ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2003Arztbild in den Medien: Dr. Stefan Frank hätte sich mehr Zeit genommen . . .

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Arztbild in den Medien: Dr. Stefan Frank hätte sich mehr Zeit genommen . . .

Dtsch Arztebl 2003; 100(45): A-2933 / B-2431 / C-2284

Witzel, Kai; Hipp, Tanja; Kaminski, Cornelia

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Mit diesem „guten Samariter“ aus dem Fernsehen können „echte“ Ärzte in der Regel nicht mithalten. Foto: dpa
Mit diesem „guten Samariter“ aus dem Fernsehen können „echte“ Ärzte in der Regel nicht mithalten. Foto: dpa
Einfluss von Fernsehserien auf die Erwartungshaltung
von Patienten im Krankenhaus

Bei der Visite war es passiert. Die ältere Dame, die an einem Oberschenkelhalsbruch operiert worden war, hatte die Hand des Oberarztes ergriffen, ihn zu sich herabgezogen und eindringlich auf ihn eingeredet: Er solle sich setzen, die anderen hinausschicken, sie habe ein privates Problem mit ihm zu bereden. Ob die Schwester vielleicht einen Kaffee bringen könnte. Der Oberarzt hatte einigermaßen verständnislos reagiert und mit dem Hinweis darauf, dass noch andere Patienten visitiert werden müssten, das Zimmer fluchtartig verlassen. Dem Vorfall folgte eine Beschwerde bei der Verwaltungsleitung des Krankenhauses: Ein solch unhöfliches Gebaren sei die Patientin nicht gewöhnt, andere Ärzte hätten immer ein offenes Ohr, insbesondere dieser nette Dr. Stefan Frank.
Herzenswärme
Wer kennt ihn nicht, den stets sympathischen, besorgt dreinschauenden Frauenschwarm, der in fast jeder Folge eigenhändig die Infusionsflasche neben dem Krankenbett herschleppt, keine Sekunde zaudert, wenn er zu den unpassendsten Gelegenheiten ins Krankenhaus zu einem vermeintlichen Notfall gerufen wird und obendrein auch immer mit perfekt gestylter Föhnwelle dort ankommt. Soviel Dynamik, Schönheit und Herzenswärme können nicht spurlos am deutschen Patienten vorübergehen – diesen Verdacht hatte bisher so mancher Klinikarzt gehegt. Untermauert wird er von dem Umstand, dass in den gängigen Serien geradezu rigide Vorstellungen von der Rolle des Arztes und seinen Helfern umgesetzt werden. Das Krankenhauspersonal ist streng hierarchisch organisiert, das chirurgische Arztpersonal nahezu durchgehend männlich, die Krankenschwestern allesamt jung, hübsch und nett. Alle sind über die Maßen engagiert, selbstlos, kompetent und patientenorientiert. Der Patient selbst hat den undankbarsten Part: Meist unattraktiv in Nachtwäsche gekleidet, muss er liegend zum Krankenhauspersonal aufschauen, von dem die Rettung kommt und dessen positive Ausstrahlung vor diesem Hintergrund umso mehr leuchtet. Bedenkt man, dass Patienten nach den Ergebnissen mehrerer Studien der Kommunikation mit Ärzten und Pflegepersonal sowohl auf emotionaler als auch auf kognitiver Ebene einen hohen Stellenwert beimessen, wird die Vermutung, dass Dr. Stefan Frank und Co. in den Augen mancher Patienten als vorbildliches Krankenhauspersonal betrachtet werden, schon fast zur Gewissheit.
Inwieweit das im Fernsehen in zahlreichen Serien vorgeführte Krankenhauspersonal tatsächlich die Erwartungshaltung von Patienten beeinflusst, untersucht eine Studie der Fachhochschule Fulda, die im Fachbereich Pflege und Gesundheit als Diplomarbeit vorgelegt wurde. Zur Erhebung der Daten wurde ein Kollektiv von 71 Patienten (36 weiblich, 35 männlich) eines Akutkrankenhauses der Grund- und Regelversorgung mit einem Durchschnittsalter von 47 Jahren befragt. Es handelte sich ausschließlich um Patienten, die nicht als Notfall in die Klinik eingewiesen worden waren und die über keine eigenen Erfahrungen aufgrund früherer Kranken­haus­auf­enthalte verfügten. Als Messinstrument dienten zwei Fragebögen, die Daten zur Person (Alter, Geschlecht, Familienstand, Beschäftigungsverhältnis, Kinder, Ausbildung), zum Konsum von Krankenhaus- beziehungsweise Arztserien im privaten und öffentlich-rechtlichen Fernsehen sowie zur Zufriedenheit mit dem pflegerischen und ärztlichen Personal des Krankenhauses erfassten. Unter medienwissenschaftlichen Aspekten dienten Patienten, die Quizsendungen bevorzugen, als Kontrollgruppe.
Die Analyse der Daten ergab: Patienten, die mehrere Krankenhausserien kennen oder regelmäßig verfolgen, empfanden die Zeit, die das Pflegepersonal für ein Gespräch mit ihnen aufwendete, überwiegend für nicht ausreichend (65 Prozent), wohingegen Patienten, die weniger Serien kennen oder diese nicht regelmäßig verfolgen, zu 65 Prozent mit dem pflegerischen Gespräch zufrieden waren. Auch bei der Bewertung des Gesprächs mit den Ärzten zeigt sich ein deutlicher Unterschied zwischen Patienten, die aufgrund der Kenntnis mehrerer Krankenhausserien eine höhere Akzeptanz und häufigeren Konsum dieses Fernsehformats vermuten lassen, und denjenigen, die nur ein bis drei Serien nennen konnten oder diese nur selten sehen. Während die erste Gruppe zu 37,5 Prozent die Gesprächszeit für nicht ausreichend hielt, waren in der zweiten Gruppe nur 20,9 Prozent damit unzufrieden. Die Patienten, die Krankenhausserien den Quizsendungen vorziehen, waren mit der pflegerischen und ärztlichen Betreuung unzufriedener als die Befragten des gesamten Patientenkollektivs, die lieber Quizsendungen verfolgen. Ein statistisch signifikanter Unterschied besteht zwischen Patienten, die die in Krankenhausserien dargestellte Wirklichkeit für wenig wahrheitsgetreu halten, und denjenigen, die diese als realistisch einschätzen: So bezeichneten die Erstgenannten die vom Pflegepersonal aufgewandte Zeit häufig als „vollkommen ausreichend“, wohingegen Letztere die Gesprächszeit meist für zu knapp hielten. Unter den Befragten gaben deutlich mehr Frauen als Männer an, regelmäßige Konsumenten von Krankenhausserien zu sein. Im Ergebnis bezeichneten Frauen auch die Zeit, die das Pflegepersonal sich für ein Gespräch mit ihnen nahm, als deutlich geringer als Männer.
Die in vielen Krankenhausserien vermittelte Wirklichkeit hat häufig mit dem realen Krankenhausalltag wenig zu tun. Gerade Serien wie „Für alle Fälle Stefanie“, „Schwarzwaldklinik“ oder „Dr. Stefan Frank – der Arzt, dem die Frauen vertrauen“, die von den Probanden am häufigsten genannten Serien, gehören in die Kategorie „guter Samariter“.
Enttäuschung programmiert
Für diese Serien ist typisch, dass Einfühlungsvermögen, Engagement für andere und Selbstlosigkeit das Handeln des Arzt- und Pflegepersonals außerhalb jedes realistischen Rahmens prägen. Die Medizin und Pflege mit den entsprechenden Abläufen liefern nur den Hintergrund für die glanzvolle Präsentation der Protagonisten. Eine Unterscheidung zwischen medialer und primärer Wirklichkeit ist umso schwieriger, je mehr die Erfahrung der medialen Wirklichkeit an die Stelle der Erfahrung primärer Wirklichkeit tritt. Dies ist offensichtlich auch dann der Fall, wenn Patienten ihr Wissen über den Alltag im Krankenhaus nahezu ausschließlich aus entsprechenden Serien im Fernsehen beziehen. Dieses Wissen führt zu einer Illusionsbildung und zur Entstehung von Klischees. Findet dann eine Konfrontation mit der Wirklichkeit statt, muss es zu einer Enttäuschung kommen: Die im Krankenhaus tatsächlich erlebte Wirklichkeit tritt in Konkurrenz zur medialen und als ideal empfundenen Wirklichkeit. Ärzte und Schwestern, die weder wie Dr. Stefan Frank noch wie Schwester Stefanie daherkommen, haben dann von vornherein schlechte Karten.
Dr. med. Kai Witzel, Tanja Hipp, Cornelia Kaminski
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