ArchivDeutsches Ärzteblatt46/1996Urologie im Rheinland: Wertvolle Gerätschaften

VARIA: Medizingeschichte

Urologie im Rheinland: Wertvolle Gerätschaften

Dtsch Arztebl 1996; 93(46): A-3045 / B-2577 / C-2289

Vetter, Christine

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LNSLNS Schon sehr früh hatte die Urologie im Rheinland – damit seien hier die "rheinischen Stammlande zwischen Aachen, Köln, Düsseldorf und Bonn" gemeint – einen hohen Stellenwert: So fand sich im Neusser Militärlazarett, dem Valetudinarium, eine Reihe wertvoller alter medizinischer Gerätschaften, darunter Bronze-Katheter, die offensichtlich für urologische Eingriffe verwandt wurden und Funden aus Pompeji sehr ähnlich sind. "Ein weiterer rheinischer Fund dieses ältesten endo-urologischen Therapieinstrumentes gelang bei der Freilegung eines Ärztegrabes bei Bingen", so Dr. Friedrich Moll von der Urologischen Klinik der Kliniken der Stadt Köln bei einem Vortrag zur Geschichte der Urologie im Rheinland anläßlich des Kölner Urologentages 1996. Die gefundenen Katheter haben besonderen historischen Wert, sind doch Katheter wie allgemein dünne röhrenförmige Objekte über die vielen Jahre nur selten erhalten geblieben, was Archäologen mit den leicht möglichen Beschädigungen durch Druck erklären.
Doch nicht nur Katheter geben Zeugnis vom hohen Stellenwert der Urologie in der Vorzeit. Durch den Zerfall der griechisch-römischen Medizin traten im Mittelalter spezialisierte Zunftgruppen an die Stelle der ursprünglichen Heiler. Oft handelte es sich um "Heilige", von deren Wundern das Volk Genesung erhoffte. Dazu Moll: "So galt der heilige Liborius als Schutzpatron der Harnsteinkranken und somit als wichtigster Schutzheiliger der Urologie. Seine Reliquien wurden im Jahr 836 auf Veranlassung Ludwigs des Frommen bei Köln über den Rhein getragen, um der Diözese Paderborn im nicht christlichen Norden einen geistigen Mittelpunkt zu geben."
Auch für die älteste urologische Operation, die Zirkumzision, lassen sich nach Angaben des Kölner Urologen bereits im Mittelalter Hinweise auf das Rheinland finden: "Der frommen Legende zufolge soll die ,hochheilige Vorhaut Christi' durch Engel auf Karl den Großen in Aachen gekommen sein." Dieser vermachte sie anläßlich seiner Krönung dem Lateran als bedeutendste Reliquie der Christenheit.
Auch fehlt es nicht an Hinweisen darauf, daß Urologie im Rheinland in der Folgezeit intensiv praktiziert wurde: So finden sich in den Kölner Ratsprotokollen mehrfach Hinweise auf Bruch-, Stein- und Hodenschneider, die ihre Stände in der Stadt, auf dem Heu- und Neumarkt, aufschlugen. "Es liegt in der Natur der Quellen, daß wir über die alltägliche Arbeit wenig erfahren, viel dagegen über Mißstände und Komplikationen", sagte Moll. 1574 erhielten die Steinschneider in Köln nach seinen Ausführungen die Auflage, vor jeder Operation an gebrechlichen Personen den Bürgermeister zu informieren!
Zwei Urologen hob Moll in seinem Vortrag besonders hervor: Es ist dies einerseits Frère Jacques Beaulieu (1651 bis 1714), der den Katalog der operativen Zugangswege um den Seitensteinschnitt erweitert. 1689 operierte er in Mönchskutte im Hause des Schöffen de Witte in Aachen rund 200 Patienten in einem Monat, und das bei einer Letalität von etwa zwei Prozent. Fortschritte in der Urologie brachte auch Bernhard Bardenheuer (1839 bis 1913), ein Schüler Simons und von Langenbecks: Sein "Türflügelschnitt" verbesserte bei Nephrektomien die präoperative Funktionsdiagnostik der "gesunden Gegenseite" zu einer Zeit, als eine präoperative Funktionsdiagnostik ansonsten technisch noch nicht möglich war. Im Jahr 1887 führte er zudem die erste totale Zystektomie durch, eine Operation, die sogar noch 1910 eine Letalität von mehr als 50 Prozent aufwies. Dennoch fand das uro-chirurgische Wirken Bardenheuers in der deutschen Literatur – ganz im Gegensatz zu derjenigen in den USA – kaum Widerhall. Christine Vetter

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