ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2003Gesundheitsversorgung: Sektorenblockade

POLITIK: Kommentar

Gesundheitsversorgung: Sektorenblockade

Dtsch Arztebl 2003; 100(43): A-2763 / B-2305 / C-2161

Clade, Harald

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LNSLNS Die Behandlung von Patienten, die an Schizophrenie und an psychiatrischen Auffälligkeiten erkrankt sind, ist kostenträchtig, verursacht hohe soziale (volkswirtschaftliche) Kosten. Das Krankheitsbild Schizophrenie verdeutlicht exemplarisch, dass die sektorale Budgetierung und zu gering bemessene finanzielle wie personelle Ressourcen sowie die nur zögerliche Implementation pharmakologischer Therapiefortschritte in den Pflichtleistungskatalog der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung zur Blockade werden. Ein Gutachten der Versorgungsforschung unter der Ägide von Prof. Dr. med. Eckart Rüther, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie an der Universität Göttingen, unterstreicht, dass das für das deutsche Gesundheitswesen kennzeichnende hohe Maß an sektoraler Segmentierung und Probleme des Schnittstellenmanagements die Patientenversorgung beeinträchtigen. Zudem: Die weitgehende Trennung zwischen Akutmedizin, ambulanter, stationärer und rehabilitativer Versorgung auch über die gesetzliche enge Abgrenzung zwischen Krankenbehandlung und Rehabilitation erschweren eine optimale akutmedizinische Leistungserbringung auch über die Sektorengrenzen hinweg und einer Versorgung im Verbund. Die sektorale Segmentierung und die Tatsache, dass das Geld nicht der Leistung folgt, tragen wesentlich zur Unter- und Fehlversorgung, zu unzureichender Versorgung von chronisch Kranken und relativ teuren Krankheitsbildern bei, teilweise auch zu mangelnder Qualität und einem Missverhältnis zwischen Aufwand und Ergebnis, wie der Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion mit Recht feststellte.
Die Schizophrenie, von der rund ein Prozent der Erwachsenenbevölkerung betroffen ist, erfordert wie kein anderes Krankheitsbild, dass die jeweils indizierten und dem Fortschritt der Erkrankung notwendigen Therapeuten und Einrichtungen eingeschaltet werden müssen. Diese dürfen nicht isoliert und ohne Rückkoppelung der damit verbundenen Therapieeinrichtungen in den therapeutischen Prozess eingeschaltet werden. Vielmehr ist es notwendig, dass die Patienten sowohl ambulant durch Fachärzte, semi-stationär, stationär, in Institutsambulanzen, in Pflege- und Wohnheimen sowie im „betreuten Wohnen“ versorgt werden. Oftmals ist eine frühzeitige therapeutische Intervention und eine bereits nach drei Tagen einsetzende Frührehabilitation entscheidend für den weiteren Krankheitsverlauf, die Langzeitprognose und die Kostendimension eines „Falles“. Nach akuter Episode ist eine kontinuierliche Medikation, vor allem der Einsatz von innovativen, daher kostenträchtigen Medikamenten der neuesten Generation erforderlich. Zwar ist in Deutschland eine flächendeckende psychiatrische Versorgung gewährleistet, und auch die Akutintervention in Notfallambulanzen funktioniert. Doch sind finanzielle Grenzen rasch erreicht. So wird das Arzneimittelbudget des Psychiaters bereits durch zwei an Schizophrenie erkrankten Patienten ausgeschöpft. Die Folge: Für die Psychiatrie typische Drehtür-Effekte, fachärztliche Ringüberweisungen oder die vorschnelle Einweisung in die stationäre Behandlung. Hinzu kommt: ein völlig unübersichtlicher, intransparenter Medikamentenmarkt mit riesigen Preisunterschieden, die vom Ein- bis Dreizehnfachen reichen. Dr. rer. pol. Harald Clade
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