ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2003Jörg Blech: Das Streben nach Gesundheit wird ausgenutzt

POLITIK

Jörg Blech: Das Streben nach Gesundheit wird ausgenutzt

Dtsch Arztebl 2003; 100(43): A-2764 / B-2306 / C-2162

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Foto: C. Meffert
Foto: C. Meffert
INTERVIEW

Jörg Blech (37) arbeitet als Medizinjournalist für den „Spiegel“. Sein Buch „Die Krankheitserfinder“ findet derzeit große Beachtung. Das Deutsche Ärzteblatt sprach mit ihm über die Entstehungsgeschichte und Reaktionen.

DÄ: Was war der Auslöser für Sie, „Die Krankheitserfinder“* zu schreiben?
Blech: Ich bekomme viel Post, in der verrückte Theorien verbreitet werden. Darüber kann man sich natürlich beömmeln. Aber als im Frühjahr 2002 die Pressemitteilung mit dem Hinweis auf ein Käfig-Tiger-Syndrom kam . . .

DÄ: . . . Moment, wie beschreiben Sie das noch mal in Ihrem Buch? „Aufgrund bislang unerkannter, spezifischer Verstimmungen können die Papas sich nicht mehr gut entscheiden, hadern ununterbrochen mit allem und jedem. Wie ein eingesperrter Tiger“ . . .
Blech: . . . als diese Pressemitteilung kam, habe ich auf einmal gedacht: Das ist doch ein Hammer. Dahinter steht immerhin ein Professor, der Brief weist eine Universitätsklinik aus, das ist doch alles mehr als ein Gag oder eine lässliche Sünde – das hat doch System. Außerdem habe ich mich damals mit dem Thema Risikofaktoren beschäftigt. Und da war es sehr interessant, der Frage nachzugehen: Wer hat eigentlich behauptet, dass eine verringerte Knochendichte einen Krankheitswert besitzt? Und wer sagt, dass ein kritischer Cholesterinwert bei 200 mg/dl beginnt?

DÄ: Aber eigentlich war es die Flut von PR-Post, die Sie auf eine bestimmte Idee gebracht hat?
Blech: Im Grunde ja. Ich habe damals das Stichwort „Medikalisierung“ im Internet eingegeben, und da erschienen unglaublich interessante Dinge. Und wenn man erst einmal eine bestimmte Brille aufhat, dann sieht man alles aus diesem einen Blickwinkel.

DÄ: Was reizt einen „Spiegel“-Redakteur, ein Buch zu schreiben? Eine Titelgeschichte ist doch eine feine Sache . . .
Blech: Ein Buch hat eine noch größere Halbwertszeit. Ich hatte ja schon „Leben auf dem Menschen. Die Geschichte unserer Besiedelung“ geschrieben, und damals habe ich gemerkt, dass man einfach ein größeres Zeitfenster hat, um seine Botschaft loszuwerden. Und man erreicht eine ganz andere Recherchetiefe.

DÄ: Teile Ihres Buchs wurden doch als „Spiegel“-Titelgeschichte veröffentlicht. Wie war da die Resonanz?
Blech: Das Heft hat sich sehr gut verkauft, mehr als 1,1 Millionen Mal. Ich habe rund 370 Leserbriefe bekommen, was sehr viel ist.

DÄ: Was waren Ihre ergiebigsten Quellen für „Die Krankheitserfinder“?
Blech: Einen besonderen Eindruck haben auf mich zwei Bücher gemacht: „Die Kunst des Heilens“ von Roy Porter und „Die Nemesis der Medizin. Die Kritik der Medikalisierung des Lebens“ von Ivan Illich.

DÄ: Haben Menschen Sie inspiriert? Sie zitieren zum Beispiel den Nervenarzt Prof. Dr. med. Finzen aus Basel . . . !
Blech: . . . der ja bei Ihnen im Deutschen Ärzteblatt geschrieben hatte** – das habe ich aber auch zitiert, wie es sich gehört, nicht? Also, das British Medical Journal war noch eine ziemlich gute Quelle. Dort war zum Beispiel ein Schwerpunkt zum Thema Medikalisierung veröffentlicht. Und bei Ihnen lese ich immer ganz genau die Leserbriefe.

DÄ: Und was machen Sie damit?
Blech: Für das Kapitel „Neue Leiden alter Männer“ habe ich zum Beispiel einen Ihrer Leserbriefschreiber angerufen, und der entpuppte sich als sachkundiger Endokrinologe. Das war ein hoch spannendes Gespräch. Ein anderer hat mir etliches zu Leitlinien erläutert. Er hat mir zum Beispiel erklärt, dass es für ein Medikament quasi ein Blankoscheck ist, wenn es in einer Leitlinie aufgeführt wird. Vieles, was mir Ihre Leserbriefschreiber gesagt haben, habe ich notiert und im Buch präzisiert.

DÄ: Nun haben Sie ja selbst reichlich Leserbriefe von Ärztinnen und Ärzten auf den „Spiegel“-Artikel und Ihr Buch hin bekommen, noch dazu meist zustimmende, sagen Sie . . .
Blech: Ja, vor allem von niedergelassenen Ärzten. Ich habe den Eindruck, die schreiben häufiger Leserbriefe. Viele scheinen schon einige Berufserfahrung zu haben und aus eigener Anschauung zu wissen, wie und wann Krankheitsmoden zustande kommen.

DÄ: Was hat Sie denn am meisten überrascht an den Zuschriften?
Blech: Man freut sich, wenn Leserbriefe anfangen mit „Herzlichen Glückwunsch“ oder „Gratuliere“. Oder dass mein alter Deutschlehrer mir geschrieben hat und gratuliert. Meist bekommt man Leserbriefe, wenn man etwas falsch gemacht hat, und das ist auch richtig so. Aber es ist schön, dass es diesmal anders ist. Und der große Zuspruch von Ärzten hat mich wirklich gefreut.

DÄ: Keine Gegendarstellungen von Unternehmen, denen Sie unseriöse Einflussnahme vorwerfen?
Blech: Nein, keine Gegendarstellungen. Und die kritischen Stimmen kommen von diesen scheinbar unabhängigen Patienten- und Lobbygruppen. Da geht es aber nicht um Falsches, sondern die schicken mir seitenlange Faxe mit ihrer Sicht der Dinge.

DÄ: Worüber haben Sie sich bei den Briefen am meisten geärgert?
Blech: Wenn man nicht auf meine Argumentation eingeht, sondern beispielsweise zum Thema Osteoporose schreibt: Menschen, die Wirbelbrüche haben und nicht mehr gehen können, sind doch nicht erfundene Kranke! Das ist aber doch gar nicht meine Argumentation. Natürlich ist Osteoporose eine Krankheit – aber nicht, wenn man beschwerdefrei ist.

DÄ: Kommen wir mal auf das Thema Wissenschaftlichkeit. Sie verweisen gleich am Anfang Ihres Vorworts darauf, dass Sie kein Arzt sind, aber sehr wohl kompetent genug als Autor. Warum?
Blech: Es gibt eine gewisse Arztgläubigkeit in der Bevölkerung. Das will ich gar nicht bewerten. Aber deshalb ist es bei so einem Buch wichtig, früh Ross und Reiter zu nennen, also zu sagen: Das ist meine Kompetenz. Dazu kommt, dass in Ärztekreisen schon mal der Vorwurf erhoben wird: „Der ist doch kein Arzt.“ Ein Beispiel aus dem Deutschen Ärzteblatt: Ein Autor von Ihnen, Klaus Koch, hatte einen sehr guten Beitrag zur Hormonersatztherapie geschrieben. Und da fragte eine Leserbriefschreiberin: „Was ist Herr Koch? Ist er Arzt? Was bildet er sich ein?“ Das fand ich das Allerletzte. Für mein Buch habe ich entschieden: Mit diesem Kunstgriff am Anfang entziehst du möglichen Einwänden die Basis.

DÄ: Ihnen ist schon sehr wichtig, dass das Buch wissenschaftlich solide ist. Aber Sie sind Journalist und kein Wissenschaftler, und Ihr Buch ist auch kein Wissenschaftsbuch.
Blech: Ich trete ja auch als Journalist an. Und geschrieben habe ich es in etwa für „Spiegel“-Leser. Dazu zählen auch Fachleute.

DÄ: Ist manches aber nicht zu sehr zugespitzt oder vereinfacht? Wird manche komplexe wissenschaftliche Diskussion nicht zu stark eingedampft?
Blech: Ich hatte natürlich eine Ausgangsthese. Die braucht man, wenn man ein Buch schreiben will. Zuspitzen klingt immer so, als ob man etwas weglassen würde. Aber es geht darum, dass man sich einige gute Beispiele herausnimmt. Ich finde, mein Buch genügt wissenschaftlichen Ansprüchen.

DÄ: Ist dafür manches aber nicht zu einseitig dargestellt?
Blech: Wenn ich 100 Artikel im Archiv zu Osteoporose finde, dann interessieren mich natürlich die drei Artikel, in denen steht, wie die Krankheit damals umdefiniert worden ist. Der Rest hat mich nicht interessiert und ist auch nicht neu im Sinne meiner These.

DÄ: Im Vorwort behaupten Sie, es sei eine billige Ausrede, dass Menschen selbst nach Therapien verlangten. An anderer Stelle schreiben Sie, dass von gut informierten Patienten sehr wohl gewisser Druck ausgeht. Das ist doch ein Widerspruch.
Blech: Sicher ist Menschen das Streben nach Gesundheit angeboren. Aber die Krankheitserfinder nutzen das aus. Ich verlange eigentlich, dass der Arzt einem Patienten beispielsweise sagt: Lieber Patient, das ist eine experimentelle Sache mit dem Testosterongel, ich halte da nichts von. Das Wichtigste ist doch die ärztliche Überzeugung und nicht, was der Patient will.
DÄ: Aber es gibt doch Bereiche, wo die Erkenntnisse im Fluss sind!
Blech: Ja, aber ich bleibe bei meinem Vorwurf im Vorwort: Das Argument, die Menschen kämen selbst und verlangten nach Therapien, ist eine Ausrede. DÄ-Fragen: Sabine Rieser


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