ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2003Medizingeschichte(n): Heinz Schott

MEDIZIN: Editorial

Medizingeschichte(n): Heinz Schott

Dtsch Arztebl 2003; 100(45): A-2942 / B-2440 / C-2290

Schott, Heinz

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LNSLNS ... erst durch die Kraft, das Vergangene zum Leben zu gebrauchen und aus dem Geschehenen wieder Geschichte zu machen, wird der Mensch zum Menschen ...

Friedrich Nietzsche: „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“


Die neue Rubrik Medizingeschichte(n) stellt fortlaufend Texte und Bilder vor, die aus dem Blickwinkel eines Medizinhistorikers ausgewählt wurden. Diese Quellen, Dokumente, Zeugnisse sollen Schlaglichter auf eine weithin im Dunkeln liegende Medizingeschichte werfen und diese illustrieren. Vergangene Ereignisse, Praktiken, Ideen können für uns heutigen Betrachter durchaus anregend, ja, faszinierend sein. Denn im Spiegel der Geschichte verändern sich gewohnte Sichtweisen: Alte Gewissheiten erscheinen fragwürdig, neue Assoziationen tauchen auf, andere Welten werden sichtbar. Die Konfrontation mit historischem Material führt uns so zu einem inneren Dialog mit geschichtlichen Realitäten, welche – oft unbemerkt – in unsere Gegenwart hereinragen.
Die üblichen Lehr- und Sachbücher zur Medizingeschichte – seien sie nun allgemein ideengeschichtlich, sozialhistorisch oder kulturwissenschaftlich angelegt oder aber auf bestimmte Disziplinen, Einrichtungen, Berufsfelder ausgerichtet – signalisieren in der Regel bereits in ihrem Inhaltsverzeichnis einen diachron verlaufenden „Fortschritt“: So steht gewöhnlich am Anfang die archaische oder primitive Medizin und am Ende die naturwissenschaftliche beziehungsweise Biomedizin. Die Einteilung in bestimmte aufeinander folgende Epochen, die Periodisierung der Geschichte, postuliert eine Genealogie der wissenschaftlichen Medizin, die just zum gegenwärtigen Zeitpunkt ihren unüberbietbaren Gipfel erreicht zu haben scheint.
Demgegenüber schlagen die Medizingeschichte(n) einen anderen Weg ein: Sie stellen gleichsam punktuelle Blitzlichter dar und konfrontieren die Leser unmittelbar mit Einzelfunden. Sie werden beim Lesen mannigfache Assoziationen wecken und auf unterschiedliche Resonanz stoßen. Die Texte stellen ein Angebot dar, je nach Lust und Laune selbstständig weiterzudenken und weiterzuforschen. Hierfür mögen die Legenden eine Orientierungshilfe bieten. Im Mittelpunkt aber steht das originäre historische Zeugnis als Text oder Bild, das zu einer kritischen Auseinandersetzung auch mit der eigenen Gegenwart und der sie beherrschenden Ideologie herausfordert.
Wissenschaftlich Irrelevantes weiterhin präsent
Trotz aller Versuche der modernen Medizin, historische Implikationen als wissenschaftlich irrelevant auszublenden und vor allem Reminiszenzen religiöser und magischer Heilkunde zu tilgen, sind solche auch heute noch virulent. Dies betrifft nicht nur Heilpraktiken der Alternativmedizin hierzulande oder traditionelle Heilweisen in außereuropäischen Kulturen, sondern auch den klinischen Alltag, die ärztliche Praxis. So sind der Begriff der Krankheit (ihr „Sinn“), die Hoffnung auf Heilung, das Vertrauen in die Person des Arztes, der „Glaube“ an die Wirksamkeit einer bestimmten Therapie mit entscheidend dafür, ob eine Behandlungsmethode Erfolg hat. Im historischen Kontrastbild können die Medizingeschichte(n) diese oft vergessenen Faktoren ein Stück weit zum Vorschein bringen, welche nicht zuletzt in der Perspektive von Medizinethnologie und medizinischer Anthropologie zu ergründen wären.
Etwa drei Viertel der Medizingeschichte(n) präsentieren Texte, ein Viertel Bilder. Ihre jeweilige Erläuterung ist unverzichtbar. Ohne zusätzliche Informationen, die so kurz wie möglich gehalten werden, wären viele Texte und Bilder wohl unverständlich oder könnten leicht missverstanden werden. Die Reihenfolge der Medizingeschichte(n) ist nicht festgelegt. Gleichwohl existiert im Hintergrund ein Ordnungsprinzip, das die Einzelbeiträge miteinander vernetzt. Alle Beiträge, ob Bild oder Zitat, weisen in der Überschrift auf eine übergeordnete Thematik und einen Schlüsselbegriff hin. Als Legende zum Zitat beziehungsweise Bild erscheint eine exakte Quellenangabe. Darüber hinaus erfährt man noch kurzgefasst etwas vom Autor oder Künstler sowie eine kurze Erläuterung des jeweiligen medizinhistorischen Kontextes. Wo es zum Verständnis unbedingt notwendig ist, werden einzelne Erläuterungen in Fußnoten angefügt.
Damit kann sich der Leser nicht nur inhaltlich rasch orientieren, sondern hat auch ein griffiges Raster zur Hand, um die medizinhistorischen Schlaglichter systematisch zu sammeln: Je nach Belieben können diese alphabetisch, nach Fachgebieten, Schlüsselbegriffen oder Autoren, oder chronologisch, entsprechend dem in der Legende angegebenen Datum zur betreffenden Originalquelle, eingeordnet werde. So kann sich der Interessierte selbst eine kompetente Quellensammlung zur Medizingeschichte anlegen. Mögen diese Medizingeschichte(n) den Leser nicht nur einschlägig informieren, ihn hin und wieder auch erstaunen und erheitern, sondern vor allem anregen, selbst einmal den Schritt zu wagen und zu den Quellen zurückzugehen – der Königsweg zu manch verborgenen Landschaften der Medizin(geschichte).


Manuskript eingereicht: 9. 7. 2003, angenommen:
23. 7. 2003

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2003; 100: A 2942 [Heft 45]

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Dr. phil. Heinz Schott
Medizinhistorisches Institut
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität
Sigmund-Freud-Straße 25, 53105 Bonn
E-Mail: Heinz.Schott@ukb.uni-bonn.de

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