ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2003Medizin in der Krise: Deutlich Finger in die Wunde gelegt

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Medizin in der Krise: Deutlich Finger in die Wunde gelegt

Dtsch Arztebl 2003; 100(44): A-2859 / B-2377 / C-2233

Ulbrich, Alexander

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LNSLNS Der Beitrag von Harald Kamps legt deutlich den Finger in die Wunden unseres kranken Gesundheitssystems; er gehört mit zum Besten, was ich in der letzten Zeit auch über (Un-)Sinn und Ziel(-losigkeit) der Medizin gelesen habe. Die Un-Früchte der Fehlentwicklung sind zahlreich; Aporie, Ratlosigkeit zur Finanzierbarkeit, ist nur eine Folge von vielen.
Solange unser Tun von Leitlinien, Überlebensraten, NNTs bestimmt werden muss, die juristische Implikation jeder unserer Entscheidung uns an die Fersen geschmiedet ist, wird sich an der „Defensiv-Medizin“ mit Myriaden von Befunden, aber ohne Sinn, nichts ändern können. Ab welcher NNT soll eine lebenserhaltende Therapie verzichtbar sein? Ab welcher Risikoreduktion ist teuerste Medikation (CSE-Hemmer, Heparin, Clopidogrel . . .) gerechtfertigt? Solidarische Fürsorge pervertiert in omnipräsente Vergewaltigung, die Entwicklung führt zu einem Sackgassen-Monster.
Dies alles resultiert aus einer Weltanschauung, deren Credo Effektivität und Profitmaximierung (auch bzgl. des individuellen Lebensentwurfes) lautet. Die Lebensumgebung, das „Environment“, ist hierfür nur Mittel zum Zweck und wird so zwangsläufig geplündert, da sie kein Wert an sich ist.
Änderung geschieht, wenn das „Environment“ als geschenkte Schöpfung gesehen und empfunden werden kann, das Leben als (Auf-)Gabe eines verschenkenden Schöpfers. Franz von Assisi hat seinen Sonnengesang fern von strahlender Gesundheit geschrieben! Im biblischen Gleichnis der „Arbeiter im Weinberg“ werden alle gleich entlohnt. Ganz genauso ist es: Ob lang oder kurz gearbeitet, lang oder kurz gelebt, der Lohn ist der gleiche; unterschiedlich aber, wie dieser Lohn empfunden wird, je nach Erwartung und Anspruchshaltung. Verzicht ist oftmals Genussverstärker.
Wenn Heilung zum Gleichnis und nicht zum Entscheidenden wird, kann die Binsenweisheit (auch eine der Wahrheiten unseres Gesundheitssystems) ertragen werden: dass Krankheit zum Leben gehört, dass das Lebensrisiko unvermeidlich und vom Betroffenen selbst zu verantworten ist, dass der Tod gewiss und das Leben endlich ist – und auch die Finanzierbarkeit unseres Gesundheitswesens.
Dr. Alexander Ulbrich, Birkheckenstraße 1, 70599 Stuttgart
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