ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2003Kyphoplastie – Konzept zur Behandlung schmerzhafter Wirbelkörperbrüche: Kommentierung notwendig
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LNSLNS Die hohe Prävalenz von osteoporotischen Wirbelfrakturen, die unbefriedigende Situation und die Probleme der Miedertherapie werden dankenswerterweise erwähnt. Das vorgestellte Behandlungskonzept bedarf aber doch einiger Kommentare. Eine Miedertherapie führt bei begleitender physikalischer Therapie nicht zu der beschriebenen Rückbildung der Muskeln. Nach eigenen Erfahrungen mit der Vertebroplastie erfolgt die Wirbelkörperaufrichtung in erster Linie durch die intraoperative Lagerung der Patienten. Es verbleiben Zweifel an der Wirksamkeit der Ballonmethode im frakturierten Bereich, da ein den Ballon abstützendes Gewebe zur Korrektur benötigt wird. Die Ausführungen zur operativen Indikationsstellung, den angegebenen Indikationen und Kontraindikationen sind problematisch. So lässt sich die notwendige Operationsradikalität bei Primärmetastasen bestimmter Tumoren mit dieser Methode in keinem Fall erreichen, hier ist sie kontraindiziert.
Ferner erscheint die Aussage, dass eine Kyphoplastie bis zu drei Monate nach einem Frakturereignis durchgeführt werden kann, vor dem Hintergrund der Frakturheilung sehr weit gefasst. Notwendig ist die Definition des Begriffs chronische, schmerzhafte (verheilter?) Sinterungsfraktur respektive der Wertigkeit des Verfahrens, dessen Wirkmechanismus bei ausgeheilten Frakturen wohl kaum zum Tragen kommen kann.
Die Angaben zur fehlenden Indikation bei Frakturen und dem Vorliegen begleitender, hochgradiger, degenerativer Veränderungen erschließen sich nicht. In der betroffenen Altersgruppe werden gerade diese Wirbelsäulenveränderungen bei vielen Patienten vorhanden sein, dennoch treten stabilisierungswürdige Frakturen auf. Notwendig sind Aussagen im Hinblick auf die Korrekturfähigkeit segmentaler Winkelfehlstellungen, auf die maximale Anzahl der zu therapierenden Wirbel und der Gefahr der Lungenembolisierung durch Zementanteile sowie vorhandene Altersbeschränkungen.
Vollkommen unverständlich ist die Forderung des interdisziplinären Vorgehens bei osteoporotischen Frakturen ohne Nennung von Kriterien, die dieses Vorgehen rechtfertigen. Die Aussagen über die angeschuldigten, möglicherweise eintretenden ruinösen Folgen für die Kostenträger weisen einen rein spekulativen Charakter auf. Die Beurteilung der Gefahr instabiler Frakturen und der biomechanischen Wertigkeit von frakturbedingter Wirbelsäulendeformität bei osteoporotischen Frakturen bleibt den sich mit der Beurteilung von Frakturen, der Biomechanik und der Stabilität von knöchernen Prozessen beschäftigenden Fachgebieten vorbehalten. Die eigenen Erfahrungen zeigen, dass die Anwendung der Vertebroplastie bei 56 Patienten im Jahr 2002 mit rein osteoporotischen Frakturen zu einer Reduktion der Liegezeit im Vergleich zu einer vergleichbaren Patientengruppe (n = 65) mit Miederversorgung im Jahr 2001 geführt hat. In den eigenen Händen hat diese Methode also zur Kosteneinsparung und nicht zur Kostenexplosion geführt.
Bei strenger Indikationsstellung liegen die Vorteile von Kypho- und Vertebroplastie bei alten Patienten mit osteoporotischen Frakturen und erheblichen degenerativen Veränderungen auf der Hand. Ein vergleichsweise kleiner Eingriff führt bei frischen Frakturen zur Stabilitätswiederherstellung und dient der Prävention einer weiteren Kyphosierung mit ungünstiger Schwerpunktverlagerung und der Gefahr einer mit einer chronischen Beschwerdesymptomatik einhergehenden Haltungsinsuffizienz. Die schnelle Mobilisation, die sofortige Beschwerdereduktion und die möglichst zügige Rückkehr in den gewohnten Alltag erleichtern die Reintegration in das soziale Umfeld, die nicht notwendige Miederversorgung führt zu einer weiteren Kostenreduktion. Ein auf anderen Gebieten sinnvoller, interdisziplinärer Ansatz zur Beantwortung einer klaren Fragestellung ist unnötig, da eine zeitnahe Entscheidung vermeidbare Schmerzen und weitere Kosten reduziert. Aufgrund der zu Recht angesprochenen möglichen Komplikationen sollten die genannten Minimalverfahren nur in mit derartigen Problematiken vertrauten Institutionen eingesetzt werden.

Prof. Dr. med. Christof Hopf
Dr. med. Herbert Heeckt
Abteilung für Wirbelsäulenchirurgie,
Kinder-, Rheuma- und onkologische Orthopädie
Lubinus Clinicum
Im Steenbeker Weg 25, 24106 Kiel

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