ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2003Ambulante Versorgung: Die Praxisgebühr kommt

POLITIK

Ambulante Versorgung: Die Praxisgebühr kommt

Dtsch Arztebl 2003; 100(43): A-2761 / B-2303 / C-2159

Rieser, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die Kassenärztliche Bundesvereinigung fordert, dass die Ärzte einen Teil
der Gebühr für den Verwaltungsaufwand behalten dürfen.

Möglichst unbürokratisch und möglichst gerecht“ – so muss das Verfahren zum Einzug der Praxisgebühr nach Meinung von Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm angelegt sein. „Wenn es schon solche Patienten und Ärzte belastenden Regelungen geben muss, dann ist es unsere Pflicht, für eine praktische Umsetzung zu sorgen“, betonte der Erste Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in der vergangenen Woche in Berlin.
Für den Zorn vieler betroffener Kollegen hat Richter-Reichhelm Verständnis: „Die Kröte, die die Ärzte mit dem Einzug der Gebühr schlucken müssen, ist groß.“ Man schlucke sie widerwillig, sagte er, und zwar im Interesse des Gesamtsystems und seiner Funktionsfähigkeit. Schließlich soll die Finanzbasis der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) durch Zuzahlungen der Versicherten in Höhe von rund 3,2 Milliarden Euro jährlich stabilisiert werden. Etwa 2,6 Milliarden davon, so schätzt die KBV, soll die Praxisgebühr einbringen.
Das GKV-Modernisierungsgesetz schreibt vor, dass Krankenkassen und KBV das Reglement zum Einzug der Praxisgebühr gemeinsam festlegen. Also wird mittlerweile verhandelt. Bis November sollen die Einzelheiten vertraglich fixiert werden. Ziel müsse es sein, klare Regelungen zu treffen und das Inkassorisiko von den Vertragsärzten zu nehmen, forderte Dr. med. Andreas Köhler, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der KBV. Prinzipiell soll deshalb ab Januar in den Praxen gelten: Erst zahlen, dann behandeln – zumindest, was die Praxisgebühr anbelangt.
Wenn ein Patient die zehn Euro nicht dabei hat, dann sollten Ärzte und Psychotherapeuten eine Behandlung ablehnen können, findet die KBV. Ausnahmen müsse es für Notfallbehandlungen und für Leistungen im organisierten Notfalldienst geben. In diesen Fällen sei eine Bezahlung im Nachhinein gerechtfertigt. Dass mancher Arzt dann auf der Forderung sitzen bleiben wird, weiß auch die KBV. „Hier wird man ein verstärktes Risiko der Nichtbezahlung einkalkulieren müssen“, sagte Richter-Reichhelm. Deshalb sollen die Ärzte in solchen Notfällen den Einzug der Praxisgebühr ihrer Kassenärztlichen Vereinigung (KV) überlassen dürfen. Derartige Abtretungsverfahren sind bei privatärztlichen Liquidationen über Verrechnungsstellen üblich.
Darüber hinaus will sich die KBV dafür einsetzen, dass die Praxisgebühr ohne weitere Ausnahmetatbestände erhoben wird. Alles andere, so die Befürchtung, würde das Verfahren nur komplizieren. Das heißt, dass die Ärzte eine Praxisgebühr tatsächlich nur dann nicht erheben müssen, wenn
- der Versicherte das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hat,
- ein Überweisungsschein vorliegt,
- eine der gesetzlichen Ausnahmeregelungen greift (Schutzimpfung, Prävention),
- eine aktuelle Bescheinigung über eine Zuzahlungsbefreiung vorhanden ist.
Hin- und Herbuchereien vermeiden
Aktuell hieße nach Auffassung der KBV: Ausstellung nach dem 31. Dezember 2003. Fixiert haben will man weiterhin einen Passus, wonach eine nachträgliche Vorlage eines Überweisungsscheins oder einer Befreiung nicht von der Zahlung der Praxisgebühr entbindet. So sollen offenbar aufwendige Hin- und Herbuchereien vermieden werden.
In allen anderen Fällen als den zuvor angeführten müssten die Vertragsärzte die Praxisgebühr einziehen – also auch bei telefonischen Kontakten in Zusammenhang mit der Abrechnung der Leistungen nach den Nummern 2, 3 und 170 EBM. Fällig würden zehn Euro weiterhin, wenn ein Versicherter wegen einer Impfung oder einer Früherkennungsuntersuchung zum Arzt geht, sich dann aber herausstellt, dass er zusätzlich behandelt werden muss. Was, wenn zwar eine Überweisung vorliegt, der damit aufgesuchte Arzt jedoch nur noch einen Termin im Folgequartal anbieten kann? Auch hier würden nach der Gesetzeslogik zehn Euro fällig, stellt die KBV klar. Für diesen Fall muss laut Köhler allerdings vorgesehen werden, dass der Überweisungs- in einen Originalschein umgewandelt werden darf.
Hintergrund: Zur Abrechnungserleichterung sollen die Vertragsärzte in Zukunft den Einzug der Praxisgebühr gegenüber ihrer KV grundsätzlich dadurch dokumentieren, dass sie auf einem Originalschein abrechnen. Die Verwendung eines Überweisungsscheins würde automatisch belegen, dass keine Gebühr erhoben wurde. Zulässige Ausnahmen ließen sich mithilfe verschiedener Kennzeichnungen dokumentieren. Auf der Basis dieser Daten würden die KVen die Krankenkassen informieren. Im Idealfall ginge die Summe der einbehaltenen Praxisgebühren fehlerfrei aus dem Honorarbescheid hervor. Dies würde zugleich die Dokumentation gegenüber dem Finanzamt erleichtern.
Für die Leistungserbringung im Vertretungs- oder Urlaubsfall werden noch Regelungen gesucht. Auch über die Art der Quittung wird noch verhandelt. Klar ist aber, dass die KBV für die Vertragsärzte einen Anteil an der Praxisgebühr fordert. Damit soll der Verwaltungsaufwand kompensiert werden. Sabine Rieser
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema