ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2003Zuzahlungen: Vieles wird teurer (Folge 9)

POLITIK

Zuzahlungen: Vieles wird teurer (Folge 9)

Dtsch Arztebl 2003; 100(43): A-2762

Merten, Martina

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Ab 2004 gilt für die Patienten eine Vielzahl neuer ZuzahlungsRegelungen – manche bisherigen Leistungen fallen weg.

Geben und Nehmen: Künftig werden die Patienten an ihren Krankheitskosten stärker beteiligt, im Gegenzug sollen die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen gesenkt werden. So steht es in den ab 2004 geltenden Zuzahlungsregeln, die im Gesetz zur Modernisierung der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GMG) enthalten sind.
Richtig, urteilt die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), denn um das System künftig finanzierbar zu machen, hätten alle Beteiligten einen Beitrag zu leisten. Zudem müsse die Vollkaskomentalität ein Ende haben. Pure „Abzockerei der Patienten“, befinden dagegen viele Sozial- und Patientenverbände, denn einzig die Versicherten zahlten drauf, Krankenhäuser, Pharmaindustrie und Ärzte kämen ungeschoren davon.
Welche Belastungen tatsächlich auf die Versicherten zukommen – die neuen Zuzahlungsregelungen: Zuzahlungen fallen grundsätzlich nur bis zur Belastungsgrenze an. Diese liegt bei zwei Prozent der jährlichen Bruttoeinnahmen, bei einem Prozent bei chronisch Kranken. Chronisch krank sind per Definition des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses alle Personen, die wegen einer schwerwiegenden Krankheit dauerhaft in Behandlung sind. Der Nachweis über die Krankheit ist gegenüber der Krankenkasse künftig nicht mehr nur alle zwei Jahre, sondern jedes Jahr zu erbringen. Bei Familien werden bei der Einkommenshöhe des Familienhaushaltes Freibeträge berücksichtigt. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren bleiben von den Zuzahlungen befreit. Für jede Zuzahlung, die der Patient leistet, bekommt er von Ärzten und Apothekern eine Quittung.
Bei dem Kauf von Medikamenten und Verbandsmitteln liegt die Zuzahlung künftig bei zehn Prozent des Preises; dabei muss der Patient jedoch mindestens fünf Euro und höchstens zehn Euro zuzahlen, auf keinen Fall mehr als die Kosten des Mittels. Beispiel: Ein Medikament kostet 75 Euro. Die Zuzahlung beträgt zehn Prozent vom Preis, also 7,50 Euro. Kostet das Medikament 120 Euro, ist die Zuzahlung auf zehn Euro begrenzt.
Auch bei Hilfsmitteln wie Einlagen, Hörgeräten oder Rollstühlen liegt die Zuzahlung künftig für jedes Hilfsmittel bei zehn Prozent, mindestens müssen fünf Euro, höchstens zehn zugezahlt werden. Sind die Hilfsmittel jedoch zum Verbrauch bestimmt, wie zum Beispiel Windeln bei Inkontinenz, beträgt die Zuzahlung zehn Prozent je Packung, höchstens jedoch zehn Euro für den Monatsbedarf je Indikation.
Bei Heilmitteln wie Krankengymnastik oder Massagen wird künftig eine Zuzahlung von zehn Prozent der Kosten des Heilmittels und zehn Euro je Verordnung fällig. Beispiel: Auf einem Rezept wird zehnmal Krankengymnastik verordnet. Der Patient zahlt zehn Euro für die Verordnung und zusätzlich zehn Prozent der Kosten pro Krankengymnastikanwendung. Ursprünglich sollten die Versicherten eine zehnprozentige Zuzahlung je Anwendung zahlen, wobei die Zuzahlung mindestens fünf, höchstens zehn Euro betragen hätte. Wegen der vehementen Kritik vieler Heilmittelverbände, die eine 100- bis 200-prozentige Erhöhung der Kosten prophezeiten, hat die Regierung von dieser Regelung Abstand genommen. Nach Angaben der KBV wird die künftige Zuzahlungshöhe etwa drei Prozent über der bisherigen Zuzahlungsgrenze von 15 Prozent je Verordnung liegen.
Das gleiche wie für den Heilmittelbereich gilt auch für die häusliche Krankenpflege, also auch hier müssen zehn Prozent der Kosten der Pflege sowie zehn Euro je Verordnung zugezahlt werden. Die Zuzahlung wird auf die ersten 28 Tage der Inanspruchnahme pro Kalenderjahr begrenzt.
Ebenfalls begrenzt auf 28 Tage sind die Zuzahlungen im Krankenhaus. Hier fallen gegenüber der bisherigen Regelung, nach der für die Dauer von 14 Tagen neun Euro gezahlt werden mussten, zehn Euro pro Tag an. Dieselbe Regelung gilt für die stationäre Vorsorge sowie für Rehabilitationsmaßnahmen.
Weitere Einschnitte in die Leistungen der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) kommen in folgenden Bereichen auf die Versicherten zu: Fahrten zu einer ambulanten Behandlung werden künftig nur noch in Ausnahmefällen nach vorheriger Genehmigung von der Krankenkasse übernommen. Selbst dann hat der Versicherte jedoch mindestens fünf Euro, höchstens zehn Euro zu den Fahrtkosten zuzuzahlen. Einen Zuschuss für Brillen gibt es nur noch für Personen unter 18 Jahren und für Schwersehbehinderte. Bei künstlichen Befruchtungen werden künftig nur noch drei Versuche von der Kasse übernommen, wobei Frauen nicht jünger als 25 und älter als 40 Jahre und Männer nicht jünger als 25 und älter als 50 Jahre alt sein dürfen. Der Eigenanteil beträgt fünfzig Prozent. Sterilisationen werden nur noch dann bezahlt, wenn sie medizinisch notwendig sind, also zum Beispiel dann, wenn eine Schwangerschaft die Gesundheit der Frau gefährden würde.
Aus dem Leistungskatalog der GKV ganz gestrichen werden Zuzahlungen der Krankenkassen zum Sterbegeld und zum Zahnersatz ab 2005. Der Zahnersatz bleibt jedoch eine Pflichtversicherung, die sowohl bei einer gesetzlichen Krankenkasse als auch bei einer privaten Kasse abgeschlossen werden kann.
Zum Schluss ein Bonbon für die Versicherten: Krankenkassen können ihren Mitgliedern künftig „Boni für gesundheitsbewusstes Verhalten“ einräumen. Nehmen Versicherte zum Beispiel an einer hausarztzentrierten Versorgung oder an einem strukturierten Behandlungsprogramm bei chronischen Krankheiten teil, können die Kassen für die Dauer der Teilnahme Zuzahlungen ermäßigen. Martina Merten


Was bringt die Reform?

Die am 1. Januar in Kraft tretende Gesundheitsreform sieht insbesondere für Versicherte, aber auch für Ärzte erhebliche Neuregelungen vor. Das Deutsche Ärzteblatt stellt ausgewählte Schwerpunkte des Reformwerks vor und beleuchtet deren Bedeutung für die Patientenversorgung.
Zu den wesentlichen Neuerungen zählen auch folgende Zuzahlungsregelungen:
- Die neuen Zuzahlungsregeln für Medikamente, Kranken­haus­auf­enthalt, Heilmittel und häusliche Krankenpflege enthält § 61 SGB V. Satz 1 besagt, dass die Zuzahlung grundsätzlich zehn Prozent, jedoch mindestens fünf Euro und höchstens zehn Euro betragen muss. Satz 2 schreibt die Zuzahlung zu stationären Maßnahmen auf 10 Euro je Kalendertag fest. Nach Satz 3 müssen zu Heilmitteln und häuslicher Krankenpflege zehn Prozent der Kosten sowie zehn Euro je Verordnung zugezahlt werden.
- § 33 SGB V enthält die neuen Zuzahlungsregeln für Heilmittel. Satz 4 zufolge liegen diese bei zehn Prozent der Kosten, wobei die Zuzahlung mindestens fünf, höchstens zehn Euro betragen darf. Bei zum Verbrauch bestimmten Hilfsmitteln beträgt die Zuzahlung zehn Prozent je Packung, höchstens jedoch zehn Euro für den Monatsbedarf je Indikation.
- Dass Versicherte die Zuzahlungen nur bis zur Belastungsgrenze zu zahlen haben, ist in § 62 SGB V geregelt. Diese liegt bei zwei Prozent der jährlichen Bruttoeinnahmen zum Lebensunterhalt, bei Chronikern bei einem Prozent.
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