ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2003Arztgeschichten: Eine schöne Naht

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Arztgeschichten: Eine schöne Naht

Dtsch Arztebl 2003; 100(45): A-2934 / B-2432 / C-2285

Huyler, Frank

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Die Geschichte „Eine schöne Naht“ wurde dem Buch „Notaufnahme. Geschichten zwischen Leben und Tod“ von Frank Huyler entnommen (173 Seiten, C. H. Beck, 2001, 23,80 Euro). In diesen Geschichten berichtet Frank Huyler über seine Ausbildung zum Notarzt an einer US-amerikanischen Notfallklinik. Er berichtet über Patienten, Arztkollegen und die eigenen Schwierigkeiten in einem anspruchsvollen Beruf.


Er lag so tief im Koma, dass ich mir nicht die Mühe machte, ein Lokalanästhetikum zu verwenden, als ich die Wunde in seinem Gesicht nähte. Es war an einem Sonntagnachmittag in der Intensivstation, und ich war von zu Hause in die Klinik gerufen worden, um seine Gesichtsverletzungen zu versorgen. In der vorangegangenen Nacht war er auf einer dunklen Straße durch die Windschutzscheibe geflogen.
Eigentlich war das eine Aufgabe für einen plastischen Chirurgen. Die Wunde reichte von der Schädelmitte bis tief in das Gewebe um die Augen herum und weiter die Wange hinunter bis in den Mund hinein. Ich wusste, warum sie mich, den Intern, gerufen hatten. Man rechnete nicht damit, dass dieser Mann am Leben bleiben würde.
Ich tat mein Bestes, achtete sorgfältig darauf, dass die Hautfalten genau richtig zusammengefügt wurden, stach den glänzenden Halbmond der Nadel immer wieder in sein Fleisch und zog ihn wieder heraus, wischte die dunklen Blutstropfen ab, die sich an der Spitze der Nadel bildeten, band die Knoten wie ein Angler, der mit Fliegen fischt. Der Thermostat im Zimmer war ganz hochgedreht, aber er war dennoch kalt – ich fühlte es durch die Handschuhe. Nach einiger Zeit verschwamm sein Gesicht vor meinen Augen. Nur die Wunde blieb klar erkennbar und bekam ein Eigenleben. Die Intimität, die ich anfangs empfunden hatte, als ich mich über ihn beugte und mein Atem ihn einhüllte, verschwand, und übrig blieb nur meine Aufgabe.
Es dauerte Stunden. Mein Rücken schmerzte, und mein Baumwollanzug wurde feucht unter dem blauen OP-Kittel. Außer dem regelmäßigen Zischen des Sauerstoffgeräts war nichts zu hören. Die weiche, braune Haut um seine Augen herum war wie die eines Kindes. Das Auge war starr geradeaus gerichtet, und die Pupille bewegte sich nicht, nicht einmal, als ich das Augenlid nähte, wobei ich ängstlich darauf bedacht war, nicht in den Augapfel selbst zu stechen. Als ich fertig war, zitterten mir die Hände. Ich stand auf, streckte mich und trat vom Bett zurück. Er war in Decken eingehüllt, und erst jetzt bemerkte ich, dass zwischen seinen Knien eine einzelne Adlerfeder und eine kleine Plastiktüte mit gelben Pollen lag, die wohl seine Familie bei ihm zurückgelassen hatte, um ihn zu retten.
Am nächsten Morgen ging ich in sein Zimmer, um meine Arbeit zu überprüfen. Sein Gesicht sah ganz heil aus. Nur die dünnen blauen Linien der Nylonfäden verrieten, wie groß die Wunde war. Erst nachdem ich mindestens eine Minute lang mein Werk bewundert hatte, fiel mir auf, dass das Geräusch des Sauerstoffgeräts, das am Tag zuvor in diesem Zimmer mein ständiger Begleiter gewesen war, verstummt und dass der Mann tot war. Frank Huyler


Das Deutsche Ärzteblatt beabsichtigt, demnächst auch literarisch anspruchsvolle Geschichten aus der Ärzteschaft zu veröffentlichen. Diese sollten eine Länge von 4 800 Anschlägen nicht überschreiten. Wer andere an seinen Erfahrungen und Erlebnissen teilhaben lassen möchte, schicke bitte seine Beiträge an die Feuilleton-Redaktion des Deutschen Ärzteblattes (Ottostraße 12, 50859 Köln, Fax: 0 22 34/70 11-142, E-Mail: aerzteblatt@aerzteblatt.de). Weitere Informationen: Telefon: 0 22 34/70 11-110
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