ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2003Erfundene Krankheiten: Empfehlung – diagnostische Zurückhaltung

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Erfundene Krankheiten: Empfehlung – diagnostische Zurückhaltung

Dtsch Arztebl 2003; 100(43): A-2782 / B-2321 / C-2177

Arenz, Dirk

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LNSLNS . . . Nun hat es in der Medizin aber immer schon „Erkrankungen“ gegeben, die sich bei genauer Betrachtung als „Fake“ entpuppten. In der Pariser Salpétrière des 19. Jahrhunderts wurden von dem berühmten Nervenarzt Charcot und seinen Mitarbeitern bei den Patientinnen „hysterische“ Krankheitssymptome erzeugt. Hundert Jahre später sah man das gleiche Phänomen unter der Flagge der multiplen Persönlichkeitsstörung von den USA nach Europa segeln. Das Prinzip ist diachron das gleiche: Therapeuten, die – aus unterschiedlichen Motiven heraus – etwas ganz Besonderes und oft unter Abgrenzung zur „etablierten“ Medizin diagnostizieren wollen und Patienten, die diesem Wunsch – z. B. aufgrund eigener narzisstischer Bedürftigkeit – gerne nachkommen. Es wäre allerdings fatal, wenn die Medizin ein Bedürfnis nach Diagnose hervorrufen würde.
Neben wirtschaftlichen oder narzisstischen ärztlichen und pekuniären pharmazeutischen Interessen spielt hier offensichtlich das Bedürfnis oder zumindest die Bereitschaft vieler Menschen eine Rolle, lieber „unverschuldet“ in eine Krankenrolle zu geraten, als aus anderen Gründen als dysfunktional zu gelten. Die diffusen Diagnosen exkulpieren die Betroffenen. Sie sind nicht mehr nur einfach so müde, faul, leistungsschwach, unkonzentriert, verstimmt oder nur alt, sondern weil sie als krank erklärt werden. Dies aber passt gut in die Tendenz unserer Zeit, in der „dysfunktionale“ Züge nicht gerne ins gesellschaftliche Gesamtbild integriert, sondern pathologisiert mit medizinisch-therapeutischer Zuwendung „belohnt“ werden.
Aber ist das alles nicht nachvollziehbar? Wenn Ressourcen und Budgets enger werden, verschärfen sich die Verteilungskämpfe. Außerdem – wenn Sie versuchen, die Begriffe „gesund“ und „krank“ zu definieren, werden Sie feststellen, dass es hier tatsächlich keine scharfe Grenze gibt. Wie weit wir aber in dieses Grenzland medizinisch und pharmakologisch vorstoßen sollten, ist die Frage. Ich selbst empfehle eine diagnostische Zurückhaltung. Außerdem habe ich jetzt schon Angst vor der Diagnose einer „posttraumatischen Verbitterungsstörung“, die mir noch nicht mal die EU-Rente einbringen wird. Aber dagegen hilft hoffentlich eine andere Erkrankung: die „generalisierte Heiterkeitsstörung“. Die brauchen wir wirklich. Ehrlich.
Dr. med. Dirk Arenz, Gottfried-Disse-Straße 40, 53879 Euskirchen
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