ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2003Fall Dr. Bach: Sterbehilfe oder Tötung?

POLITIK

Fall Dr. Bach: Sterbehilfe oder Tötung?

Dtsch Arztebl 2003; 100(45): A-2916 / B-2414 / C-2270

Richter-Kuhlmann, Eva

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Eine Ärztin aus Hannover-Langenhagen wird beschuldigt, Patienten mit überhöhten Morphindosen getötet zu haben.

Was für eine Intention sollte ich haben, Patienten zu töten“, fragt Dr. med. Mechthild Bach leise. Ihre Patienten wären immer ihre Familie, ihre Kinder gewesen. Auf eine eigene Familie hätte sie bewusst verzichtet, um sich Zeit für ihre Arbeit zu nehmen. „Man muss zuhören können, greifbar sein“, sagt sie im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. Momentan darf die 53-jährige Belegärztin der Paracelsus-Klinik Hannover-Langenhagen jedoch ihren Beruf nicht ausüben. Das Verwaltungsgericht Hannover hat das Ruhen ihrer Approbation angeordnet. Es sei „nach dem gegenwärtigen Verfahrensstand wahrscheinlicher, dass die Internistin strafrechtlich belangt wird, als dass sie straffrei ausgehen werde“, heißt es in seinem Beschluss.
Bach wird vorgeworfen, durch die hoch dosierte Gabe von Morphin Patienten „totgespritzt“ zu haben. Zu diesem Schluss kommt zumindest eines von zwei bisher angefertigten Gutachten. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) Niedersachsen weist darin auf schwere Diagnose- und Therapiefehler der Ärztin hin, die zum Tod von einigen Patienten geführt hätten. Die AOK Niedersachsen stellte Strafanzeige gegen Bach wegen des Verdachts auf unterlassene Hilfeleistung, fahrlässige Tötung und Totschlag.
Patientenwille entscheidend
Tatsächlich kann die hoch dosierte Gabe von Morphin palliativmedizinische Therapie, aktive Sterbehilfe, im schlimmsten Fall aber auch Tötung sein. Die deutsche Ärzteschaft lehnt aktive Sterbehilfe sowie jede Form von Tötung durch Unterlassung strikt ab. Bei Sterbenden darf lediglich das Therapieziel in Richtung Palliativmedizin geändert werden. So sehen es die „Grundsätze der Bundes­ärzte­kammer zur Sterbehilfe“ vor. „Bei Sterbenden kann die Linderung des Leidens so im Vordergrund stehen, dass eine möglicherweise unvermeidbare Lebensverkürzung hingenommen werden darf“, heißt es da. Und weiter: „Der Übergang von kurativer zu palliativer Medizin kann nur individuell und vom Willen des Patienten bestimmt entschieden werden.“
Als „individuell“ will auch Bach ihre Therapie verstanden wissen. „Es darf nicht alles pauschalisiert werden“, sagt sie. „Der Einzelne lässt sich nicht in Schablonen packen.“ Dokumentiert hat Bach den Willen der Patienten allerdings nicht hinreichend. Dies bescheinigt ihr auch Prof. Dr. med. Lukas Radbruch, Klinik für Palliativmedizin der Universität Aachen. Er erstellte im Auftrag der Paracelsus-Kliniken Deutschland GmbH das zweite Gutachten. Anhaltspunkte für eine unzulässige Sterbehilfe in den von ihm begutachteten Fällen fand er nach Angaben der Klinik nicht. Die neun Gutachter des MDK sehen das indes anders. Sie hegen den Verdacht, dass Bach teilweise gar nicht mit ihren Patienten über deren letzten Willen gesprochen habe. Es könnten Menschen gestorben sein, die weder sterben wollten, noch akut sterben mussten.
Palliativmedizin – aktive Sterbehilfe – Tötung. In diesem Grenzbereich ermittelt jetzt die Staatsanwaltschaft Hannover. Sie wird zu entscheiden haben, ob Bach zu hoch dosierte Medikamente benutzt hat, ob sie durch Unterlassen von lebensrettenden Maßnahmen absichtlich das Leben von Patienten verkürzt hat, die hätten weiterleben können, und ob sie deren Willen berücksichtigt hat. Endgültig beurteilen soll dies der Anästhesist und Schmerztherapeut Prof. Dr. med. Michael Zenz, Bochum. Die Akten von 15 in Zusammenhang mit einer Morphingabe verstorbenen Patienten sowie die Ergebnisse der rechtsmedizinischen Untersuchung zweier exhumierter Leichen seien zur „entscheidenden Begutachtung“ an Zenz als unabhängigen Gutachter gesandt worden, erklärte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Hannover. Wenn dann der konkrete Verdacht auftrete, dass Bach tatsächlich ohne Einwilligung der Patienten hohe Dosen von Morphin verabreicht hätte, würden weitere Fälle untersucht.
Beschlagnahmt hat die Kripo die Akten von allen 76 verstorbenen Patienten, die zwischen Oktober 2001 und Juni 2003 von Bach mit Morphium behandelt worden waren. Der Stein, der die Ermittlung ins Rollen brachte, waren jedoch drei zufällig gezogene Akten von Bachs Patienten auf der internistischen Belegstation der Paracelsus-Klinik Langenhagen. Der MDK Niedersachsen recherchierte in Sachen „Fehlbelegung“ und stellte dabei offenbar Ungereimtheiten in Bachs Patientenakten fest. „Ich war überrascht und erschüttert, als ich von den Diskrepanzen hörte“, berichtet Peter Scherler, Jurist und Leiter der Untersuchungsgruppe „Falschabrechnung“ der AOK Niedersachsen. Die Eingangsdiagnose hätte nicht zu der Therapie gepasst.
76 Akten beschlagnahmt
Die AOK benachrichtigte die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Niedersachsen. „Zu dem prompt angesetzten Gespräch erschien die AOK mit Containern von Akten“, erinnert sich Dr. Axel Frommel, Geschäftsführer der Bezirksstelle Hannover der KV Niedersachsen. Das Gespräch hätte jedoch bald abgebrochen werden müssen, da die Vorwürfe gegen Bach zu massiv gewesen wären, um sie auf der Stelle zu bewerten. „Ehe wir jemanden verurteilen, müssen wir ganz sicher sein“, sagt Frommel. „Die AOK ist bei uns sehr forsch. Wir prüfen deshalb alles sehr genau.“ !
Sowohl bei der KV als auch bei der Lan­des­ärz­te­kam­mer Niedersachsen gilt Bach als „unbeschriebenes Blatt“. Die Fachärztin für Innere Medizin war seit 1982 in der Paracelsus-Klinik tätig. Dort betreute sie als Belegärztin etwa 25 Patienten – häufig auch schwer kranke und sterbende Patienten, die sie schon über Jahre als Hausärztin behandelt hatte. Eine Kontaktaufnahme mit ihr lehnen die AOK sowie der MDK ab. „Bei schweren Straftaten ist es der einzige Weg, den Fall der Staatsanwaltschaft zu übergeben“, erklärt Scherler.
Bach klagt gegen Approbationsentzug
Dieses Vorgehen hat bei der Klinik Verwunderung hervorgerufen. „Selten habe ich eine so massive Vorverurteilung erlebt wie im Fall von Frau Dr. Bach“, sagt Dr. Utz Wewel, Leitender Verwaltungsdirektor der Paracelsus-Kliniken Norddeutschland. Doch obwohl die Paracelsus-Kliniken aufgrund des Radbruch-Gutachtens von der Unschuld Bachs ausgehen, trennten sie sich vergangene Woche offiziell von der Ärztin. Die Trennung sei in beiderseitigem Einvernehmen erfolgt, sagt Wewel. Gemeinsam seien sie der Auffassung, dass die öffentliche Auseinandersetzung um das laufende Verfahren der Staatsanwaltschaft den Krankenhausbetrieb nicht weiter belasten dürfe.
Bach geht davon aus, dass sie noch in diesem Jahr wieder ärztlich tätig sein darf. Das Verwaltungsgericht Hannover ist da weniger optimistisch. Nach Kenntnis der Gutachten bestätigte es am 25. September den vorläufigen Einzug der Approbation durch die Bezirksregierung. Es sei zu befürchten, heißt es in seinem Beschluss, dass Bach „auch in Zukunft bei Ausübung ihres ärztlichen Berufs Patienten und die Allgemeinheit schädigen werde, da sie ihr ärztliches Vorgehen für richtig hält“. Bach hat gegen diesen Beschluss geklagt. „Die Gabe von Morphin bedeutet nicht gleich sterben“, sagt sie. Häufig werde seine anxiolytische Wirkung vergessen, bei Lungenmetastasen nehme es beispielsweise sehr gut die Angst vor dem Ersticken. Die Dosierung sei dabei immer individuell.
Anfang Dezember wird das Gutachten von Zenz erwartet. Dann wird der Fall auch vor Gericht verhandelt werden. „Die schnelle Vorverurteilung von Dr. Bach hat mir zu denken gegeben“, sagt ihr Anwalt Prof. Dr. Dr. Klaus Ulsenheimer, München, der seit 30 Jahren auf dem Gebiet des Arzthaftungsrechts tätig ist. Der Sprengkraft eines möglichen Urteils seien sich die Ärzte noch gar nicht bewusst.
Dr. med. Eva A. Richter-Kuhlmann
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema