ArchivDeutsches Ärzteblatt46/1996Schmerz und AIDS: Ein vernachlässigtes Phänomen

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Schmerz und AIDS: Ein vernachlässigtes Phänomen

Dtsch Arztebl 1996; 93(46): A-3039 / B-2571 / C-2283

Vetter, Christine

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LNSLNS "Rund 40 bis 60 Prozent der AIDS-Patienten leiden an schweren Schmerzzu- ständen, was bislang aber noch weitgehend unterschätzt wird. Nur 17 Prozent der Betroffenen erfahren eine effektive Schmerztherapie, es herrscht in diesem Bereich eine erhebliche Unterversorgung", kritisierte Prof. Michael Zenz (Bochum) auf einem von Mundipharma unterstützten Symposium anläßlich des Deutschen Schmerzkongresses in Köln. Durch verbesserte antivirale Therapieverfahren gelingt es inzwischen, die Lebenserwartung der Patienten zu steigern, wie Dr. Hans Jäger (München) ausführte. Dadurch müssen häufig schwere Schmerzzustände bekämpft werden. Der Schweregrad der Schmerzen von HIV-Infizierten ist denjenigen der Krebspatienten vergleichbar, doch gibt es laut Jäger Unterschiede beim Schmerzverhalten. So erleben Krebspatienten mit dem Fortschreiten der Erkrankung in aller Regel einen sich kontinuierlich verstärkenden Schmerz. Bei AIDSPatienten begründet sich der Schmerz auf Komplikatio-nen unter der Erkrankung. Diese müssen beseitigt werden, um Schmerzfreiheit zu erreichen.
Nicht selten jedoch treten mehrere Komplikationen an unterschiedlichen Organen auf, die zu unterschiedlichen Schmerzsyndromen führen. Beschrieben sind sowohl neurologische als auch rheumatische, dermatologische, pulmonale und gastrointestinale Manifestationen, die zumeist durch Infektionen mit verschiedenen opportunistischen Keimen verursacht werden. Zusätzlich können die antiviral wirksamen Medikamente ihrerseits Schmerzen, etwa beim DDI oder dem DDC, bedingt durch eine periphere Polyneuropathie, hervorrufen. Oberstes Ziel, das sich auch auf die Schmerzsituation auswirkt, ist dabei das Beseitigen der Komplikation. Unabhängig davon muß aber auch für eine Linderung der Schmerzen gesorgt werden, es besteht nach Jäger die zwingende Notwendigkeit einer effektiven Schmerztherapie. Diese lehnt sich wie auch die Schmerztherapie bei Tumorkranken an das dreistufige Schema der WHO an.


Starke Opioide
Danach werden in der ersten Stufe peripher wirksame Analgetika gegeben, die in der Stufe zwei mit einem schwachen Opioid und in der dritten Stufe mit einem starken Opioid kombiniert werden. Dieses Schema ist auf die AIDS-Therapie anzuwenden, allerdings muß nach Jäger die Stufe zwei sehr oft rasch durchlaufen oder sogar übersprungen werden, auf ein stark wirksames Opioid kann meist nicht verzichtet werden.
Bewährt hat sich, so Dr. Patrick Dixon (London), die Gabe eines langwirksamen, also eines retardierten Morphins, das sich wegen der langen Wirkdauer vor allem für die immer anzustrebende ambulante Versorgung des AIDS-Patienten anbietet. Die Morphin-Therapie hat nach seinen Worten einen positiven Nebeneffekt, der sich auf eine unerwünschte Wirkung, die Obstipation, begründet. Bei den AIDS-Patienten, die sehr häufig an massiven Durchfällen leiden, ist diese Nebenwirkung nach Dixon äußerst hilfreich. Christine Vetter

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