ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2003Kunst und Psyche: Zwei (fast) leere Kisten?

VARIA: Feuilleton

Kunst und Psyche: Zwei (fast) leere Kisten?

Dtsch Arztebl 2003; 100(44): A-2884 / B-2396 / C-2252

Kraft, Hartmut

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LNSLNS Dass Joseph Beuys nicht nur auf schamanische, sondern häufig auch auf alchemistische Vorstellungen zurückgriff, um daran aktuelle Fragestellungen zu verdeutlichen, ist bekannt. In der Lehre des Paracelsus steht Schwefel als das Brennende für die
Seele (Anima), wohingegen Salz das Feste (Corpus) und Quecksilber das Flüchtige (Spiritus) kennzeichnen. Aus einer Symbiose dieser drei „Urelemente“ sollte nach Paracelsus die Welt gebildet sein. Alle drei Elemente tauchen mehr oder weniger deutlich in dem hier vorgestellten Doppelobjekt auf. Neben dem dinglich vorhandenen Schwefel wird das Feste zwar nicht durch das Salz, wohl aber durch die Zinkkisten ins Spiel gebracht. Gerade ihre provozierende Leere scheint auf das Flüchtige, das schwer Fassbare (Spiritus) zu verweisen. Mit minimalen Mitteln werden Materie, Geist und Seele auf der Symbolebene in diesem Objekt zusammengebracht.
Diese drei Aspekte kommen aber bereits in der Schwefel-Kiste allein zum Ausdruck. Wozu also die Verdoppelung? Der ins Auge springende Unterschied liegt in der Verwendung des Schwefels. Wenn er bei diesem Objekt für die Seele steht, dann stehen sich hier eine unbelebte Materie (rohe Zinkkiste) und eine belebte, beseelte Materie (Schwefelkiste) gegenüber. Angesprochen wäre also die Beziehung des seelisch empfindsamen Menschen zu seiner dinglichen Umgebung. Der Geist als das Flüchtige kann in beiden Objekten wirken.
Auf der symbolischen Ebene von Beuys verweist der Tupfer auf eine seelische Verletzung oder auf die Pflege der Seele, damit es gar nicht erst zu einer Verletzung kommt. Da der Schwefel als das Brennende auf Verwandlung verweist, könnte der Tupfer auch als Hinweis auf Verletzlichkeit und Verletzung aufgefasst werden, die in oft unfreiwilligen Wandlungsprozessen, Wandlungskrisen und Initiationen zu bewältigen sind. Hartmut Kraft


Biografie Joseph Beuys
Geboren 1921 in Krefeld. Nach Teilnahme am Zweiten Weltkrieg 1947 bis 1951 Studium an der Kunstakademie Düsseldorf bei Ewald Mataré, von 1961 bis 1972 Professor dort. Mit seinen „Aktionen“, seiner Vorstellung eines „erweiterten Kunstbegriffs“ und der Einführung neuer Materialien (Fett, Filz, Schwefel etc.) hat er als Künstler und als Lehrer großen Einfluss auf die Entwicklung der Kunst genommen. Erster deutscher Künstler, dem das Guggenheim-Museum in New York 1979 eine Einzelausstellung einrichtete. Ausgedehnte politische Tätigkeit, unter anderem bei den Grünen. Gestorben 1986 in Düsseldorf.

Literatur
Murken AH: Joseph Beuys und die Medizin. Münster: F. Coppenrath Verlag,1979.
Schellmann J (Hrsg.): Joseph Beuys – Die Multiples. Werkverzeichnis der Auflagenobjekte und Druckgrafik. München: Schirmer/Mosel Verlag, 7. Auflage 1992.
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