ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2003Embryonenschutz: Anstößig

SEITE EINS

Embryonenschutz: Anstößig

Dtsch Arztebl 2003; 100(45): A-2905 / B-2405 / C-2261

Klinkhammer, Gisela

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die Rede einer Bundesministerin allein reicht wohl nicht aus, um eine allgemeine Trendwende einzuleiten. Zumindest hat die Ansprache von Bundesjustizministerin Brigitte Zypries am 30. Oktober in der Berliner Humboldt-Universität (sicher in Übereinstimmung mit Bundeskanzler Gerhard Schröder) zahlreiche zustimmende, vor allem aber besorgte Reaktionen hervorgerufen. Zypries will nämlich dem im Reagenzglas gezeugten Embryo nicht mehr vom Zeitpunkt der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle an Menschenwürde zusprechen. Damit wendet sie sich gegen die bisherigen Beschlüsse des Bundestags zur Stammzellforschung. Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, erklärte zu Zypries’ Auffassung: „Menschlichem Leben den Grundrechtsschutz auf Menschenwürde abzusprechen, heißt menschliches Leben in die willkürliche Verfügbarkeit Dritter zu stellen.“
Die Ministerin ist zwar der Ansicht, dass der Embryo auch im Reagenzglas „kein beliebiger Zellhaufen ist, über den Eltern, Mediziner und Forscher nach Gutdünken verfügen könnten“. Solange sich der Embryo in vitro befinde, fehle ihm aber die wesentliche Voraussetzung dafür, sich „aus sich heraus zum Menschen“ oder „als“ Mensch zu entwickeln. Die lediglich abstrakte Möglichkeit, sich in diesem Sinne weiterzuentwickeln, reicht Zypries für die Zuerkennung der Menschenwürde nicht aus. Damit steht sie jedoch im Widerspruch zum geltenden Embryonenschutzgesetz sowie anerkannten theologischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Zypries löst auch verfassungsrechtliche Bedenken aus. Der frühere Bundesverfassungsrichter Prof. Dr. iur. Dr. phil. Ernst-Wolfgang Böckenförde vertritt jedenfalls die Ansicht, dass die Anerkennung der Würde des Menschen, wie das Grundgesetz sie ausspricht, „nach ihrem normativen Gehalt auch auf die ersten Anfänge des Lebens eines jeden Menschen zu erstrecken ist“ (DÄ, Heft 19/2003).
Zypries selbst relativierte ihren eigenen Vorstoß zugleich, indem sie sich für eine restriktive Stammzellpolitik ausspricht und gegen die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik eintritt. Dies begründet sie nicht mit dem Embryonenschutz, sondern damit, dass Behinderte sich diskriminiert fühlen könnten, wenn menschliches Leben als „aussonderungswürdig“ erklärt werden kann. Gisela Klinkhammer
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema