ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2003Burn-out-Syndrom: Junge Ärzte gefährdet

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Burn-out-Syndrom: Junge Ärzte gefährdet

Dtsch Arztebl 2003; 100(43): A-2820 / B-2348 / C-2204

Madel, Michael

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Foto: caro (M)
Foto: caro (M)
Das Burn-out-Syndrom galt lange Zeit als typisches Leiden von Managern. Mittlerweile sind aber immer öfter auch Ärzte betroffen, wie Alfred Lange vom Dienstleistungscentrum medicen in Chemnitz berichtet (www.medicen.de). Ein Grund dafür sei, dass sie unter dem besonderen Druck stünden, es möglichst allen Recht machen zu wollen. Viele Ärzte erkennen zwar die Vorzeichen, wollen das Ausgebranntsein jedoch nicht wahrhaben.
Langes Erfahrung ist, dass vor allem junge Ärzte gefährdet sind: engagierte Menschen, die enthusiastisch und voller Erwartungen an eine neue Aufgabe gehen. Man „brennt“ für eine Sache, eröffnet eine Praxis und ist vom Gedanken beseelt, kranken Menschen auf einfühlsame Weise helfen zu können. Der Praxisalltag, die bittere Erfahrung, manchmal an die Grenzen der medizinischen Leistungsfähigkeit zu stoßen, Zeitdruck, verzweifelte Patienten, das Auf und Ab in der Gesundheitspolitik und ökonomische Zwänge führen zunächst zu einer Steigerung des persönlichen Einsatzes – und dann zur Frustration. Es folgen Rückzug, Abkapselung, Vernachlässigung von Familie, Hobbys und Privatleben und schließlich Hoffnungslosigkeit, Apathie und Depression. Ein Gefühl der inneren Leere macht sich breit. Der Enthusiasmus ist verflogen, das Engagement sinkt. Darüber spricht niemand gerne. „Der Betroffene nimmt seinen Zustand meist zuletzt wahr“, berichtet Otto Fuksik von 11Concept in Jena (www.11concept.de).
Dem Burn-out-Syndrom kann vorgebeugt werden: Körperbedürfnisse beachten, regelmäßige Pausen, effektives Zeitmanagement, urlauben, Aufgaben delegieren, „nein“ sagen lernen, Hang zum Perfektionismus vermeiden, Entspannungstechniken und Atemübungen sind wichtige Ein-
zelmaßnahmen. „Das Allerwichtigste aber sind Gespräche“, meint Michael Letter von Medical Management in Willich (www.5medical-manage ment.de), der versucht, zu den vom Burn-out bedrohten Ärzten in Einzel-Coachings ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Es genüge nicht, an der Stellschraube „Beruf“ zu drehen, betont er. Vielmehr sei es notwendig, die einzelnen Lebensbereiche zu harmonisieren, um Kraft zu schöpfen. Der Arzt müsse lernen, sich zu öffnen, über seine Probleme zu sprechen und bereit sein, sich als ganzheitliche Person in
den Prozess einzubringen.
Ärzte spielen in ihrem Leben verschiedene Rollen: morgens als Elternteil, das dafür sorgt, dass die Kinder rechtzeitig in der Schule sind. Dann ab in die Praxis oder Klinik. Termine, Mitarbeiterbesprechungen, Hektik, Stress, Freude und Ärger. Abends Freunde treffen, Kino, das Fitnessstudio aufsuchen. Da aber nur ein beschränktes Zeitbudget für diese Vorhaben zur Verfügung steht, kommt es zu einem Hin- und Hergerissensein zwischen den beruflichen Zielen, Anforderungen und Aufgabenerfüllung sowie dem Spaß und Familiensinn.
Mit der Frage, wie sich der Energie-Akku jeden Tag neu aufladen lässt, beschäftigt sich das Life-Leadership®, also die Kunst, das Leben eigenverantwortlich zu gestalten. Dort werden vier Lebensbereiche unterschieden: die Gesundheit (Fitness, Ernährung, Erholung), das Privatleben (Freizeit, Hobbys, Freunde, Familie); der Beruf (Arbeit, Karriere) und die Sinnhaftigkeit (Selbstverwirklichung, Zukunftsfragen, Philosophie).
Das Ziel ist die Ausbalancierung der Persönlichkeit, bei der ein unabhängiger und neutraler Dritter Unterstützung gibt. Der Arzt versucht, bewusst vom Beruflichen ins Private, von der Sachlichkeit zur Emotionalität zu wechseln – und trotzdem in seiner Mitte er selbst zu bleiben. Da ist Zielmanagement gefragt: Der erste Schritt gegen den Burn-out besteht in der Klärung der Frage, welche Ziele für den Arzt oberste Priorität genießen.
Wer sich konkrete Ziele setzt, wird feststellen, dass sich sein Leben wie automatisch an diesen Zielen orientiert. Daraus ergibt sich die Frage: Was muss ich tun, um die Ziele zu erreichen? Dabei fokussiert sich der Arzt auf die wesentlichen Aufgaben – nämlich die, die der Zielerreichung dienen. Diese Maßnahmen unterstützen das übergeordnete Vorhaben, wieder Vertrauen zu sich selbst zu gewinnen. Kein leichtes Unterfangen – aber der richtige Weg, um das Feuer der Begeisterung aufs Neue zu entfachen. Dr. Michael Madel
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