ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2003Ärztemangel: Eigene Lebenserfahrung

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Ärztemangel: Eigene Lebenserfahrung

Dtsch Arztebl 2003; 100(44): A-2856 / B-2374 / C-2231

Schwerdtfeger, Ulrich

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LNSLNS Das Studium habe ich für geschlagene drei Jahre unterbrochen (unglaublich, was fällt dem ein!), um meine beiden kleinen Kinder zu erziehen und auch meiner Frau die Fortsetzung ihres Medizinstudiums zu ermöglichen. Mit 30 befand ich mich am Ende des PJ, Wahlfach Neurologie, an Uniklinik, großes wissenschaftliches Interesse, klinisch sehr engagiert, beim Chef durchaus beliebt. Schließlich Bewerbungsgespräch bei eben diesem: „Wie alt sind Sie denn?“ – „30 Jahre.“ – „Ah, das ist Ihr Handicap(!)“. Damit war das Thema AiP-Stelle erledigt.
Später AiP und Assistent an anderer Uniklinik. Der Chef dort setzt mich für sein Steckenpferd-Projekt ohne irgendeinen wissenschaftlichen Nutzen ein, was zweierlei zur Folge hat: Die älteren Assisten-
ten halten sich vor Lachen die Bäuche oder reiben sich vor Mitleid die Augen: „Ach, jetzt bist du dran. Das macht er mit jedem. Du Armer!“ Und: Kein Leiter einer wissenschaftlich interessanten Arbeitsgruppe lässt mich jetzt noch bei ihm mitmachen, da man ja den Chef nicht vor den Kopf stoßen (und sich selbst gefährden) will.
Weiterhin: wissenschaftliches Interesse ungebrochen, auch entsprechende Begabung, überdurchschnittliche experimentelle Dissertation. Weiter Bewerbungen an Uni-Kliniken. Typische Reaktion: „Was, mit 34 noch ein operatives Fach beginnen? Da müssen Sie sich ja von besser ausgebildeten Jüngeren was sagen lassen. Das halten Sie doch nicht aus!“ Woher weiß der bloß nach einer halben Stunde, was ich so alles aushalte? Das sagt wohl über seine eigene Belastbarkeit mehr aus als über meine.
Der ideale Kandidat: bei der Bundeswehr untauglich gemustert (was bedeutet schon Staatsbürgerpflicht?), mit 19 das Medizinstudium angefangen, mit 25 promovierter Arzt, mit 30 Facharzt, mit 33 Ordinarius und mit 40 innerlich tot, dann auch nicht mehr sehr effektiv. Im positivsten Falle bricht sich das Leben in Form einer behandlungsbedürftigen und -fähigen Depression Bahn, und es wird doch noch alles gut. Alle anderen, durchaus auch sehr begabten Ärzte und Wissenschaftler (die Mehrheit, die mit so lästigen Nebensachen wie Liebe, Familie, Kinder, Hobbys zu kämpfen hat), fallen besser von vornherein hinten runter.
Ich behaupte: Würde von den maßgeblichen Personen vor allem auf die Begabung und die Liebe zum Beruf der Bewerber geachtet und ihnen (auch) ein normales menschliches Leben zugestanden werden, ohne ständig verstaubte Akademiker-Vorurteile zu bemühen, dann verließen viel weniger Ärzte das Land oder gäben auf. Dass menschliche Reife des Arztes und Wissen-schaftlers letztlich dem Patienten zugute kommt, davon fangen wir lieber gar nicht erst an.
Ich finde es unerträglich, wie, anstatt an den o. g. Dingen etwas zu ändern, ständig das deutsche System verantwortlich und mehr und mehr schlecht gemacht wird, ein System, in dem zum Beispiel auch jemand mit eher musischer Vorbildung (wie ich) und erst spät aufgekommenem Interesse an Naturwissenschaft und Heilkunde Medizin studieren darf. Daher: Bitte lasst die ZVS leben und übergebt nicht die ganze Auswahlhoheit den Unis!
Wir alle, Assistenten, Studenten, Ordinarien, Politiker sind aufgerufen, unser bewährtes System nicht kaputtzuverändern, sondern es im besten Sinne zu fordern und zu fördern. Man sollte viel öfter die Vorteile der deutschen Medizin hervorheben und somit für diese werben.
Dr. med. Ulrich Schwerdtfeger, Am Schilken 38, 58285 Gevelsberg
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