ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2003Albanien: Aufbruch aus dem Armenhaus

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Albanien: Aufbruch aus dem Armenhaus

Dtsch Arztebl 2003; 100(44): A-2853 / B-2372 / C-2229

Katelhön, Susann

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Zwar zählt Albanien noch immer zu den ärmsten Ländern Europas. Auch die medizinische Versorgung lässt zu wünschen übrig. Doch kündet die Stimmung im Land von Fortschritt. Foto: Susann Katelhön
Zwar zählt Albanien noch immer zu den ärmsten Ländern Europas. Auch die medizinische Versorgung lässt zu wünschen übrig. Doch kündet die Stimmung im Land von Fortschritt. Foto: Susann Katelhön
Die Gründung selbstständiger Institutionen nach europäischem Vorbild hat Priorität für die albanische Regierung“, betonte Albaniens Premierminister Blendi Klosi. Anlass war ein Besuch des Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, in Tirana. Seit 1994, so Klosi, existiere eine Interessenvertretung der Ärzte, deren Bedeutung in den letzten Jahren deutlich zugenommen habe. Ein Meilenstein auf dem Weg dorthin: Im Jahr 2000 sei die Ärztekammer als Körperschaft des öffentlichen Rechts mit autonomem Satzungsrecht gesetzlich verankert worden. Außerdem habe man mit Unterstützung des britischen General Medical Council und der Ärztekammer Nordrhein damit begonnen, ein Ärzteregister zu erstellen. 5 200 von schätzungsweise 6 000 albanischen Ärzten seien bereits registriert. Mit dem Register wird es erstmals möglich sein, die tatsächliche Zahl der Ärzte, ihre Verteilung im Land und ihre Fachzugehörigkeit angeben zu können. „Für die Organisation von Aus- und Weiterbildung, die Sicherstellung der ärztlichen Versorgung sowie für Berufsaufsicht und Qualitätssicherung sind dies essenzielle Daten“, erklärte Klosi.
Ärztepräsident Hoppe zeigte sich über die Fortschritte erfreut: „Die Stimmung im Land hat sich deutlich gewandelt. Meine Erwartungen sind völlig übertroffen worden, sowohl was die Organisation der Ärztekammer betrifft als auch die Entwicklung von Infrastruktur und Wirtschaft.“ Schon beim Gang durch die Stadt fallen die Veränderungen auf: Baufällige Häuser in der Innenstadt wurden größtenteils abgerissen, das Ufer des Kanals, der noch bis vor kurzem als Kanalisation genutzt wurde, ist jetzt begrünt, und es wurde eine Promenade angelegt. Die Häuserfassaden sind frisch gestrichen. In den Erdgeschoss- und Souterrainwohnungen haben kleine Läden und Verkaufsstände eröffnet, an den Bürgersteigen drängen sich Gemüsehändler, Schuhputzer und Geldwechsler. Das Zentrum Tiranas pulsiert. Doch nur wenige Hundert Meter entfernt ändert sich das Bild: Das Auto holpert über Schotterstraßen, die gesäumt sind von den Resten der alten Baufälligkeit.
Was die gesundheitliche Versorgung betrifft, ist die Regierung bemüht, das staatliche Gesundheitswesen funktionsfähig zu halten. Familienärzte und Polikliniken, an denen die Fachärzte arbeiten, gewährleisten die medizinische Versorgung in den Städten. Auf dem Land sichern Gesundheitszentren mit mehreren Ärzten und Pflegekräften die Versorgung. Ein Großteil der Ärzte ist staatlich angestellt, wobei sie die Möglichkeit haben, das geringe Gehalt durch eine Nebentätigkeit in privater Praxis aufzubessern. Das vom Staat favorisierte Primärarztsystem nehmen die Patienten allerdings kaum an.
Große Probleme bereitet der „graue Markt“. Da die Ärzte völlig unterbezahlt werden, hält jeder die Hand auf, noch bevor er zu arbeiten beginnt. Auch wenn diese Praxis, die es in den kommunistischen Staaten stets gegeben hat, nun als Korruption bezeichnet wird, muss man feststellen, dass die Ärzte von ihrem Gehalt schlicht nicht leben können. Der Ärztekammer ist es einerseits wichtig, Öffentlichkeit und Politik auf diese Missstände aufmerksam zu machen. Andererseits muss sie aber auch ihre Disziplinarfunktion gegenüber den Ärzten wahrnehmen. Nicht alle sehen dies als Teil des Demokratieprinzips. So berichtet der Präsident der Ärztekammer von Berat, Dr. Miltiadh Vevecka, von einem Arzt, den er im Rahmen eines Berufsordnungsverfahrens verurteilt hat. Wenige Tage später fand er sein Auto zerbeult am Straßenrand. Der Gemaßregelte hatte seinen Aggressionen mit einem Baseballschläger freien Lauf gelassen.
Finanzschwache Versicherung
Zur Finanzierung der Gesundheitsversorgung wurde 1995 eine Kran­ken­ver­siche­rung gegründet, die aber nur einen Teil der Medikamentenkosten und die Kosten der ambulanten Versorgung durch Familienärzte deckt. Die Kosten der Krankenhausbehandlung übernimmt sie nicht. Allerdings ist die Notfallversorgung in den Kliniken frei zugänglich. Die Versicherung steht finanziell auf schwachen Beinen: Die Zahl der Beitragszahler ist zu gering – nur staatliche Angestellte führen Beiträge ab –, und die Beitragssätze sind zu niedrig, um weitere Leistungen integrieren zu können. Die geplante Einrichtung eines Kran­ken­ver­siche­rungsfonds zur Absicherung von Standardleistungen ist von staatlichen Zahlungen abhängig. Fortschritte zeichnen sich durch eine Kooperation zwischen Industrie, Ge­sund­heits­mi­nis­terium, Ärztekammer und Gesundheitsorganisationen ab. Letztlich wird die Lösung der Probleme aber von der wirtschaftlichen und politischen Stabilität abhängen. Dr. med. Susann Katelhön
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