ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPraxis Computer 5/2003Kameras im Praxistest: Digitale medizinische Bilddokumentation

Supplement: Praxis Computer

Kameras im Praxistest: Digitale medizinische Bilddokumentation

Dtsch Arztebl 2003; 100(45): [16]

Bause, Ludwig; Schollmayer, Andreas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Digitale Techniken in der Fotografie entwickeln sich in rasantem Tempo weiter. Digitale Spiegelreflexkameras sind inzwischen erschwinglich und gut geeignet für den medizinischen Einsatz.
Die Dokumentationspflicht wird in nahezu sämtlichen medizinischen Bereichen – nicht zuletzt im Hinblick auf abrechnungsrelevante Aspekte – immer wichtiger. Die Ausprägungen bestimmter Erkrankungen und Verletzungen sowie deren Verlauf sind im Bild oft eindrucksvoller und schneller darstellbar als im Wort. Eine gute Bilddokumentation kann auch bei juristischen Fragen hilfreich sein. Unabhängig von Dokumentationszwängen ist Bildmaterial zum Wissensaustausch sowie für Forschung und Lehre unverzichtbar.
In der Fotografie verstärkt sich aufgrund rasch fortschreitender technischer Verbesserungen und zunehmend akzeptabler Kosten der Trend zu digitalen Techniken. Auch in der Medizin ergeben sich hiermit schnelle, universell anwendbare und genaue Dokumentationsmöglichkeiten.
Im Gegensatz zur analogen Fotografie sind digitale Bilder bei entsprechender Hard- und Software sofort verfügbar. Für eine auswärtige Entwicklung ist kein Aufwand erforderlich. Das Ergebnis ist in einem ausreichenden Rahmen im Display sofort überprüfbar. Zudem ergeben sich flexible Weiterverwendungsmöglichkeiten, beispielsweise der Versand per E-Mail und die Verwendung im Internet oder in Powerpoint-Präsentationen. Zusätzlich ist der Ausdruck der Bilder auf dem eigenen Drucker oder beim Fotohändler auf Fotopapier möglich. Letzteres ist inzwischen zu fast den gleichen Kosten wie bei analoger Technik möglich. Digitale Dateien lassen sich schnell und einfach vervielfältigen. Beschädigungen, wie sie insbesondere bei mehrfachen Abzügen von Negativen im Massenlabor häufig zu beobachten sind, entfallen. Eine zusätzliche Bildbearbeitung ist digital einfacher, vielfältiger, schneller und in der Regel bereits nach kurzer Einarbeitung möglich. Für die Speicherung digitaler Bilder gibt es flexible und Platz sparende Lösungen (Festplatte, CD, DVD und sonstige Datenträger). Nach der zunächst erforderlichen Investition in wiederverwendbare Speicherkarten entstehen für den Nutzer nur geringe Folgekosten, da er kein neues Filmmaterial benötigt.
Mögliche Nachteile digitaler Techniken: Digitalkameras sind zurzeit allgemein noch teuerer als entsprechende analoge Kameras. Die Aussagen über die langfristige Haltbarkeit der Speichermedien und damit der Datensicherheit werden noch kontrovers geführt. Verglichen mit dem Auflösungsvermögen und dem Kontrastumfang von modernem Filmmaterial in Kombination mit einer guten analogen Kameraausrüstung zeigen nahezu alle digitalen Kameras noch Qualitätsrückstände.
Im Rahmen dieses Vergleichs analoger und digitaler Techniken soll auf Schnittstellen beider Techniken hingewiesen werden. Filme und Bilder sind über Scanner digitalisierbar. Insbesondere die Digitalisierung von Filmen ist relativ zeitaufwendig und erfordert die Anschaffung spezieller Filmscanner. Durchlichtaufsätze für Flachbettscanner genügen diesen Ansprüchen in der Regel nicht.
Bei der Praxisanwendung verschiedener digitaler Kamerasysteme im klinischen Alltag wurden aus dem Bereich der so genannten Consumer-Kameras eine Minolta 7i mit 5 Megapixeln und einem fest eingebauten 28–200 mm Zoom (entsprechend Kleinbildformat) sowie digitale Spiegelreflexkameras („SLR-Kameras“) von Nikon (D 100) und Canon (10 D) mit mehr als 6 Megapixeln und jeweils verschiedenen Wechselobjektiven getestet. Einige Aufnahmen wurden vergleichend mit einem entsprechenden analogen SLR-Kamerasystem durchgeführt und mit einem Filmscanner digitalisiert. Digitale „Kompaktkameras“ mit geringer Auflösung und nur für bestimmte Situationen ausreichendem Zoombereich und Abbildungsmaßstab sowie fehlendem externen Blitzanschluss wurden nicht berücksichtigt.
Analog – digital
Als Stellvertreter für die „guten alten“ analogen Kameras wurden die Minolta-Kameras aus der Dynax-Serie (7, 9) mit entsprechendem Zubehör ausgewählt (Tabelle), die mit Diafilmen von Agfa, Kodak und Fuji bestückt waren. Nach der Entwicklung wurden diese mit einem Nikon CoolScan LS2000 mit knapp 3 000 dpi im Mehrfach-Scan-Modus gescannt.
Wie zu erwarten war das Handling problemlos. Jeder, der zumindest ab und zu zur Kamera greift, kennt das Look & Feel einer analogen Spiegelreflexkamera. Gleichzeitig stellt sich der Fotograf, der mittlerweile die direkte Erfolgskontrolle der digitalen Welt gewöhnt ist, sofort nach der Aufnahme die Frage: „Habe ich alles richtig gemacht?“ Erst nach Entwicklung und Einscannen lässt sich dies beantworten. Der Zeitaufwand hierfür – Fahrt zum Fotolabor (zweimal), Bestücken des Scanners und der für gute Qualität obligatorische Mehrfach-Scan – ist jedoch hoch.
Dieser Weg bis zum digitalen Bild ist allerdings nicht mehr zeitgemäß. Gerade in der Medizin sind fotografische Dokumente immer wichtiger, um einen Sachverhalt zu dokumentieren. Wird das Rohmaterial bei den Produktionsprozessen beschädigt, kann das im Extremfall weit reichende Folgen haben.
Canon 10 D
Die Canon 10 D repräsentiert die jüngste digitale Kamera im erschwinglichen Preis-Leistungs-Segment der Firma Canon. Nahezu das gesamte Systemzubehör (wie Objektive, Filter, Speicher) ist verfügbar. Somit steht dieses System in seiner Ausstattungsvielfalt den analogen Spiegelreflexsystemen in nichts nach. Die Flexibilität und der Ausstattungsreichtum erfordern vom Neueinsteiger eine gewisse Bereitschaft, sich mit den Gerätschaften auseinander zu setzen. Neben der Nikon verlangte die Canon die längste, jedoch lohnende Einarbeitungsphase. Der Einsatz sowohl im OP als auch im Praxisbetrieb verlief derart performant und erfolgreich, dass der etwas größere Zeitaufwand zu Beginn schnell wieder wettgemacht war.
Sämtliche wichtigen Funktionen der Kamera sind per Einstellrad oder Druckknopf direkt ohne Umwege über Menüs zu erreichen. Der Aufbau ähnelt den aktuellen hochklassigen Canon-Modellen, sodass Besitzer dieser Kameras keine Schwierigkeiten mit der Einarbeitung haben sollten.
Das Autofokussystem in Verbindung mit den entsprechenden Objektiven mit Ultraschallmotor war das schnellste und das leiseste im Test. Mit den Reihenbelichtungs-Funktionen (einschließlich Weißabgleich) und der Möglichkeit, Serienaufnahmen zu schießen (bis drei Bilder je Sekunde und maximal neun Bilder in Folge), gab es keine Probleme bei schlechten Ausleuchtungsverhältnissen.
Ein weiteres „Bonbon“ ist die Lupenfunktion für die sofortige Kontrolle der Aufnahme (Histogramme und Bildparameterkontrolle bietet mittlerweile jede Kamera aus diesem Segment). Mit der Lupe lassen sich die Bilder bis zu zehnfach in 15 Stufen vergrößern. Gleichzeitiges Navigieren im Bild spürt eventuell vorhandene Schwachstellen in der Aufnahme auf, die man dann im Bedarfsfall sofort wiederholen kann.
Die Bilder lassen sich in diversen Qualitätsstufen abspeichern, wobei für die medizinische Dokumentation nur die höchste Stufe infrage kommt. Bei der daraus resultierenden Größe der Dateien empfiehlt sich eine mindestens 256 MB fassende CF-(Compact-Flash-)
Karte. Bei dem rasanten Preisverfall der Karten (zurzeit rund 70 Euro für 256 MB) fällt dieser Posten nicht allzu sehr ins Gewicht. Technische Details finden sich unter www.canon.de.
Nikon D 100
Die Ausführungen zu den technischen Möglichkeiten der Canon 10 D gelten fast uneingeschränkt auch für die schon länger auf dem Markt befindliche Nikon D 100. Autofokussystem, Belichtung mit und ohne Blitz sowie alle weiteren Funktionen, wie beispielsweise der Weißabgleich, funktionierten auch unter schwierigen Bedingungen einwandfrei. Für den hier getesteten Anwendungsbereich ergaben sich keine relevanten Unterschiede zur Canon 10 D. Die Bildqualität war exzellent. Das umfangreiche Objektiv- und Zubehörangebot von Nikon bietet vielfältige Anwendungsmöglichkeiten.
Minolta Dimage7i
Optisch und prinzipell einer Spiegelreflexkamera nachempfunden, wurde diese Kamera als Vertreterin aus dem Bereich der Consumer-Kameras mit digitalen SLR-Kameras verglichen. Ähnliche Kameras sind auch von Nikon, Canon, Olympus, Sony und Fujifilm erhältlich.
Im Vergleich mit einem kompletten digitalen SLR-System besitzt jede Kamera mit fest eingebautem Objektiv eingeschränkte Anwendungsmöglichkeiten. Aufgrund des vorhandenen 28–200 mm Zooms und der Makrofunktion sowie vielen SLR-typischen Ausstattungsmerkmalen fielen diese bei den hier getesteten Situationen nicht so stark ins Gewicht. Wie die Beispielfotos zeigen, war auch mit dieser Kamera eine gute Qualität zu erzielen. Ein geübter Fotograf wird jedoch den deutlich schnelleren Autofokus und das typische Handling eines SLR-Systems vermissen.
Fazit
Der heutige Stand der Technik legt es jedem halbwegs ambitionierten Nutzer nahe, auf die digitale Schiene zu wechseln. Besonders leicht fällt der Umstieg, wenn man eine bereits vorhandene Ausrüstung (Objektive, Blitze und anderes) problemlos portieren kann. Schwieriger ist es bei einer vorhandenen hochwertigen analogen Ausrüstung, für die es kein digitales „Upgrade“ gibt.
Die Verfasser haben die Erfahrung gemacht, dass bei einer Frequenz von einem Film wöchentlich der Zeitaufwand von Entwicklung und Scannen die Mehrkosten durch einen Komplettumstieg rechtfertigt. Vorteilhaft bei einem kompletten Systemwechsel ist darüber hinaus die Unabhängigkeit von einem Hersteller. Die Anschaffung einer digitalen „Kompaktkamera“ ist dagegen eher kritisch zu sehen. Zumindest beim Einsatz im OP ist der Einsatzbereich derart eingeschränkt, dass die Ergebnisse nicht den Preis rechtfertigen.
Ein Hinweis zu der in Fachkreisen geführten Diskussion um die Ankündigung von Spezialobjektiven, die mit derzeitigen Kamerasystemen nicht kompatibel sein sollen: Olympus als Vorreiter bringt mit dem E-System ein solches auf den Markt. Die Objektive sind speziell auf den digitalen Body abgestimmt und lassen sich auf alten analogen Olympus-Kameras nicht einsetzen (oder umgekehrt). Die anderen Hersteller hüllen sich in Schweigen. Der Test hat gezeigt, dass mit den derzeitigen Systemen bereits hochwertige Ergebnisse zu erreichen sind. Ob es durch Spezialobjektive zu einer „dramatischen“ Qualitätsverbesserung kommt, muss sich erst noch zeigen. Die bereits jetzt möglichen Ergebnisse sind allerdings vollauf zufrieden stellend. Ludwig Bause,
Andreas Schollmayer

Anschrift für die Verfasser: Dr. med. Ludwig Bause, Diakonie Krankenhaus Bad Kreuznach, Orthopädische Abteilung, Ringstraße 64, 55543 Bad Kreuznach,
E-Mail: info@orthopaedie-kh.de, Internet: www.orthopaedie-kh.de


Literatur und Links
Color Foto 5/2003, 12–21 (Test: Die besten Digitalkameras mit Superzoom)
Color Foto 6/2003, 12–19 (Preisfrage: 4 digitale SLRs mit 6 Megapixeln im Vergleich)
Foto Magazin 10/2003, I-XX (Kaufberatung Digitalkameras)
Color Foto 10/2003, 12–16 (Preisturz bei Digital-SLRs)
Color Foto 10/2003, 73–77 (Tests, Daten und Preise im Überblick, 350 Fotoprodukte)

Technische Details:
- Nikon: www.nikon.de
- Minolta: www.minolta.de
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema