ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2003Generalversammlung des Weltärztebundes: Helsinki – noch kein gutes Ende

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Generalversammlung des Weltärztebundes: Helsinki – noch kein gutes Ende

Dtsch Arztebl 2003; 100(45): A-2924 / B-2422 / C-2277

Doppelfeld, Elmar

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Die Kontroversen über die Neufassung der Deklaration
von Helsinki gehen weiter.

Mit dem Namen der finnischen Hauptstadt, Tagungsort der 54. Generalversammlung des Weltärztebundes (WMA) vom 10. bis 14. September 2003, wird der Name der einzigen überregional bekannten und wichtigsten, bis zu der Fassung des Jahres 1996 weitgehend unbestrittenen Erklärung dieser Organisation verbunden: die Deklaration von Helsinki. Die einladende finnische Ärzteorganisation und die Präsidentin der WMA, Dr. Kati Myllymäki (Finnland), mögen gehofft haben, dass mit den Beratungen an namengebendem Ort die schon drei Jahre anhaltenden kontroversen Diskussionen über die vielfach als problematisch beurteilte, im Jahr 2000 in Edinburgh verabschiedete Neufassung der Deklaration zu einem Abschluss gebracht werden könnten. Diese Erwartungen erfüllten sich nicht.
In der Arbeitsgruppe „Ethik“ wurden in streckenweise zähflüssigen Erörterungen vier Optionen zum Problem des Artikels 30 (Fortsetzung der Behandlung nach Ende einer Studie) erörtert: auf absehbare Zeit unveränderte Beibehaltung des Textes, Änderung des Artikels 30, klarstellender Kommentar („Note of Clarification“) oder Fortführung der Diskussion. Schließlich entschied man sich für die Fortsetzung der Erörterungen mit den Mitgliedsverbänden und anderen interessierten Gruppen. Die bisherige Arbeitsgruppe wurde aufgelöst und in teilweise neuer Besetzung wieder konstituiert.
An den an sich vertraulichen Beratungen des „Ethik-Ausschusses“ konn-ten nach einer durch den Vorsitzenden des Councils, Dr. Y. Blachar, pauschal und ohne interne Diskussion herbeigeführten Zustimmung schon angereiste Vortragende der wissenschaftlichen Sitzung teilnehmen, unter ihnen angesehene Wissenschaftler ebenso wie als durchsetzungsfähig bekannte Repräsentanten der pharmazeutischen Industrie. Delegierte äußerten ihren Unmut über dieses Vorgehen, Konsequenzen wurden nicht gezogen.
Das Thema der wissenschaftlichen Sitzung „Schutz des Patienten bei medizinischer Forschung und Versorgung“ wurde von teils namhaften Referenten aus mehreren Kontinenten abgehandelt. Neben der zunehmenden Zahl internationaler wie nationaler rechtlich bindender Regelungen wurde die Deklaration von Helsinki in ihren diversen Versionen berücksichtigt und klargestellt, dass sie hinter rechtlichen Vorschriften zurücktritt und überhaupt nur insoweit beachtet werden kann, als gesetzliche Bestimmungen nicht entgegenstehen. Ein Vertreter der Food and Drug Administration (FDA; USA) wies auf die Tatsache hin, dass für mit US-Bundesmitteln geförderte Forschung sowie für Pharmaforschung ausschließlich die Vorschriften der FDA gelten. Klinische Prüfungen von Arzneimitteln außerhalb der USA mit dem Ziel, in den USA eine Zulassung zu erhalten, sollten hingegen grundsätzlich die Deklaration von Helsinki beachten, wobei für die FDA unverändert die Fassung aus dem Jahr 1989 (!) relevant ist. Ausländische Pharmaforschung kann übrigens mit hinreichender Begründung auch ohne die Vorschriften der Deklaration vorgenommen werden, wenn ein äquivalentes Schutzniveau garantiert wird, zum Beispiel durch gesetzliche Bestimmungen in dem betreffenden Land. Aufmerksamkeit fand auch die „Note for Clarification“ zu Artikel 29 (Wissenschaftliche Gründe als alleinige Rechtfertigung für den Einsatz von Placebos). Angemerkt wurde, es handele sich um eine Änderung der Deklaration selbst, nicht um eine Erklärung des Textes, die vorgesehene Erleichterung des Placeboeinsatzes sei unethisch. Der Generalsekretär des Council for International Organizations of Medical Sciences (CIOMS) betonte in diesem Kontext, dass die neuen Richtlinien seiner Organisation „International Ethical Guidelines for Biomedical Research Involving Human Subjects“ die in der „Note for Clarification“ vorgesehene neue Begründung für den Einsatz von Placebos nicht übernommen haben.
Die Generalversammlung hat zahlreiche Erklärungen, die in langwierigen Abstimmungsprozessen erarbeitet wurden, verabschiedet, zum Beispiel „Living Wills“, Vorgehen des Arztes bei Verdacht auf Folter, Identifizierung von Opfern kriegerischer Auseinandersetzungen, Gewalt und Gesundheit, Nicht-Kommerzialisierung humanen reproduktiven Materials, Migration und Anwerbung von Ärzten in anderen Ländern. Vorschläge zu den Themen Beziehungen zwischen Ärzten und Handelsunternehmen, Wasser und Gesundheit, Bekämpfung der Armut und schließlich Verbesserung der ärztlichen Ausbildung werden zusammen mit den nationalen Organisationen weiter bearbeitet. Die zunächst unterbrochenen Beratungen über eine Erklärung zur Unabhängigkeit des Arztes sollen im nächsten Jahr wieder aufgenommen werden.
Erneut stellt sich die Frage nach der Wirksamkeit der in langem, oft mühseligem und auch aufwendigem Verfahren formulierten Texte. Unverändert sind mit 82 ärztlichen Mitgliedsverbänden weniger als die Hälfte der nationalen ärztlichen Organisationen aus den 195 Staaten der Welt vertreten. Das Stimmrecht in der Generalversammlung wird gebunden an die zeitgerechte Entrichtung der Mitgliedsbeiträge. Daher konnten in Helsinki nur 42 Mitgliedsorganisationen abstimmen, die ihrerseits nur einen Bruchteil der Ärzte ihrer Länder repräsentieren. Diese Sachlage – Funktionäre des Weltärztebundes und seiner tragenden Mitglieder sprechen freilich unverdrossen von der Vertretung aller Ärzte dieser Welt – steht einer tief greifenderen Wirkung der Deklarationen sicherlich entgegen.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen die weiterhin steigenden finanziellen Anforderungen zur Bewältigung der Aufgaben der WMA. Das Problem ließe sich entschärfen, wenn die Mitgliedsorganisationen der WMA die tatsächliche Zahl ihrer Mitglieder angeben und hierfür die Kopfpauschale entrichten würden. Ob die dann drastisch zu erhöhenden Beiträge den nationalen Ärzteorganisationen noch eine Mitgliedschaft in der WMA wert sind, darf als hypothetische Frage unbeantwortet bleiben. Die Bundes­ärzte­kammer zum Beispiel müsste ihren derzeitigen Obolus von rund 180 000 Euro verdreifachen. Die WMA würde dann allerdings unabhängig von Sponsoren. Der skeptische Beobachter glaubt indessen nicht an die auch vom Schatzmeister der WMA, Prof. Dr. Dr. h. c. Karsten Vilmar, mehrfach geforderte Beitragsehrlichkeit. Die WMA wird sich auch in Zukunft aus fremden Quellen teilfinanzieren lassen.
Vilmar konnte einen ausgeglichenen Jahresabschluss nur vorlegen, weil die Generalversammlung in Washington 2002 zu weiten Teilen durch Gelder von Sponsoren, allen voran die Pharmaindustrie, finanziert wurde. Ähnliche Unterstützung wie im Vorjahr in Washington – dort in immerhin vorbildlicher Öffentlichkeit – dürfte auch die Generalversammlung in Helsinki gefunden haben. Wer glaubt, dass die Industrie ohne eigene Interessen den Weltärztebund fördert, könnte eines Tages recht unsanft aus dieser Illusion gerissen werden.
Prof. Dr. med. Elmar Doppelfeld
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