ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2003Arztserie: Tägliche Dramen im OP

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Arztserie: Tägliche Dramen im OP

Dtsch Arztebl 2003; 100(45): A-2931 / B-2429 / C-2282

Klinkhammer, Gisela

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Vor dem Dreh jeder Szene werden die Schauspieler von Maskenbildnern geschminkt und frisiert.
Vor dem Dreh jeder Szene werden die Schauspieler von Maskenbildnern geschminkt und frisiert.
Die Drehbuchschreiber von „In aller Freundschaft“
bemühen sich um Authentizität und Glaubwürdigkeit.

Das Krankenhaus wirkt perfekt. Es gibt eine Eingangspforte mit einer kleinen Cafeteria, eine Intensivstation, einen Operationssaal und mehrere Krankenzimmer. Doch Patienten scheint es keine zu geben. Alle Betten sind leer. Nur im OP geht es hektisch zu. Dort wird die 55-jährige Hotelangestellte Hella Schneider an einer Lidfehlstellung operiert. Eine Operation, die in der Leipziger Sachsenklinik eher unüblich ist. Die Ärzte waren nur deshalb bereit, den Makel zu beseitigen, weil ein Schönheitschirurg beim Lifting wegen eines Kreislaufkollapses der Patientin zum Abbruch der OP gezwungen worden war. Die erfahrenen Mediziner der Sachsenklinik treffen zwar sofort alle erforderlichen Vorsichtsmaßnahmen. Doch es kommt zu einem zweiten Kreislaufkollaps, und die Patientin fällt ins Koma.
Diese dramatische Operation wird mehrmals wiederholt. Zum Glück geht es der Patientin nach jedem Versuch aber wieder gut, es handelt sich nämlich nicht um eine reale, sondern um eine fiktive Szene: den Dreharbeiten zur 209. Folge der Arztserie des Mitteldeutschen Rundfunks „In aller Freundschaft“, die zurzeit jeden Dienstagabend um 21.05 Uhr in der ARD ausgestrahlt wird. Nachdem die Szene im „Kasten“ ist, geht es in der Intensivstation gleich weiter. Zuvor sind jedoch zahlreiche Vorbereitungen zu treffen. Immer wieder werden die Schauspieler geschminkt und frisiert, sie laufen ihren Text repetierend über die Gänge, die Techniker bereiten die Kameras, Monitore und den Ton vor. Jetzt kommt auch die „echte“ Anästhesie- und Intensivkrankenschwester, Lydia Schubert, zum Einsatz. Sie schließt die Patientin an alle erforderlichen Schläuche und Geräte an, damit die Szene möglichst realistisch wirkt. Schubert ist fest angestellt bei der Filmproduktionsgesellschaft Saxonia Media und ist regelmäßig am Set dabei. Zwar ist sie sich dessen bewusst, dass die Authentizität der Dramaturgie oft geopfert werden muss, doch bemüht sie sich um eine möglichst realitätsnahe Darstellung. „Ich berate unter anderem die Masken- und Kostümbildner. Es wäre beispielsweise peinlich, wenn die Kleidung im OP keine grüne Farbe hätte.“ Sie erklärt außerdem den Schauspielern und dem Regisseur die verschiedenen Krankheiten, zeigt den Schauspielern, wie man eine Wunde näht, und bereitet den Operationssaal vor.
Im Gegensatz zu einigen anderen Arztserien wie zum Beispiel „alphateam – die Lebensretter im OP“ (SAT 1) würden bei „In aller Freundschaft“ keine blutigen Operationsszenen gezeigt. „Wichtiger sind uns die sorgenvollen Mienen der Ärzte“, sagte Produzent Oliver Vogel. Er weiß, dass das Arztbild in der Serie sehr viel positiver ist als in der Realität. „Das macht aber auch Sinn“, begründet er die dramaturgischen Freiheiten der Drehbuchautoren. Schließlich sei der normale Krankenhausalltag zu langweilig als Drehbuchvorlage, und außerdem würden „viele Patienten gar nicht mehr zum Arzt gehen, wenn wir die Wirklichkeit abbilden würden.“ So gesehen könne man die Arztserien geradezu als vertrauensbildende Maßnahmen betrachten. Dennoch seien die Ärzte der Serie keineswegs „Halbgötter in Weiß“. Sie seien zwar durchweg sympathisch, kompetent und einfühlsam. Es unterliefen ihnen aber auch Fehler, und nicht alle Patienten könnten geheilt entlassen werden.
Anregungen aus der Ärzteschaft
Damit Operationsszenen möglichst authentisch wirken, werden die Schauspieler von einer Krankenschwester beraten.
Damit Operationsszenen möglichst authentisch wirken, werden die Schauspieler von einer Krankenschwester beraten.
Damit die Handlung nicht nur am Set nachvollziehbar und einigermaßen glaubwürdig wirkt, müssen vor allem die Drehbücher stimmen. Und zu deren Überprüfung hat Saxonia Media eigens einen Arzt eingestellt. Er sichtet sämtliche Drehbücher nicht nur auf medizinische Richtigkeit hin, sondern hat auch sonst vielerlei zu beachten. „So hat er uns immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass es in den Krankenhäusern eine Hierarchie gibt, die es einzuhalten gilt. Ein AiPler duzt sich nicht mit dem Chefarzt“, erläutert der Produzent. Ein weiteres Problem sei auch die medizinische Fachsprache. So hätten verschiedene Ärzte darauf hingewiesen, dass sie untereinander nicht von Grippe und Schnupfen, sondern immer von Influenza und Rhinitis sprechen würden. Doch wenn die Ärzte in einer Fernsehserie, die sich an ein breites Publikum richtet, im ärztlichen Fachjargon sprechen, werden sie von Laien nicht verstanden. „Hier müssen wir uns dramaturgisch etwas einfallen lassen. So erklärt beispielsweise der Arzt der Schwesternschülerin die Krankheiten in einer auch für Patienten verständlichen Sprache.“
Neben dem hauptamtlichen bei Saxonia Media beschäftigten Arzt wird das Filmteam auch von mehreren Ärzten aus Leipziger Krankenhäusern beraten. Und außerdem erhält es zahlreiche Zuschriften mit Kritik und Verbesserungsvorschlägen aus der Ärzteschaft. „Wir nehmen sie alle ernst und überprüfen sie“, sagte Vogel. Anregungen für neue Geschichten kommen ebenfalls nicht selten von Medizinern. So hatte ein Arzt entgegen dem Willen der Eltern bei einem Kind eine Herzoperation durchgeführt und war anschließend verklagt worden. Daraus hätten die Drehbuchautoren dann eine Geschichte gemacht.
Doch bei aller Nähe zur Medizin, die privaten Probleme und Nöte von Patienten und Klinikpersonal stehen letztendlich immer im Vordergrund. In einem Großteil der Handlung geht es um das turbulente Privatleben der Ärzte. Doch auch dies soll dem Zuschauer möglichst wirklichkeitsnah erscheinen. Im Studio 1 der Produktionsfirma wurden die Wohnungen der Hauptdarsteller aufgebaut – mit funktionierenden Kühlschränken, gut bestückten Küchenregalen und realistisch wirkenden Schlafzimmern. Die Innenaufnahmen werden durch zahlreiche Außendrehs aus Leipzig ergänzt.
Dass sich das Bemühen um Realitätsnähe lohnt, hat auch die Münchener Drehbuchberatung „The Dox“ erkannt. „Wenn der Autor seine Hausaufgaben gemacht hat, dann sind die Geschichten einfach besser“, lautet das Rezept der Agentur. Doch nicht bei allen Arztserien ist dieses Bemühen um Glaubwürdigkeit erkennbar. So sei beispielsweise die im ARD-Vorabendprogramm ausgestrahlte Serie „St. Angela“ eher „betriebsblind“. Das jedenfalls ist die Ansicht von Dr. med. Daniel Rühmkorf, der für „The Dox“ tätig ist. Zu erklären sei dies mit der Zielgruppe dieser Vorabendserie, die ein vorwiegend jugendliches Publikum ansprechen soll. Protagonisten können daher, so Rühmkorf, auch nicht Ärzte sein, sondern Schwesternschüler und -schülerinnen. „Dass die Ärzte willkürlich in die Dienstpläne des Pflegepersonals eingreifen, scheint die Zuschauer nicht zu stören.“
Musik und Ton
Mit großem technischen Aufwand werden die Krankenhausszenen gedreht. Fotos (3): MDR/Krajewski
Mit großem technischen Aufwand werden die Krankenhausszenen gedreht. Fotos (3): MDR/Krajewski
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Die Patientin Hella Schneider wird übrigens gerettet. Die Ärzte diagnostizierten eine Analgetikaallergie. Ob Hella Schneider auch ihr privates Glück mit Hoteldirektor Hans Altmühl findet, erfährt der Zuschauer ebenfalls in Folge 209 („Um jeden Preis?“), die im Januar ausgestrahlt wird. Bis dahin muss noch die Filmmusik komponiert und eingespielt werden, die Szenen geschnitten und teilweise nachsynchronisiert und die Farben nachbearbeitet werden. Bei dieser Arbeit sind der Regisseur und Krankenschwester Lydia Schubert noch einmal gefragt. So müssen beispielsweise auch die Geräusche in einem Operationssaal stimmen. Gisela Klinkhammer

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