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Pilze im Gastrointestinaltrakt: Vom Mythos der Candida-Besiedelung

Dtsch Arztebl 1996; 93(46): A-3041 / B-2573 / C-2285

Filip, B.

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Vergangenes Jahr wurde der deutsche Büchermarkt von Publikationen überschwemmt, die die Gefahr der gastrointestinalen Pilzbesiedelung zu verdeutlichen versuchten. Kerninhalt war das CandidaHypersensitivitäts-Syndrom, das für eine breite Palette aller möglichen Gebrechen verantwortlich sein soll. Darunter fallen so heterogene Symptome wie Herzbeschwerden, Dyspnoe unter Belastung, Meteorismus, Heißhungerattacken, chronische Müdigkeit sowie Arthritiden und Myalgien. Ebenso fehlte es nicht an diversen diätetischen Empfehlungen.
Wegen dieser Veröffentlichungen wurden zahlreiche Gesunde aufgrund banaler Beschwerden verunsichert. Sie suchten die Praxen auf und verlangten nach einem Pilznachweis im Stuhl. Das "Candida-Syndrom" wurde 1976 als Hypothese aufgestellt. Zehn Jahre später wurde dieses Konzept von der American Academy of Allergology and Immunology als "spekulativ und unbewiesen" verworfen.
In einer plazebokontrollierten Cross-over-Studie war nämlich dargelegt worden, daß die genannten Beschwerden von Patienten mit positivem Pilznachweis im Stuhl auf Nystatin nicht besser angesprochen hatten als auf Plazebo (jeweils nur 25 Prozent). Nun ist es aber so, daß bei zwei von drei Gesunden ein Pilzbefall der Faeces nachzuweisen ist, konstatierte Prof. Wolfgang Rösch (Frankfurt). Den Gastroenterologen ist bekannt, daß bei immungeschwächten Patienten das Plattenepithel von Mundhöhle und Ösophagus mit Pilzen besiedelt ist.
Bei rund einem Viertel der Kranken mit Magengeschwür findet sich am Ulkusgrund Candida, was aber den Heilungsprozeß nicht beeinträchtigt. Eine diffuse Schleimhautbesiedelung im Zylinderzellbereich von Magen, Dünn- und Dickdarm kommt laut Rösch "praktisch nicht vor. Umfragen unter Gastroenterologen und Pathologen lassen die Existenz einer invasiven Candidose in diesem Bereich als Mythos erscheinen."
Es existieren zumindest von immunkompetenten Patienten weder Fallberichte noch endoskopische oder histologische Aufnahmen. Eine massive Darmbesiedelung mit Candida, die zu chronischen Durchfällen führt, kommt vereinzelt bei alten und mangelhaft ernährten Patienten vor, die schwer krank sind, eine lange Hospitalisation durchgemacht haben und antibiotisch sowie chemotherapeutisch vorbehandelt worden sind. Dieses Krankheitsbild spricht aber auf orales Nystatin an und ist nach spätestens vier Tagen geheilt. Rösch sieht derzeit keine Veranlassung, gegen im Darm aufgespürte Hefen mit einem Antibiotikum vorzugehen. Das gilt speziell für Candida. Zwar verschwindet der Pilz unter antibiotischer Intervention aus den Faeces, oder die Pilzmenge reduziert sich unter die Nachweisgrenze.
Doch einige Tage nachdem das Mittel abgesetzt wurde, lassen sich die Pilze erneut nachweisen. "Meteoristische Beschwerden bei positivem Pilznachweis im Stuhl sind Ausdruck des zugrundeliegenden Colon irritabile und nicht auf eine Gasproduktion im Rahmen von Vergärungsvorgängen durch Candida bedingt", so der Gastroenterologe.


Hefepilze
Aus labordiagnostischer Sicht wurde das vermeintliche Problem von Dr. Anna Sander (Freiburg) unter die Lupe genommen. So sind von den mehr als 200 bekannten Candida-Arten weniger als zehn als humanpathogen einzustufen. Primär pathogene Hefen kommen aber beim Menschen nicht vor. Passagere Hefen, etwa Saccharomyces cerevisiae, finden sich in Lebensmitteln wie Bier, verschwinden aber sehr rasch. Bei Gesunden ist der Gastrointestinaltrakt in zwei bis 80 Prozent der Fälle mit Candida besiedelt – je nach Labor, wie Sander anmerkte.
Am häufigsten ist Candida albicans. Dieser Hefepilz konnte in einer Freiburger Untersuchung in rund der Hälfte aller Stühle dingfest gemacht werden. Verglichen mit Aerobiern und Anaerobiern sind Hefen schwache Gasbildner, wie Sander betonte, und sind daher nicht für Blähungen verantwortlich zu machen. Candida albicans gehört also zur physiologischen Darmflora. Nur bei Risikopatienten kann der Darm ein Erregerreservoir für invasive Mykosen darstellen. Eine dauerhafte Eradikation der Hefen aus dem Gastrointestinaltrakt ist nicht möglich. Karl B. Filip

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