ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2003Kompetenzzentren: Fachübergreifende Integration

THEMEN DER ZEIT

Kompetenzzentren: Fachübergreifende Integration

Dtsch Arztebl 2003; 100(43): A-2774 / B-2314 / C-2170

Lanzer, Peter

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LNSLNS Erstes deutsches Panvaskuläres Zentrum gegründet

Anders als aus der früheren Sichtweise werden Herz- und Gefäßkrankheiten heute als systemische Erkrankungen eingestuft. Die Beteiligung von mehreren (mindestens zwei) Gefäßregionen (Gefäßmultimorbidität) ist häufig und kommt bei 30 Prozent (KHK) bis 70 Prozent (AVK) der Betroffenen vor. Der Hauptrisikofaktor der Gefäßmultimorbidität ist Diabetes mellitus Typ 2.
Die zunehmende Spezialisierung der Medizin in getrennte Fachbereiche verhindert ein ganzheitliches Management von gefäßmultimorbiden Patienten. Diese benötigen eine fachübergreifende Therapie, um einen optimalen Therapieerfolg zu erzielen. Im klinischen Alltag gibt es immer noch Mehrfachuntersuchungen und komplizierte Behandlungswege. Dies belastet nicht nur den Patienten, sondern auch das Gesundheitssystem. Mehrfache Vorhaltungen von teuren Geräten, ihre geringe Auslastung und der wachsende Druck zur Anschaffung modernerer Technologien sind auf Dauer nicht finanzierbar. Die Lösungsansätze durch limitierte interdisziplinäre Kooperationen und Expansionsbestrebungen einzelner Fachdisziplinen sind nicht ausreichend. Sie führen im klinischen Alltag eher zur Verstärkung als zum Abbau der interdisziplinären Konkurrenz.
Das panvaskuläre Versorgungskonzept von Patienten mit Gefäßmultimorbidität beruht auf der fachübergreifenden Integration der verschiedenen Fachdisziplinen mit dem Ziel, die medizinische Qualität und Wirtschaftlichkeit zu verbessern. Um eine internistische, interventionelle und operative Komplettversorgung von Herz- und Gefäßkranken unabhängig von der Lokalisation und Schweregrad der Erkrankung zu erzielen, werden Teams von Spezialisten mit komplementärer Qualifikation gebildet. Die interdisziplinäre Zusammensetzung der panvaskulären Teams orientiert sich an der regionalen Bedeutung und Häufigkeit einzelner kardiovaskulärer Krankheitskonstellationen an der lokal verfügbaren Expertise und an der medizintechnischen Ausstattung. Das typische panvaskuläre Team besteht aus konventionell und interventionell tätigen Kardiologen und Angiologen, Herz- und Gefäßchirurgen und Radiologen. Die Beteiligung von Diabetologen, Nephrologen und Neurologen ist notwendig, um das medizinische Profil abzurunden.
Die Behandlung von gefäßmultimorbiden Patienten wird von demjenigen Teammitglied initiiert, dessen Fachbereich für das Leitsymptom der Erkrankung am ehesten infrage kommt. Bei Verdacht auf Gefäßmultimorbidität wird jeweils nach der Schwere der Erkrankung und in Abhängigkeit von der geplanten Behandlung entweder ein komplettes oder ein begrenztes nichtinvasives Gefäß-Organscreening durchgeführt. Nach Diagnosestellung werden die relevanten Teammitglieder in die Planung und Ausführung der Behandlung mit einbezogen. Durch das fachübergreifende Vorgehen des Behandlungsteams wird das individuell optimale Vorgehen gewählt, und die Behandlungsrisiken werden bereits im Vorfeld deutlich verringert. Daneben induziert eine interdisziplinär abgestimmte Behandlungsstrategie wichtige Synergieeffekte durch gemeinschaftliche Nutzung der Ressourcen. Mehrfachdiagnostik und unvollständige Therapien entfallen. Der direkte interdisziplinäre Austausch am Krankenbett sorgt für Transparenz in der Ablauforganisation und fördert die fachübergreifende Standardisierung und Kompetenz.
Die Grundlagen der Panvaskulären Medizin wurden kürzlich im Lehrbuchformat dargelegt, das erste Deutsche Panvaskuläre Kompetenzzentrum wurde bereits gegründet.

Dr. med. Peter Lanzer
Klinik für Kardiologie und Angiologie
Herz-Zentrum Coswig
Lerchenfeld, 106869 Coswig
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