ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2003Deutsche Ärzte in Schweden: Von Berlin an den Polarkreis

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Deutsche Ärzte in Schweden: Von Berlin an den Polarkreis

Dtsch Arztebl 2003; 100(45): A-2926 / B-2424 / C-2278

Gatermann, Reiner

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Markus Beland, mit Frau Karin sowie den Kindern Jakob und Ylva, hat den Wechsel nach Schweden nicht bereut. Foto: Reiner Gatermann
Markus Beland, mit Frau Karin sowie den Kindern Jakob und Ylva, hat den Wechsel nach Schweden nicht bereut.
Foto: Reiner Gatermann
Rund 450 deutsche Ärzte arbeiten in Schweden.
Drei von ihnen ziehen Bilanz: Obwohl auch im dortigen
Gesundheitswesen einiges im Argen liegt, schätzen sie
die besseren und menschlicheren Arbeitsbedingungen.

Bei Markus Beland geht im Winter die Sonne nicht auf. Der gebürtige Berliner sah 1997 als arbeitsloser Arzt keinen anderen Ausweg, als nach Schweden zu ziehen, und zwar sehr weit nach Norden, bis an den Polarkreis. Der Arzt hat diesen Standortwechsel nicht bereut. Ihm folgten inzwischen 450 weitere deutsche Mediziner, vor allem frustriert von „unerträglichem Arbeitsklima, Ausbeutung und schlechter Bezahlung“. Viele wurden angelockt von verheißungsvollen schwedischen Anzeigen in deutschen Fachblättern wie „Eine neue Perspektive, ein neues Leben in Westschweden?“ Das Resümee des Chirurgen Klaus Dielschneider: „Meine Lebensqualität hat sich außerordentlich verbessert. Eine Rückkehr nach Deutschland kommt daher für mich in absehbarer Zeit nicht infrage.“ Und die Ärztin im Praktikum Daniela Simon: „Ich vermisse überhaupt nichts.“
„Die Reaktionen waren für uns fast schockierend“, räumt Tom Mårgård, Informationschef des Gesundheitsamtes der westschwedischen Stadt Skaraborg, ein. Auf eine Anzeige im Deutschen Ärzteblatt, in der die Region Västra Götaland Allgemeinmediziner suchte, hatten sich 200 Interessenten gemeldet. Gar 280 waren es, als, vom ersten Erfolg ermuntert, wenig später Västra Götaland für elf Fachbereiche, von der Anästhesie über die Psychiatrie bis zur Rehabilitation, Spezialisten suchte. „Vierzig waren kürzlich nach Göteborg eingeladen worden, 15 Verträge sind bereits unterschrieben“, berichtet Ulla Ekström, Projektleiterin für ausländische Bewerbungen. Weitere Besuche sind angemeldet.
Wie viele Ärzte braucht Schweden? „Unbegrenzt“, stellt Ulla Ekström spontan fest. Es gibt natürlich finanzielle Grenzen. Hans Westlund von der schwedischen Arbeitsmarktbehörde Ams, der vor drei Jahren die Deutschland-Kampagne startete, erklärt: „Schweden bildet jährlich 200 neue Ärzte aus, und der Bedarf liegt bei 400.“ Über Jahre hinaus benötige das Land deswegen ausländische Ärzte. Zurzeit soll es rund 1 500 offene Stellen geben.
Markus Beland war verzweifelt: „Im Dezember 1996 hatte ich meine befristete Anstellung an einem Berliner Krankenhaus beendet. Vernünftige Angebote für einen neuen Job gab es nicht.“ Schweden kannte er von ein paar Besuchen und entschloss sich, es dort zu versuchen. Der Allgemeinmediziner klopfte zur bittersten Kälte und tiefsten Dunkelheit Ende Januar an die Tür der vårdcentralen, eines üblichen Behandlungszentrums für ambulante Patienten in Jokkmokk am Polarkreis. „Ich stellte mich vor. Man war überrascht, dass jemand dort arbeiten will.“ Der Rest waren Formalitäten: Eine seit Jahren unbesetzte Planstelle wurde reaktiviert, sofortige Anstellung, drei Monate zum Sprachunterricht freigestellt, Anfang Mai behandelte Markus Beland seinen ersten Patienten.
Sein Einzugsbereich umfasst 6 000 Menschen, verteilt auf eine Fläche von der Größe Schleswig-Holsteins. Die Arbeit teilt er sich mit zwei dänischen sowie einem kenianischen und einem schwedischen Kollegen. Arbeitszeit von 7.30 Uhr bis 16.30 Uhr, mit Stechuhr kontrolliert, eine Stunde Mittagspause. Etwa einmal im Monat am Wochenende Bereitschaftsdienst. Dieser sowie Überstunden werden „auf den Pfennig genau“ abgerechnet. Trotz des riesigen Einzugsbereichs muss der Arzt nur selten ausrücken: „Hausbesuche kennen wir nicht.“ Die Patienten werden im Krankenwagen gebracht. Und das Gehalt stimmt auch: Markus Beland verdient monatlich rund 49 000 Kronen, umgerechnet etwa 5 326 Euro. Nach Steuern bleibt ihm etwa die Hälfte.
Für den Arzt war es „nicht einfach, die Heimat hinter sich zu lassen“. Dies wurde ihm jedoch dadurch erleichtert, dass er in Lappland schon bald seine zukünftige Frau traf. Heute gehören eine fünfjährige Tochter und ein eineinhalbjähriger Sohn zur Familie. Der kleine Junge gibt dem Vater Recht auf Elternurlaub. Markus Beland nutzt dies, er ist zu 25 Prozent freigestellt. Seit gut zwei Jahren fühlt er sich auch in der Gemeinde akzeptiert. Mit dazu beigetragen hat höchstwahrscheinlich, dass er zwei typische Freizeitbeschäftigungen angenommen hat: die Schneehuhn- und die Elchjagd. Obwohl der Arzt „eigentlich keinen Grund zum Klagen hat“, hat aus seiner Sicht auch das schwedische Gesundheitssystem mit Problemen zu kämpfen: „Im Vergleich zu Deutschland ist der Standard schlechter.“ Es stoße schon auf, dass Patienten drei bis sechs Monate auf eine Operation warten oder für jeden Arztbesuch umgerechnet rund 16,30 Euro hinblättern müssen. Auch wenn er sich nicht zur Medizin in Deutschland zurücksehnt, beschreibt er die schwedische Allgemeinmedizin als „seelenlos, so schrecklich wissenschaftlich“.
Kritik am System übt auch Klaus Dielschneider, Oberarzt für Chirurgie an der Klinik im westschwedischen Uddevalla. „Nachteilig sind die begrenzten Ressourcen mit den daraus resultierenden Wartelisten.“ Er tröstet sich damit, dass „die Schweden es nicht anders kennen“. Ihm fällt es allerdings schwer, unter Druck Prioritäten setzen zu müssen.
Der gebürtige Dortmunder, der in München studierte und vor zweieinhalb Jahren einen „guten Job“ aufgab, bemerkte erst aus der Distanz, wie sehr in Deutschland die Ärzte ausgebeutet und betrogen werden. In Uddevalla, 44 000 Einwohner, im Sommer „traumhaft schön“, etwa eine Stunde Autofahrt von Göteborg entfernt, haben sich seine Wünsche nach besseren und menschlicheren Arbeitsbedingungen „zu hundert Prozent erfüllt“. Wenn er einen Teil seiner Überstunden abfeiert, kommt er gut und gerne auf drei Monate Urlaub im Jahr. „Hier arbeitet niemand mehr als notwendig.“ Der 41-jährige Junggeselle unterscheidet jedoch strikt zwischen Beruf und Privatleben. Mit seiner Arbeit, er spezialisiert sich bereits weiter, ist der Chirurg sehr zufrieden, aber „eine Integration in die schwedische Gesellschaft ist außerordentlich schwierig“. Dielschneider leidet darunter, dass sein Bekannten- und Freundeskreis fast ausschließlich aus Deutschen und Ausländern besteht. Daran ändern auch seine Anstrengungen beim Segeln und Tennis nichts.
Eigentlich wollte Daniela Simon nach Norwegen, aber sie landete, nicht zuletzt aufgrund einer Anzeige im Deutschen Ärzteblatt, in Schweden, im Städtchen Kalix unweit südlich des Polarkreises. Von dort kam die schnellste Antwort, nur knapp drei Stunden nachdem sie per E-Mail ihre Suchanzeige nach einer Stelle als Ärztin im Praktikum abgeschickt hatte. Anfang Oktober letzten Jahres traf die 30-Jährige ein, Umzug und Sprachkurs wurden bezahlt. Anfang Januar trat sie ihren Dienst an und hat inzwischen auch das Angebot erhalten, ihre Facharztweiterbildung (Innere Medizin) in Kalix zu absolvieren. Ihren Erfahrungen in deutschen Krankenhäusern, „das üble Arbeitsklima, das Gefühl, ausgenutzt zu werden, der Kampf der Praktikanten untereinander und der Eindruck, nicht viel gelernt zu haben“, hatten in der angehenden Ärztin den Gedanken aufkommen lassen, ihre Karriere ganz an den Nagel zu hängen.
Die Rettung kam aus Schweden: „Ich kann, ohne zu zögern, sagen, daß ich mit meinen Arbeitskollegen sehr gut auskomme. Da ist auch mal Zeit für ein Gespräch.“ Stress gibt es kaum, sie habe endlich einmal das Gefühl, als junge Medizinerin Fortschritte zu machen und geachtet zu werden. Zudem ist die Bezahlung etwa dreimal so hoch wie in Deutschland. Auch mit dem nördlichen Klima kommt die Studentin aus Hamburg gut zurecht, obwohl es im Winter mit Kontakten schwieriger ist. Aber Skilanglauf und Sauna sorgen dann für Abwechslung.
Reiner Gatermann
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