ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2003Benin: Tropenmedizin aus erster Hand

THEMEN DER ZEIT

Benin: Tropenmedizin aus erster Hand

Dtsch Arztebl 2003; 100(43): A-2772 / B-2312 / C-2168

Anheier, Tanja

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Jeden Mittwoch ist Impfsprechstunde im „Hôpital St. Jean de Dieu“ in Boko.
Jeden Mittwoch ist Impfsprechstunde im „Hôpital St. Jean de Dieu“ in Boko.
Dort lernen, wo Ärzte dringend benötigt werden – die Medizinstudentin
Tanja Anheier hat dieses Vorhaben verwirklicht. Ein Bericht

Lange hat Jacob überlegt, ob er wirklich ein Drittel seines Monatseinkommens in die Hernienoperation investieren sollte. Bisher hatte er keine Schmerzen. Er ist nur zum Krankenhaus gegangen, um abzuklären, was die Ursache des wachsenden Wulstes in der Leistenregion war. Schnell steht seine Diagnose fest: eine Leistenhernie. Der Arzt rät zur Operation, damit keine Darmanteile eingeklemmt und funktionsunfähig werden. Jacob ist schließlich mit dem Eingriff einverstanden, obwohl er das Geld eigentlich für seine zehnköpfige Familie benötigt hätte. Er hätte davon zum Beispiel das Schulgeld für eines seiner Kinder bezahlen können.
Jacob lebt in Comis, einem kleinen Dorf im Norden Benins. Er besitzt ein Stückchen Land, wo er Obst und Gemüse anpflanzt und auf dem seine drei Hühner ihren Auslauf haben. Fällt die Ernte üppig aus, verkaufen seine zwei Frauen die Erträge auf dem Markt in Parakou, der nächstgelegenen größeren Stadt. Solange kein Familienmitglied krank ist und jeder durch Gelegenheitsarbeiten Geld verdienen kann, geht es der Familie verhältnismäßig gut. Aber wenn Unwetter hereinbrechen und seine kleine Holzhütte demolieren, oder wenn andere unerwartete Kosten anfallen, dann ist das Überleben hier in Westafrika sehr mühsam.
Manchmal ergreift Jacob eine große Angst davor, wirklich krank zu werden, sodass die Familie nicht nur unter fehlenden Einnahmen, sondern auch unter zusätzlichen Ausgaben zu leiden hätte. Dieses Damoklesschwert hatte ihn auch zu der Entscheidung getrieben, die Hernie behandeln zu lassen, obwohl sie ihn noch nicht wirklich störte. Aber wenn die Operation gut verliefe, würde er schon in vier Tagen wieder seiner Arbeit nachgehen können. Glücklicherweise war die Ernte bereits eingeholt, sodass eine Frau als Krankenwächterin während des stationären Aufenthalts bei ihm sein, Essen kochen und Wasser vom Brunnen holen kann.
Schweren Herzens kratzt Jacob also das Geld für die Operation zusammen und kommt schon am frühen Morgen zum Krankenhaus nach Boko, um den Eingriff hinter sich zu bringen. Die Schwestern waschen und rasieren ihn, sagen, dass dies unbedingt notwendig wäre, um Wundinfektionen zu vermeiden. Anschließend geben sie ihm einen grünen Umhang und ebenso grüne Stoffschuhe und tragen ihm auf, vor dem Operationszimmer zu warten. „Hoffentlich geht alles glatt“, denkt sich Jacob – spätestens in fünf Tagen muss er wieder fit sein, dann will er einem Bruder beim Schlachten helfen.
„Kommen Sie hier herein“, sagt eine Schwester. Ihr Haar ist mit einer Baumwollhaube und ihr Mund mit einem gleichartigen Mundschutz verdeckt. Sie betreten das Operationszimmer. Jacob muss sich auf die Liege betten. Dann legt die Krankenschwester ein Holzbrett unter seine Arme und bindet sie mit Stoff daran fest. Ebenso werden seine Beine an der Liege arretiert. Jacobs Herz schlägt schneller: „Hoffentlich geht alles gut“, denkt er. Dann hört er den Arzt hereinkommen, spürt den stechenden Schmerz einer Spritze in der Lendengegend. Jemand injiziert viel Flüssigkeit in diese Region. Sie wird zunehmend taub. Dennoch merkt Jacob, wie der Arzt einen langen, tiefen Schnitt setzt. Er beißt die Zähne fest zusammen – ein echter Bariba, so heißt die Ethnie, der er angehört, kennt keinen Schmerz. Nach einer halben Ewigkeit kündigt der Arzt an, dass die Operation beinahe vorüber sei, lediglich die Haut müsse vollends vernäht werden. Die Schmerzen werden unerträglich, Jacobs Körper bäumt sich auf, er hört, wie man ihm gut zuredet. Dann ist alles vorbei. Er wird aufgefordert, sich auf eine zweite Liege zu rollen. Anschließend schieben ihn zwei Schwestern in ein Krankenzimmer. Hier liegen noch zwanzig weitere Männer, viele ebenfalls zur Nachbehandlung einer Hernienoperation.
Markt in Boko
Markt in Boko
Jacob ist keine reale Person. Er ist so etwas wie ein Stellvertreter für das Leben, die Sorgen und Nöte der meisten Beniner. Etwa 70 Prozent der Bevölkerung leben von einem Einkommen, das unterhalb der Armutsgrenze liegt. Die Geschichte seiner Operation, die in der technisierten Krankenhauswelt recht unwirklich erscheinen mag, ist für viele Bewohner Benins ebenfalls bittere Realität. Während die westlichen Industrienationen chirurgische Eingriffe im Detail optimieren, wird in Benin zum Abbinden von Gefäßen noch ganz normaler Bindfaden verwendet. Dieser wird auf dem Wochenmarkt gekauft und dann per Autoklave sterilisiert. Bis auf ein Blutdruckmessgerät und ein Stethoskop steht häufig nichts zur Verfügung, um einen Operationsverlauf zu überwachen. Einen Schlauch zum Intubieren gibt es nicht, und Einmalhandschuhe werden aus Mangel an Material grundsätzlich gewaschen. Mit diesen schützen sich die Krankenschwestern vor Infektionskrankheiten. Grassierende Infekte breiten sich in der Bevölkerung extrem schnell aus, weil der Großteil vorwiegend in mangelhaften hygienischen Verhältnissen lebt. Versetzt man sich in die mittelalterliche Atmosphäre Deutschlands, in eine Welt ohne Abwassersystem, ohne Trinkwasserleitungen und ohne Desinfektionsmittel, so wird verständlich, warum Ärzte vor Ort mit Amöben, Cholera und Typhus zu kämpfen haben. Aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit von ungefähr 70 Prozent und der Hitze kommt es schnell zu bakterieller Besiedelung von Wunden. Neben Malaria tropica gehören Bilharziose und Syphilis zur Tagesordnung.
Nicht einmal jeder Zweite kann lesen und schreiben, dementsprechend ist es nicht überraschend, dass die Krankheitsprävention noch sehr unterentwickelt ist. Nur wer Geld hat, kann sich eine solide Ausbildung leisten. Da das Medizinstudium mit sechs Jahren recht lang ist, gibt es nicht viele praktizierende Ärzte vor Ort. Statistisch gesehen ist ein Arzt für mehr als 12 000 Einwohner zuständig. Viele von jenen, die die lange Ausbildung auf sich genommen haben, arbeiten anschließend lieber in Frankreich, weil dort die Gehälter um ein Vielfaches höher liegen. Ebenso bietet das Ausland mehr diagnostische Möglichkeiten als die heimatliche Medizin in Benin.
Für Ärzte, die den riesigen diagnostischen und bürokratischen Apparat westlicher Gesundheitssysteme kennen, ist es dagegen eine ganz neue Erfahrung, nur auf die Sinne angewiesen zu sein. Zwar gibt es in den größeren Städten auch die Möglichkeit, eine Ultraschalluntersuchung oder Ähnliches machen zu lassen, doch als Arzt muss man sich mehrmals überlegen, ob man seinen Patienten diese Untersuchung auch empfiehlt. Die Preise sind hoch, und unnötige Diagnostik kann eine Familie finanziell ruinieren. Darüber hinaus sind auch die therapeutischen Möglichkeiten sehr begrenzt. Häufig muss man erst schauen, welche Medikamente zur Verfügung stehen, um anschließend neben einem Malariamittel ein Breitbandantibiotikum und ein paar Vitamine zu verschreiben.
Tägliche Visite im Krankenhaus von Boko Fotos: Tanja Anheier
Tägliche Visite im Krankenhaus von Boko Fotos: Tanja Anheier
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Im Gegensatz zu vielen anderen afrikanischen Ländern herrscht in Benin schon lange Frieden, obwohl mehr als 42 Ethnien das Land besiedeln. Diese Ethnien haben oft einen völlig unterschiedlichen traditionellen Hintergrund und sprechen dementsprechend verschiedene Sprachen, die weder grammatikalisch noch semantisch Ähnlichkeiten aufweisen. Daher benötigt man als Arzt trotz der französischen Amtssprache die Schwestern, die bis zu fünf einheimische Sprachen beherrschen. Sie übersetzen, was der Patient zu erzählen hat, und übermitteln ihm anschließend die Diagnose. Es ist eine neue Erfahrung, an einem Krankenhaus zu arbeiten, das keine Hektik ausstrahlt, bei dem nicht auf jede Sekunde geachtet wird. Es ist erstaunlich, Patienten zu sehen, die trotz einer Wartezeit von mehr als einer Stunde zufrieden darauf harren, zum Arzt gehen zu dürfen. Oft schallt schon von weitem das Lachen der Schwestern herüber.
Doch die Idylle wird überschattet von der manchmal überwältigenden Hilflosigkeit. Die Säuglingssterblichkeit liegt auch heute noch bei fast zehn Prozent. Kinder, deren Bäuche durch Unterernährung aufgetrieben sind, werden mit Spezialnahrung im Krankenhaus versorgt. Manchmal erscheinen diese Maßnahmen, die häufig vom Westen gesponsert sind, wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Trotzdem ist es ein gutes Gefühl, im Kleinen helfen zu können, Menschen zu erklären, dass sie ein Moskitonetz kaufen sollen, um die dauernde Malariaerkrankung zu umgehen. Es ist schön zu sehen, wie Dutzende Mütter 50 Cent investieren, um ihre Säuglinge gegen Gelbfieber, Diphtherie und Tetanus impfen zu lassen.
Voneinander lernen
Wichtig ist die Kommunikation zwischen Ärzten dieser zwei völlig verschiedenen Welten. Während die beninischen Ärzte zahlreiche Krankheiten auf den ersten Blick erkennen, brauchen viele deutsche Ärzte aufwendige Aufnahmen. Bei anderen Krankheiten, denen Ärzte in Deutschland bei Frühsymptomen mit Eile begegnen, lassen sich manche Beniner Zeit – oft mit verheerenden Folgen. Darüber hinaus ist der Erfahrungsschatz mit chronischen Krankheiten in Benin noch sehr gering. Doch auch Diabetes mellitus oder chronischer Hypertonus nehmen im Zuge der Entwicklung zu. Entsprechend ist es sinnvoll, Erfahrungen auszutauschen und voneinander zu lernen. Ebenso bereichernd ist das Kennenlernen völlig fremder Kulturen – damit man Jacob und seine Lebensart vielleicht besser verstehen kann.
Tanja Anheier

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