ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2003Madenwurminfektion: Eine häufige, aber wenig beachtete Parasitose

POLITIK: Medizinreport

Madenwurminfektion: Eine häufige, aber wenig beachtete Parasitose

Dtsch Arztebl 2003; 100(43): A-2771 / B-2311 / C-2167

Richter, Joachim; Häussinger, Dieter; Mehlhorn, Heinz

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Mikroskopische Aufnahme des Vorderendes eines Weibchens von E. vermicularis mit bulbusartiger Anschwellung der Kutikula. Um das Weibchen herum zahlreiche ausgetretene Eier Foto: Prof. Heinz Mehlhorn
Mikroskopische Aufnahme des Vorderendes eines Weibchens von E. vermicularis mit bulbusartiger Anschwellung der Kutikula. Um das Weibchen herum zahlreiche ausgetretene Eier Foto: Prof. Heinz Mehlhorn
Ein Klebestreifen-Abklatsch-Präparat ist für die Oxyuriasis
das Diagnostikum der Wahl.

Weltweit sind schätzungsweise mehr als eine Milliarde Menschen mit Enterobius infiziert, in Deutschland stellt die Madenwurminfektion die häufigste Parasitose dar. Trotzdem werden dieser Erkrankung in Lehrbüchern der Inneren Medizin selten mehr als einige Zeilen gewidmet. Die Darstellung in Lehrbüchern der Pädiatrie ist zwar meist besser; die Bezeichnung „Kindermadenwurm“ ist allerdings irreführend, da es sich keineswegs um eine ausschließliche Kinderkrankheit handelt. Es kommt immer wieder zu folgenden Situationen:
Eine gepflegte 41-jährige Frau konsultiert unsere Ambulanz wegen eines seit Jahren rezidivierenden Madenwurmbefalls, der trotz mehrfacher, auch über Wochen prolongierter und hoch dosierter Therapien mit Mebendazol, beziehungsweise Pyrvinium- oder Pyrantel-Embonat, andauerte. Jeweils einige Wochen nach Behandlung fand die Patientin erneut wurmartige Gebilde in der Unterwäsche oder im Stuhl. Die wiederholten Kontroll-Stuhluntersuchungen erbrachten keinen Nachweis von Wurmeiern. Und doch befand sich im von der Patientin zur Untersuchung mitgebrachten Gläschen ein typisches Madenwurm-Weibchen, das – unter dem Mikroskop betrachtet – eine große Anzahl Eier trug. Wie erklärt sich das?
Einziger Wirt des etwa einen Zentimeter langen Madenwurms (Enterobius syn. Oxyuris vermicularis) ist der Mensch. Die weiblichen Würmer befinden sich im Enddarm. Sie wandern nachts durch die Analöffnung in die Perianalregion, um dort ihre Eier abzulegen, in denen innerhalb weniger Stunden infektionsfähige Larven entstehen.
Der heftige, durch die Migration ausgelöste Juckreiz führt zum Kratzen, viele Eier geraten unter die Fingernägel andere haften an Schlafanzug, Unter- oder Bettwäsche. Erstere können ingestiert, Letztere inhaliert werden („Staubeier“) und in die Speiseröhre gelangen.
Der vollständige Entwicklungs-Zyklus dauert meist zwischen 20 und 40 Tagen. Das Weibchen legt in seiner durchschnittlich zwei- bis sechswöchigen Lebenszeit etwa 10 000 Eier ab, deren Größe 20 3 60 µm beträgt. Der Mensch kann sich somit nicht nur bei anderen infizieren, sondern auch bei sich selbst (Auto-Infektion).
Die Untersuchungen auf Madenwurminfektion wurden im Stuhl durchgeführt. Da Madenwurm-Eier aber perianal zu suchen sind, eignen sich Stuhluntersuchungen nicht zur Diagnose (Sensitivität fünf Prozent!). Die effektive Diagnose erfolgt über die mikroskopische Untersuchung eines Klebestreifen-Abklatsch-Präparates. Ein transparenter Klebestreifen wird morgens (vor dem Waschen und vor dem ersten Stuhlgang) auf die Perianalregion gedrückt und wieder abgezogen.
Der Klebestreifen wird anschließend auf einen Objektträger aufgedrückt und das Präparat mikroskopisch untersucht. Zur Diagnose und Therapiekontrolle sind mindestens drei Klebestreifenpräparate, jeweils an aufeinander folgenden Tagen gewonnen, erforderlich, da von den Weibchen nicht an jedem Tag Eier abgelegt werden.
Auch ausgeprägte hygienische Maßnahmen schützen nicht vor der Inhalation von Wurmeiern, daher sollte beim Umgang mit kontaminierter Wäsche ein Mundschutz getragen werden.
Antiparasitäre Therapien müssen im Abstand von drei Wochen (beziehungsweise sechs Wochen) wiederholt werden, da die Wirkstoffe zwar gegen die adulten Würmer hochwirksam sind, nicht jedoch gegen die Larven und Eier.
Wurmeier sind hochinfektiös, sodass häufig die ganze Familie beziehungsweise alle Haushaltsangehörige infiziert sind. Die Familie muss daher in die Untersuchungen mit einbezogen werden. Sollte die Infektion trotz wiederholter Familientherapie rezidivieren, sind Umgebungsuntersuchungen (Kindergarten, Schule, Verwandtschaft, Freundeskreis) erforderlich, um die Infektionsquelle zu identifizieren.
Eine nicht auskurierte Oxyuriasis kann nicht nur zu körperlichen Konsequenzen führen (unstillbarer, vor allem nächtlicher Juckreiz, Superinfektion von Exkoriationen, Schlafstörungen, Vulvovaginitis durch Wurmmigrationen in den weiblichen Genitaltrakt), sondern auch eine erhebliche Stigmatisation der infizierten Person bewirken. Zudem finden sich bei verwurmten Personen psychische Folgesymptome, wie Ekel vor sich selbst.

Dott. Univ. Pisa Joachim Richter
Prof. Dr. med. Dieter Häussinger
Prof. Dr. med. Heinz Mehlhorn

Anschrift für die Verfasser:
Dott. Univ. Pisa Joachim Richter
Tropenmedizinische Ambulanz und Gelbfieberimpfstelle
Klinik für Gastroenterologie
Universitätsklinikum Düsseldorf
Moorenstraße 5, 40225 Düsseldorf
Fax: 02 11/3 19 06 39
E-Mail: Joachim.Richter@med.uni-duesseldorf.de

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