POLITIK

Thrombose

Dtsch Arztebl 2003; 100(45): A-2918 / B-2415 / C-2272

Böhmeke, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Es war mir schon immer bewusst, daher habe ich es strikt vermieden: Urlaub, insbesondere wenn mit Reisen verknüpft, macht die Menschen krank. Als Bestätigung meines Vorurteils streckt mir Frau Müller ihren nach zwölfstündiger Einklemmung in der Touristenklasse livide geschwollenen Unterschenkel entgegen. Die Diagnose ist mittels Ultraschall schnell zu klären: eine knackfrische Poplitealvenenthrombose. Sofort blitzt die entsprechende Literaturstelle in meinem Gehirn auf: N Engl J Med 1996; 334: 682–687: Unkomplizierte tiefe Venenthrombosen können ambulant ohne höheres Risiko versorgt werden! Kurz überschlage ich die immensen Kosten, die ich der Krankenkasse einspare, wenn ich die Behandlung übernehme, und ein wohliges Schauern durchflutet meinen Körper. Vielleicht bin ich für einen Moment die Speerspitze dieser unzähligen vor sich hin rackernden Ärzte, die nicht nur die optimale Behandlung, nein, auch die Kostenexplosion fest im Blick haben und mit aller Macht die knappen Mittel der Krankenkassen bis auf den letzten Cent verteidigen . . . aber halt! Bevor ich in meinem therapeutischen Übermut zum Rezeptblock statt zur Einweisung greife, meldet sich eine andere Literaturstelle: Cardiovasc 2001; 1 (5): 8–10: Die Studien sind nicht auf die deutsche ambulante Versorgung übertragbar, es besteht ein erhebliches Gefahrenpotenzial! Nun, dies kann ich sicher in einem ausführlichen Gespräch mit der Patientin klären, die Versorgung selbst im kleinsten Detail sicherstellen . . . das Wartezimmer ist zwar rappelvoll, viel Ärger somit programmiert, aber wenn man Speerspitze sein will . . . und die Verwandten muss ich auch aufklären, der Sohn studiert Jura . . . das wird heute sicher wieder ein langer Abend. Ich greife zum Rezeptblock und will niedermolekulares Heparin aufschreiben . . . halt! Tagestherapiekosten über 25 Euro lassen mich frösteln . . . o je, das wird sicher wieder auf einen Regress hinauslaufen . . . und das Laborbudget ist auch schon ausgeschöpft . . . macht nichts, dann zahl ich das Heparin, die Blutbild- und Kreatininkontrollen halt selbst, ein einziger stationärer Tag ist schließlich viel teurer als meine gesamte Behandlung . . . ich bin bestimmt eine der billigsten Speerspitzen . . ., aber nun blinkt die Dtsch Med Wochenschr 2003; 128: 999–1002: Das behandelnde Zentrum muss 24 Stunden Bereitschaft haben! So ein Ärger aber auch, ich wollte doch am Wochenende auf den Thrombosekongress!
„Frau Müller, ich kann die Verantwortung für eine ambulante Behandlung einfach nicht übernehmen, ich muss Sie stationär einweisen!“ „Wie, Sie können die Behandlung nicht übernehmen? Das sagen Sie nur, weil Sie in den Urlaub wollen!“ Dr. med. Thomas Böhmeke
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema