen Gründen lässt sich dieser selige Zustand jedoch kaum noch aufrechterhalten. Peter, der ständig auf Dienstreisen ist, kann das Fliegen nicht vermeiden und ist inzwischen der Ansicht, dass Tabletten keine Lösung sind. Ich bin zuletzt zwölf Stunden mit dem Zug nach Graz gefahren, um den Flug zu vermeiden. Das (Berufs-)Leben wird nicht unkomplizierter.
„Das Seminar ist kein Ersatz für eine Psychotherapie“, betont Rudolf Krefting. „Unser Vorgehen ist konzentriert auf Veränderung, nicht auf Ursachenforschung. Ich muss nicht wisssen, woher die Angst kommt, sondern ich muss mit ihr umgehen lernen.“ Ziel ist es deshalb, den Teilnehmern Strategien zur Angstbewältigung zu vermitteln und sie durch gezielte Information dazu zu bringen, das Geschehen beim Fliegen realistischer einzuschätzen. Den Samstagnachmittag gestaltet von daher Lufthansa-Pilot Alexander Jess.
Neben psychologischen Strategien soll auch gezielte Information der Piloten den Teilnehmern bei der Bewältigung ihrer Flugangst helfen. Fotos: Lufthansa
Neben psychologischen Strategien soll auch gezielte Information der Piloten den Teilnehmern bei der Bewältigung ihrer Flugangst helfen.
Fotos: Lufthansa
Zunächst gilt es, die eigenen Ängste zu beschreiben. Sie reichen von großem Unbehagen bis zur Panik. Die Angstauslöser sind vielfach ähnlich: Enge, Absturz, Angst vor dem Tod, vor unbekannten Geräuschen während des Fluges, vor Turbulenzen, Angst vor dem Start. – Ich schaue immer auf die Uhr, weil die meisten Flugzeuge kurz nach dem Start abstürzen. Sind die ersten Minuten vorbei, entspanne ich mich. Schwitzen, Kreislauf- und Magenbeschwerden, Herzklopfen, Schwindel, aber auch Panik sind die Folgen d
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ieser Ängste. „Wir können lernen, das Angstgeschehen zu beeinflussen“, sagt Psychologe Krefting. „Flugangst ist erlernt, folglich kann sie wieder verlernt werden.“ Nach psychologischen Informationen über die Angst, beginnen wir mit der Bewältigung der körperlichen Signale. Angst geht einher mit Muskelverspannungen – eine Erkenntnis des amerikanischen Physiologen Edmund Jacobson. Er wies nach, dass bei einer entspannten Muskulatur ein intensives Angsterleben nicht möglich ist. Daraus leitete er seine Entspannungstechnik „Die progressive Relaxation“ ab, bei der die Entspannung der Muskulatur über den Umweg vorheriger Anspannung erreicht wird. Zusätzlich trainieren wir „Feuerwehrübungen“, die in wenigen Sekunden zur Entspannung führen und deshalb für die Anwendung im Flugzeug besonders geeignet sind. Dabei spannt man möglichst viele Muskeln an, hält die Spannung einige Sekunden und entspannt. Wichtig zur Bewältigung der Angst sind auch die Atem-
übungen. Diese Strategien beruhigen in erster Linie diejenigen, die unter Panikattacken leiden.
Anderen helfen vor allem die Ausführungen von Alexander Jess. Der Pilot macht einen kompetenten und Vertrauen erweckenden Eindruck. Das Fliegen ist sein Beruf – allein diese Tatsache rückt den Flug in den Bereich des „Normalen“. Er erklärt die Ausbildung der Piloten und deren regelmäßige Überprüfung. Viermal im Jahr müssen sie nachweisen, dass jeder Handgriff sitzt. Zwei dieser Checks finden im Simulator statt. Dort werden auch Notfälle, wie ein Triebwerksausfall beim Start, durchgespielt. „Das können wir im Schlaf“, betont Jess. Wir glauben ihm. Außerdem beantwortet er Fragen zu Turbulenzen – unangenehm, aber ungefährlich –, zu Start und Landung, zu den sich ändernden Geräuschen während des Fluges, der Gefährlichkeit von Gewittern oder die Frage, warum ein Flugzeug fliegt. Die Besichtigung einer Boeing 737 soll uns mit der Technik vertraut machen. Dabei erklärt Jess, dass alle lebenswichtigen Systeme doppelt, dreifach oder sogar vierfach an Bord vorhanden sind. „Redundanz ist eines der obersten Gebote im Flugzeugbau“ – beruhigend zu wissen.
Der Abschluss des Seminars ist der „Testflug“ nach Berlin am Sonntag. Pamela fliegt nicht mit. Unüberwindlich ist ihre Angst. Das Seminar war für sie offenbar nicht das richtige Angebot. Die anderen hingegen sind nach der Rückkehr einen wesentlichen Schritt weitergekommen. „Die schlimmsten Zeiten sind vorbei“, sagt Peter. Er ist überzeugt, bei künftigen Flügen auf Medikamente verzichten zu können. Auch Klaus hat den Flug ohne Panikattacke überstanden: „Ich hatte großes Vertrauen in meine Strategie.“ Für mich war es der entspannteste Flug seit langem. Ich habe nach dem Start nicht auf die Uhr gesehen. Heike Korzilius



Seminare für entspanntes Fliegen bietet die Agentur Texter-Millott in Zusammenarbeit mit der Deutschen Lufthansa an. Das Seminar kostet 750 Euro. Kontakt: Hohenstaufenstraße 1, 80801 München, Telefon: 0 89/ 39 17 39, Fax: 0 89/33 60 04,
E-Mail: agentur-texter@t-online.de, Internet: www.flugangst.de
Literatur: Rudolf Krefting, Ahmet Bayaz: Entspannt fliegen. Strategien gegen die Flugangst. Stuttgart: Georg Thieme Verlag 2000.

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