ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2003Schliemann-Museum: Ein Trojanisches Pferd in Mecklenburg

VARIA: Feuilleton

Schliemann-Museum: Ein Trojanisches Pferd in Mecklenburg

Dtsch Arztebl 2003; 100(43): A-2809 / B-2343 / C-2198

Schiller, Bernd

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Das Trojanische Pferd (Spielplatz) mit der Kirche im Hintergrund, in der Ernst Schliemann wirkte Fotos: Bernd Schiller
Das Trojanische Pferd (Spielplatz) mit der Kirche im Hintergrund, in der Ernst Schliemann wirkte Fotos: Bernd Schiller
In Ankershagen lassen Originale und Nachbildungen der antiken
Wunder – Schmuck, Gefäße und Prunkwaffen – Homers Berichte lebendig werden.

Am Ortseingang von Ankershagen, Kreis Müritz, bringt ein Pferd den Besucher zum Halten, ein riesiges hölzernes Pferd mit Innenleben, so eines wie das legendäre Pferd aus Troja. Aber was hat ein Trojanisches Pferd in der mecklenburgischen Einsamkeit zu suchen? Hinter dem sechs Meter hohen Gaul, aus dem Kinder über eine Rutsche
auf die Wiese plumpsen, macht ein Fachwerkhaus neugierig. Dort wohnte im frühen 19. Jahrhundert Pfarrer Ernst Schliemann; sein Sohn Heinrich verbrachte dort zehn unbeschwerte Jugendjahre. Dieser Dorfjunge sollte später Großkaufmann in Russland und Amerika werden, Millionen im Krimkrieg verdienen, danach an der Sorbonne studieren, ein Sprachgenie werden und in Rostock seinen Doktor machen.
Das alles wäre schon ungewöhnlich genug für einen Pfarrersjungen, der nach der Schule in Fürstenberg in einer „Materialwarenhandlung“ in die Lehre ging. Aber weltberühmt wurde dieser Heinrich Schliemann erst, nachdem er Troja und die Königsgräber von Mykene ans Licht gebracht, die „Maske des Agamemnon“ und alle anderen „Schätze des Priamos“ aus Kleinasien entwendet und „dem deutschen Volke geschenkt“ hatte.
Schliemanns abenteuerliches Leben wird spannend in seinem Elternhaus in Ankershagen dokumentiert. Seit 1986 lassen dort Originale und Nachbildungen der antiken Wunder – Schmuck, Gefäße und Prunkwaffen – Homers Berichte lebendig werden.
Geboren wurde Heinrich Schliemann zwar in Neubukow, einem Dorf am anderen Ende Mecklenburgs, aber schon ein Jahr später übernahm Vater Ernst die Pfarrstelle im Osten der Provinz. In der Feldsteinkirche aus dem 13. Jahrhundert, sie allein würde jeden Abstecher rechtfertigen, predigte der alte Schliemann meistens Wasser, trank aber selbst nur zu gern Wein. Während er nämlich von der Kanzel die Sünde verdammte, betrog er jahrelang seine Frau Louise, und nicht nur immer wieder mit der Magd. Louise starb denn auch vor Gram; sie ruht auf dem Friedhof vor dem romanischen Gotteshaus. Den Ankershagenern wurde es schließlich zu bunt: 1832 jagten sie ihren heuchlerischen Pfarrer aus dem Dorf.
Das heutige Museum, damals das Pfarr- und Wohnhaus der Schliemanns
Das heutige Museum, damals das Pfarr- und Wohnhaus der Schliemanns
Mit Heinrich Schliemann und dem Museum, das seit fünf Jahren in der heutigen, erweiterten Form an den Troja-Entdecker aus Mecklenburg erinnert, tun sich die Dörfler noch immer schwer. Sie berichten in ihren Broschüren und auf ihrer Website mehr über die Storchenstation im nahen Nationalpark als über das kleine, aber hoch bedeutsame Museum, das längst Ziel von Schliemann-Forschern aus aller Welt geworden ist. Davon gibt es allerdings nur zwei oder drei Dutzend, über den Globus verteilt. Und deshalb würde Museumsdirektor Dr. Reinhard Witte gern mehr als die bislang knapp 17 000 Besucher pro Jahr begrüßen. Schulkinder führen manchmal den „Kampf um Troja“ auf. Und vor ein paar Monaten machten die Ankershagener ihren berühmtesten Sohn sogar zum Ehrenbürger, 170 Jahre nachdem er weggezogen war.
Bernd Schiller

Weitere Informationen: Ankershagen liegt etwa auf halbem Wege zwischen Waren an der Müritz und der Kleinstadt Penzlin (Abfahrt von der B 192 bei Möllenhagen). Das Museum ist bis Oktober dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr und danach, bis März, dienstags bis freitags von 10 bis 16 Uhr und an Samstagen von 13 bis 16 Uhr geöffnet. Eintritt: 3 Euro. Auskunft über Führungen und Veranstaltungen: Telefon: 03 99 21/32 52 oder im Internet: www.schliemann-museum.de
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