ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2003Allgemeinmedizin: Plädoyer für ein neues Arztbild

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Allgemeinmedizin: Plädoyer für ein neues Arztbild

Dtsch Arztebl 2003; 100(44): A-2844 / B-2365 / C-2222

Schmidt, Klaus

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LNSLNS Nicht Praktiker, sondern „Spezialist für Problemlösungen“ soll der Allgemeinarzt sein.

Zwei wichtige Stationen hat die Allgemeinmedizin in diesem Jahr erreicht: Einmal hat der Deutsche Ärztetag die neue (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung verabschiedet mit dem neuen Fach „Allgemein- und Innere Medizin“. Beim 29. Symposium der Vereinigung der Hochschullehrer und Lehrbeauftragten für Allgemeinmedizin in München betonte Bundes­ärzte­kammer-Präsident Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, dass es sich dabei weniger um eine Verschmelzung der beiden Fächer als vielmehr um etwas Neues handelt. Andererseits wurde die Hausarztmedizin erstmals durch das Gesundheitsmodernisierungsgesetz im Sozialgesetzbuch V etabliert.
Lehr- und Lernformeln
Dem Hausarzt fällt damit eine neue, wichtige Aufgabe zu. Hoppe, aber ebenso den Hochschullehrern für Allgemeinmedizin, missfällt dabei das Bild vom Hausarzt als „Lotsen im Gesundheitssystem“. Ein Lotse steuere das Schiff sicher durch die Klippen, meinte der BÄK-Präsident, aber dann überlasse er es sich selbst. Ihm würde das Bild vom Kapitän besser gefallen. Um ein neues Arztbild oder Bild vom Allgemeinarzt ging es auch bei dem Symposium.
Prof. Dr. med. Frank Mader, Lehrbeauftragter für Allgemeinmedizin an der Technischen Universität München, wies darauf hin, dass mit der neuen Approbationsordnung und ihrer Betonung bestimmter Lehrformen den Studenten wohl auch ein neues Bild von einem neuen Allgemeinarzt vermittelt werden müsse. Allerdings würden die neuen Lehr- und Lernformen der Approbationsordnung für Ärzte dieses neue Bild nicht automatisch vermitteln.
Der Allgemeinarzt werde heute oftmals als Lotse, Gatekeeper, als Koordinator oder Arzt der ersten Linie bezeichnet, doch sieht Mader in der Funktion des Allgemeinarztes wesentlich mehr als die des Koordinators und Kommunikators. Er wies auf die Komplexität der allgemeinärztlichen Funktionen hin.
Ein in den spezifischen Grundlagen des Fachs geschulter allgemeinärztlicher Lehrer würde nach Mader am ehesten sowohl als Dozent im universitären Bereich als auch als Lehrarzt in der Praxis den Studenten ein tatsächlich neues Allgemeinarztbild vermitteln, das die Kompetenz des Lehrers im Auge und die des Schülers verbessern wird, und zwar Kompetenz im Sinne von qualifizierter Zuständigkeit.
Mader beschreibt den neuen Allgemeinarzt als einen „Spezialisten sui generis“
- für das Unausgelesene an der ersten ärztlichen Linie,
- für das Uncharakteristische und Unscharfe,
- für das Bedrohende und abwendbar Gefährliche sowie den angemessenen Umgang damit,
- der um die Falle der Banalität weiß,
- der Handlungszwänge zum abwartenden Offenlassen kritisch und in geteilter Verantwortung mit dem Patienten überprüft,
- dem der Patient zutraut, dass er 90 Prozent aller an ihn herangetragenen Beratungs- und Versorgungsprobleme im eigenen Bereich – in Zusammenarbeit mit anderen Spezialisten – löst.
Das neue Bild vom Allgemeinarzt ist nach Maders Worten das vom
Spezialisten für Problemlösungen.
Besonders gefallen hat ihm ein Bild vom Allgemeinarzt, das kürzlich in einem Leserbrief des Deutschen Ärzteblattes beschrieben wurde: der Allgemeinarzt als Dirigent eines Orchesters, in dem der Patient die erste Geige spielt. Hier werde zum ersten Mal auch die Rolle des Patienten erwähnt, lobte er. Klaus Schmidt
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