ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2003US-Risikolebensversicherungen: Ein lukrativer Secondhandmarkt

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US-Risikolebensversicherungen: Ein lukrativer Secondhandmarkt

Dtsch Arztebl 2003; 100(44): A-2894

Löwe, Armin

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LNSLNS Immer mehr Anleger beteiligen sich an Fonds, die noch laufende Lebensversicherungen aufkaufen.

Kunden deutscher Lebensversicherungen sind Hiobsbotschaften gewohnt. Die Überschussbeteiligungen sinken seit Jahren, jetzt wird auch die Garantieverzinsung reduziert. Mit der Mannheimer Versicherung ging zudem erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg eine Lebensversicherung Pleite und musste von der neu geschaffenen Sicherungseinrichtung der Branche, Protektor, übernommen werden. Gleichwohl boomt das Geschäft mit gebrauchten Lebensversicherungen. Rund 300 Millionen Euro Mittelzufluss in diesem Jahr erwarten die Initiatoren der geschlossenen Fonds, die in gebrauchte Lebensversicherungen investieren.
Mehr als zehn Prozent Rendite
Allerdings handelt es sich bei diesen Verträgen um US-Risikolebensversicherungen. Diese werden anders als die Kapital bildenden deutschen Lebensversicherungen nicht im Erlebensfall ausgezahlt (es sein denn, der Versicherte wird 100 Jahre alt), sondern wenn der Versicherte stirbt. In solche Secondhand-Lebensversicherungen können deutsche Anleger über die Beteiligung an einer Kommanditgesellschaft investieren. Prognostiziert werden von den Initiatoren – derzeit sind vier auf dem Markt – Renditen von mehr als zehn Prozent.
Anleger, die in gebrauchte US-Lebensversicherungen investieren, beteiligen sich mit Mindestbeträgen von 5 000 bis 20 000 Dollar an einer vermögensverwaltenden Kommanditgesellschaft. Das heißt, es entstehen anders als bei den gewerblichen Fonds (zum Beispiel Schifffonds) keine Anfangsverluste. Dabei werden die Erträge aus den Auszahlungen der Versicherungen weder in den USA noch in Deutschland besteuert (diese Auffassung vertreten Wirtschaftsprüfer und Steuerberater).
Für die Versicherten einer US-Risikolebensversicherung ist der Verkauf der Policen am freien Markt die einzige Möglichkeit, zu Lebzeiten an das in die Risikolebensversicherung eingezahlte Geld zu kommen. Dies erklärt, warum die Policen günstig auf dem Zweitmarkt erworben werden können.
Motiv für den Verkauf der Risikolebensversicherung kann zum Beispiel auch sein, dass der Sinn der Police weggefallen ist. Im Normalfall sollen durch eine Risikolebensversicherung die Angehörigen beim Tod des Versicherten abgesichert sein. Wenn aber die Kinder bereits erwerbstätig sind und die Ehefrau durch angespartes Vermögen versorgt ist, wird das Weiterführen eines solchen Vertrages sinnlos. Die Versicherung zahlt aber keinen Rückkaufswert aus, wenn der Versicherte die Versicherung kündigt. Da lohnt der Verkauf auf dem Zweitmarkt.
Die von den geschlossenen Fonds beauftragten Agenten kaufen beispielsweise eine Risikolebensversicherung mit einer Versicherungssumme von 500 000 Dollar zu 115 000 Dollar am Zweitmarkt an. Das ist weit weniger, als die Versicherung auszahlen müsste, wenn der Versicherungsfall eingetreten, also der Versicherte verstorben wäre. Im Einkauf liegt der Gewinn, beschreiben die Initiatoren das Geschäft. Andererseits erhält der Versicherte mehr, als wenn er die Police an die Versicherungsgesellschaft zurückgeben würde.
Die Fondsgesellschaft zahlt die Prämien weiter und erhält die Versicherungssumme ausgezahlt, wenn der Versicherte stirbt. Je länger der Versicherte lebt, umso länger müssen Prämien gezahlt werden, und umso geringer ist die Rendite. Dass die Rendite von der Lebensdauer des Versicherungsnehmers abhängig ist, mag manchen Anleger aus moralischen Gründen abschrecken. Aber es werden keine Policen von Schwerkranken erworben, deren naher Tod abzusehen ist.
Die Policen werden aufgrund eines amtsärztlichen Attestes erworben, nach der die Lebenserwartung des Versicherungsnehmers nicht mehr als drei bis zehn Jahre umfasst – zehn Jahre entspricht in etwa der Laufzeit der Fonds. Aber darin kann auch ein Risiko liegen: das Risiko der Langlebigkeit der Versicherten.
Das Risiko, dass der Versicherungsnehmer länger lebt, als beim Einkauf der Police anzunehmen war, und die aufgrund eines amtsärztlichen Zeugnisses bescheinigte Restlebenserwartung um mehr als zwei Jahre überschreitet, wurde beim ersten Fonds (den die Münchner BVT im Jahr 2002 auflegte) durch eine Rückversicherung bei Lloyds of London abgesichert. Doch diese Rückversicherung wird derzeit nicht mehr angeboten. Wegen des hohen Anlagevolumens – es wird in mehr als 50 verschiedene Policen investiert – lässt sich ein Risiko jedoch finanzmathematisch nahezu ausschließen.
Zudem zeigt die Erfahrung, dass nur wenige Versicherten die Restlebenserwartung überschreiten. Die Prämien für die Rückversicherung können also eingespart werden – was die Renditeerwartung erhöht –, ohne dass der Anleger zusätzliche Risiken eingeht. Die Rückversicherung war eher eine Marketingmaßnahme, weil die Anleger nach der dreijährigen Aktienbaisse mit horrenden Kursverlusten auch die kleinsten Restrisiken vermeiden wollten.
Allerdings sollten Anleger einige Risiken beachten. Das Restrisiko, dass die Erträge trotz gegenteiliger Steuerberatergutachten in Deutschland versteuert werden müssen, trägt der Anleger. Zudem bindet sich der Anleger langfristig. Eine vorzeitige Lösung des Engagements ist fast nicht möglich. Allerdings streben die Initiatoren an, dass nach sechs Jahren über Ausschüttungen der Kapitaleinsatz zurückgezahlt ist. Auf der anderen Seite ist der Anleger an einer Assetklasse beteiligt, die unabhängig von den Aktienmärkten ist und hohe Renditen in Aussicht stellt. Armin Löwe
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