ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2003Freilichtmuseum Domäne Dahlem: Imbiss zum Anschauen

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Freilichtmuseum Domäne Dahlem: Imbiss zum Anschauen

Dtsch Arztebl 2003; 100(44): A-2885 / B-2397 / C-2253

Lenze, Susanne

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LNSLNS Eine Berliner Ausstellung will „die Imbissbude aus ihrer Anonymität herausholen“.

Der Gast steht gewöhnlich vor einem spärlich dekorierten Fenster: Nur einige Getränkedosen schmücken das kleine Schaufenster. Gegrüßt wird nicht. Eine Begegnung durch Düfte: Frittiergeruch, Ketchup, Rauch, Abgase. Schnelle Bestellung, schnelle Bedienung, schneller Genuss – ein Imbiss. Die Berliner Statistiker zählten in der Bundeshauptstadt 2 000 Buden. Die erste Imbissbude Deutschlands soll 1134 in Regensburg errichtet worden sein.
Das Freilichtmuseum Domäne Dahlem in Berlin zeigt noch bis zum 15. Dezember die Ausstellung „Imbissbuden – Essen ohne Grenzen“. Der Ausstellungsverbund der Berlin-Brandenburgischen Agrarmuseen präsentiert dort auch eine virtuelle Terminalschau mit Quizfragen und Filmausschnitten zu den Hintergründen europäischer Esskultur. Mit der Exposition „Imbissbuden“ will Ausstellungskurator Jon von Wetzlar „die Imbissbude aus ihrer Anonymität herausholen“. Für von Wetzlar ist die Bude ein Teil des Alltags, ein Bauwerk, bei dem kein Architekt Hand anlegte, ein „Baukörper im Stadtraum, der Beachtung verdient“.
Dirk Lodder, Bildhauer aus Berlin, zerlegte eigens für die Ausstellung eine Imbissbude. Von der Decke des Ausstellungszimmers baumelt eine zerlegte Kaffeemaschine. Der Betrachter entdeckt noch andere Accessoires der Bude wie Wachstischdecke, Verkaufsschiefertafel, Friteuse und ein Pappschild mit der Aufschrift „Snackeria“. Das Architektenpaar Chikalov/Hampel-Chikalov fotografierte und zeichnete mehr als 100 Kioske in Petersburg. „Kioske gibt es fast an jedem Punkt der Stadt“, sagte Birgit Hampel-Chikalov. Sogar Medikamente kann der Petersburger an einer Kiosk-Apotheke kaufen. Kulinarisch bevorzugen die Menschen dort an den Kiosken unter anderem Blinis (feine Crêpes mit pikanten oder süßen Füllungen) oder frische heiße Puischkis (den Donuts ähnliches Gebäck). Gegessen wird auf der Straße. Jedoch seien die Tage der Buden in Petersburg gezählt. Aus Mangel an Ladenraum sind sie einst entstanden. „Jetzt gibt es genug davon, es mehren sich auch die Supermärkte, und so steht der Abriss vieler Buden bevor“, beschrieb Hampel-Chikalov die Situation in Petersburg.
In einem anderen Raum der Ausstellung erfährt man etwas über Asiens Garküchen: In Bangkok rollen mindestens 50 000 Garküchen auf den Straßen. „Jedoch sind die thailändischen Kollegen der Berliner Pommesbude mobiler und variantenreicher, für den allerkleinsten Happen scheut man die Mühe der komplizierten Zubereitung nicht“, sagte Anne-Katrin Fenk, Studierende der Kunsthochschule Weißensee, die den Raum „Asiens rollende Kochstuben“ gemeinsam mit Dr. Günter Nest, Dozent der Kunsthochschule Weißensee, gestaltete.
„In Öl“ gemalte Bilder von Frikots (flämisch Frittenstall, was soviel wie Frittenbude heißt) sind von dem flämischen Maler Gillis Houben zu sehen. Er zeigt einige Bilder seiner mehr als hundert Stück umfassenden Frittenbudensammlung.
Sicherlich nicht einfach nachzuhäkeln sind die Fast-Food-Produkte von der Künstlerin Patricia Waller. Sie häkelte unter anderem Pizzastücke, Hamburger und Bierflaschen für die Ausstellung. Um einen „Fisch“ zu häkeln, braucht die Künstlerin eine Woche, ein „Häkelbüfett“ nimmt ein halbes Jahr in Anspruch.
Die Ausstellung bietet auch „Geruchszonen“, die in Zusammenarbeit mit einer Projektgruppe für Geruchsdesign der Fachhochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein, Halle, realisiert wurden. In den Ausstellungsräumen hängen Gewürzdosen, die beim genauen Schnuppern Duftkompositionen wie „Kalter Kaffee“, „Würzklang“ (frischwürziges Aroma mit orientalisch-asiatischen Komponenten) oder „Großstadtgrau“ entfalten. Die Gerüche stehen stellvertretend für die Markt- und Imbissbuden aus verschiedenen Kulturkreisen. Sie spiegeln nach Auskunft von Dr. Peter Luckner, Privatdozent der Fachhochschule, nicht abstrakte Kulturbilder wider (beispielsweise: Wie riecht Italien?), sondern eine konkrete Situation dieser Kultur (Wie riecht eine Pizzeria?). Die Auswirkungen regelmäßigen Fast-Food-Konsums an Imbissbuden auf den menschlichen Körper und deren mögliche gesundheitlichen Schäden wurden nach Meinung von Dr. Peter Lummel, wissenschaftlichem Leiter des Freilichtmuseums Domäne Dahlem, bei dieser Ausstellung nicht thematisiert. Susanne Lenze

Die Ausstellung läuft bis zum 15. Dezember und ist außer dienstags von Montag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Informationen: Freilichtmuseum Domäne Dahlem, Königin-Luise-Straße 49, 14195 Berlin, Telefon: 0 30/6 66 30 00
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