ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPraxis Computer 5/2003Disease-Management-System für chronisch Kranke: Patienteninformierung im Mittelpunkt

Supplement: Praxis Computer

Disease-Management-System für chronisch Kranke: Patienteninformierung im Mittelpunkt

Dtsch Arztebl 2003; 100(45): [24]

Grimmel, Rainer; Hägele, Michael; Leopold, Christian

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LNSLNS Patienten können über ein individuelles Informations- und Prozessmanagement dazu befähigt werden, Kompetenz im Umgang mit ihrer Erkankung zu erwerben.
Die Schwächen im Versorgungssystem, medizinisches Wissen in angemessener Form an Patienten mit chronischen Erkrankungen weiterzugeben und bei diesen krankheitsbezogene Handlungskompetenz aufzubauen, haben unterschiedliche Ursachen. Das Patienten-Arzt-Gespräch ist häufig durch die unterschiedliche Wissensbasis und die Kürze der in der Regel zur Verfügung stehenden Zeit psychologisch belastet. Es erreicht nur in seltenen Fällen die Atmosphäre eines gleichberechtigten Gedankenaustausches im Sinne einer Behandlungspartnerschaft. Unter der Angespanntheit einer solchen Gesprächssituation vergessen viele Patienten, dem Arzt wesentliche Inhalte ihrer Krankengeschichte oder Symptomatik mitzuteilen. Fragen werden vom Patienten nicht gestellt, die für die Akzeptanz einer vom Arzt vorgeschlagenen Behandlung, zum Beispiel einer Arzneimitteltherapie, von Bedeutung sind.
An die Empfehlungen des Arztes zum Umgang mit der Erkrankung erinnern sich viele Patienten häufig schon kurz nach dem Arztgespräch nicht mehr. Das stressinduzierte Vergessen verstärkt dabei die bekannte Tendenz vieler chronisch kranker Patienten, notwendige, aber unliebsame Änderungen im persönlichen Verhalten zu verdrängen.
Ein limitierender Faktor für die Patienten-Compliance bei chronischen Krankheiten ist auch der hohe Zeitbedarf für die Informierung des Patienten. Ziel moderner Betreuungs- und Informationssysteme ist es daher, die in vielen internationalen Studien erreichten guten Ergebnisse mit maßgeschneiderten Materialien eine Patienteninformierung zu ermöglichen, ohne dass dem Arzt ein hoher Erstellungsaufwand dafür zugemutet werden muss.
Die unterschiedliche Wissensbasis von Patient und Arzt behindert einen konstruktiven Dialog. Dessen Ziel ist es, gemeinsam mit und für den Patienten erreichbare und motivierende Behandlungsziele zu vereinbaren. Häufig bleiben chronisch Kranke im Behandlungsprozess passiv und auf dem Niveau des „erduldenden Behandelten“ stehen. Eine erfolgreiche Behandlungsstrategie erfordert aber die aktive Beteiligung des Patienten. Voraussetzung dafür ist, dass der Patient die Grundlagen und Ursachen seiner Erkrankung sowie die möglichen Behandlungsansätze versteht. Er muss ebenso die wesentlichen Parameter zur Beschreibung seines jeweiligen Krankheitszustandes und die Stellglieder zu deren Beeinflussung kennen.
Bei der Behandlung chronischer Erkrankungen ist der Patient selbst der wesentliche Teil des Behandlungsregelkreises. Der Arzt kann sich in diesem Szenario auf die Position des die Behandlung begleitenden medizinischen Beraters zurückziehen. Die vorgestellte Systemlösung „Gesundheitsmanagement plus“ (www.gms-plus.de) stellt für diese Problemfelder Lösungen bereit.
Informationsaustausch
ohne Stress
Losgelöst von der Anspannungssituation in vielen Patienten-Arzt-Gesprächen kann der Patient beliebig oft, jederzeit und ohne zeitliche Begrenzung via Intranet/Internet auf das Informationsan-
gebot des Gesundheitsmanagementsystems zugreifen oder Daten eingeben. Bei der ersten Kontaktaufnahme und dann in regelmäßigen, zumindest dreimonatigen Abständen werden vom Teilnehmer Angaben zum Krankheitszustand, zu den Behandlungsprozessen, zum Behandlungsergebnis und zum Risikoverhalten erfragt.
Das Abfrageraster der Verlaufsdatenerhebungen wird dynamisch in Abhängigkeit der zuvor gegebenen Antworten erstellt. Den Teilnehmer möglicherweise irritierende oder demotivierende Redundanzen bei den Abfragen lassen sich damit weitgehend vermeiden. Plausibilitätsprüfungen, die syntaktisch unmittelbar nach der Eingabe eines einzelnen Wertes oder semantisch am Ende eines Erfassungsbogens erfolgen, beugen Eingabefehlern vor (Abbildung 1).
Neben der direkten Nutzung im Intra- oder Internet kann das Gesundheitsmanagementsystem auch durch ein Servicecenter genutzt werden, das auf herkömmlichem Weg mit dem Patienten kommuniziert. Die Fragebögen werden ausgedruckt, die ausgefüllten Bögen mit den Antworten des Teilnehmers wieder ins System eingegeben. Auf dieser Datenbasis erstellt das System maßgeschneiderte personalisierte Informationsschreiben und Patientenbroschüren. Diese können ausgedruckt und dem Teilnehmer zusammen mit dem nächsten Fragebogen ausgehändigt werden.
Das Gesundheitsmanagementsystem errechnet aus den Selbstauskünften des Teilnehmers individuelle Risikoscores für die einzelnen Teilbereiche des Behandlungsgeschehens und setzt diese in Handlungsempfehlungen um (Abbildung 2). So kann der Patient, in Rücksprache mit seinem Arzt, sein persönliches Krankheitsrisiko vermindern und seine Lebensqualität verbessern. Alle Teilnehmer erhalten bei jeder Auswertung eine individuelle, ihrem Lebensstil und ihren Krankheitsrisiken angepasste Patienteninformation.
Inhaltliche Grundlage der Informierungstexte und der programminternen Berechnung der Risikowerte sind Behandlungsprozesse und -standards, die sich an anerkannten Leitlinien orientieren. Änderungen in der „evidence based medicine“ und individuelle Ergänzungen lassen sich einfach in das Regelsystem der Software einpflegen und werden damit sofort und ohne Zeitverzug flächendeckend in der Praxis eingesetzt. Damit könnte auch der Prozess der Wissensverbreitung aus der Forschung in die Praxis erheblich beschleunigt werden.
In kleinen Schritten zum Erfolg
Bei den Auswertungen der Folgedatenerhebungen werden die im Behandlungsprozess beziehungsweise in den Behandlungsergebnissen sichtbar werdenden Veränderungen aufgegriffen und dem Teilnehmer über entsprechende Auswertungstexte individuell kommentiert zurückgemeldet. Der Patient erhält Hinweise auf Verschlechterungen, verbunden mit Handlungsempfehlungen. Verbesserungen werden lobend herausgehoben, um den Teilnehmer in seinem Verhalten und seinen Anstrengungen zu bestärken.
Die Auswertungstexte sind so konzipiert, dass sie selbst bei großen Abweichungen vom anzustrebenden Verhalten dem Teilnehmer stets kleinschrittige Teilziele anbieten, um ihn nicht durch Überforderung von Beginn an zu demotivieren.
Jeder Teilnehmer erhält den individuellen Bedürfnissen und einer allgemeinen Informationsstrategie folgend zusätzlich vorgefertigte, kurz gefasste Informationsmaterialien zu für ihn relevanten Themen, die über wesentliche Aspekte der Erkrankung aufklären. Dabei kalibriert sich die Informationsstrategie nach jeder Datenerhebung automatisch neu, sodass Krankheits- und Behandlungsaspekte, die im Verlauf einer chronischen Erkrankung neu hinzutreten, berücksichtigt werden. „Leerlauf“-Kommunikation wird vermieden. Der Patient kann seine Aufmerksamkeit voll auf die wesentlichen Aspekte seiner Erkrankung richten.
Handlungsempfehlungen, die vom Gesundheitsmanagementsystem abgegeben werden, zielen darauf ab, den Teilnehmer mit seinem Arzt in einen medizinisch-inhaltlichen Dialog zu bringen. Bei auffälligem Verhalten des Teilnehmers im Sinne einer wesentlichen Abweichung von leitlinienorientierten Behandlungsprozessen, möglicherweise induziert durch Missverständnisse in der Kommunikation zwischen Patient und Arzt, fordert das System den Patienten auf, diese mit seinem Arzt zu besprechen und mit ihm gemeinsam nach einer angemessenen, dem aktuellen Wissensstand entsprechenden Lösung zu suchen. Empfehlungen zur Verbesserung einer Behandlung sind stets mit dem obligatorischen Hinweis verbunden, diese nur in Absprache mit dem behandelnden Arzt umzusetzen.
Das patientenzentrierte Disease-Management-System, das den Teilnehmern ein effizientes Informations- und Prozessmanagement zur Verfügung stellt, aktiviert den Patienten durch das regelmäßige Wechselspiel von Selbstauskunft, Risikobewertung und Handlungsempfehlung und erfordert eine wiederkehrende Auseinandersetzung mit den Schlüsselwerten der eigenen Erkrankung. Durch die Rückfragen des Systems lernt der Teilnehmer, welche Symptome und Beschwerden für die selbstständige Beurteilung des Krankheitszustandes von Bedeutung und welche Messwerte wichtig sind, welche man selbst erheben kann und welche Messergebnisse ein gutes oder ein weniger gutes Behandlungsergebnis signalisieren.
Diese Auseinandersetzung mit der Erkrankung legt die Grundlage für eine eigene Handlungskompetenz und die Möglichkeit, eine aktive Rolle in der Behandlungspartnerschaft mit dem Arzt einzugehen. So können die systembedingten Defizite in der Patienten-Arzt-Interaktion ausgeglichen werden und der chronisch Kranke mehr Kompetenz im Umgang mit seiner Erkrankung im Sinne eines Patient-Empowerment erlangen.
Rainer Grimmel,
Michael Hägele,
Christian Leopold
Anschrift für die Verfasser: Dr. med. Rainer Grimmel, nexus – Beratungsnetz im Gesundheitswesen GmbH, Hauptstraße 83, 51519 Odenthal, E-Mail: R.Grimmel@
gms-plus.de; mhaegele@iconmed.de
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