ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2003Niki de Saint Phalle: Mit Gewehr, Charme und Polyester

VARIA: Feuilleton

Niki de Saint Phalle: Mit Gewehr, Charme und Polyester

Dtsch Arztebl 2003; 100(45): A-2963 / B-2458 / C-2307

Bartholomäus, Elke

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LNSLNS Sie tanzen auf öffentlichen Plätzen, winken aus Museumsshops und Buchläden und recken Museumsbesuchern in aller Welt ihre gewaltigen Rundungen entgegen: die Nanas, Niki de Saint Phalles knallbunte Frauenfiguren aus Papiermaché und Polyester. Kaum zu glauben, dass die heute eher harmlos anmutenden Plastiken vor dem Hintergrund der bürgerlichen Prüderie der frühen 1960er-Jahre Skandale auslösten, allen voran die riesengroße begehbare Nana „Hon“. Sie gewährte 1966 im Moderna Museet in Stockholm 100 000 Museumsbesuchern durch das große Tor zwischen ihren weit gespreizten Beinen Einlass und erwarb damit den Ruf der „größten Hure der Welt“. Allzu sinnenfreudig kamen die Nanas daher und leisteten damit mancherlei Spekulationen Vorschub. War der Name der Künstlerin mit den phallischen Anklängen nicht höchst verdächtig? Von dem Straßenmädchen Nana in Emile Zolas gleichnamigem Roman hat die franko-amerikanische Künstlerin sich distanziert. Ihre Nanas waren Ausdruck der Freude und Sinnlichkeit nach einer Phase der Wut, für die sie bereits 1961 einige internationale Berühmtheit erlangt hatte. Nachdem sie in Gegenwart von Freunden und Kollegen in der Pariser Rue Impasse Ronsin am 12. Februar 1961 ihre erste Schießaktion abgehalten hatte, wurde sie auf Einladung des Kunstkritikers Pierre Restany erstes und einziges weibliches Mitglied der Künstlergruppe Nouveaux Réalistes und zugleich gefragter Gast in zahlreichen internationalen Fernsehshows. Die Schießaktionen waren spektakulär und griffen aktuelle Tendenzen wie das Happening, den Kollektivgedanken und die Praxis der objets trouvés auf, also die künstlerisch modifizierte Verwendung von Fundstücken aus dem alltäglichen Leben im Kunstwerk. Niki de Saint Phalle bat die Zuschauer, mit einem Gewehr auf ihre zuvor mit Flüssigkeiten und Gips präparier-
ten Leinwände zu schießen. Dabei spritzten die Farben, Eier, Nudeln und sonstigen Inhalte unkontrolliert über das Bild und vollendeten es zu einem einmaligen, unwiederholbaren Kunstwerk („Schießbild“).
Wenn Niki de Saint Phalle zum Gewehr griff, stilisierte sich das ehemalige Fotomodell selbst als Teil des Kunstwerks in weißem Hosenanzug. Als Racheengel rechnete die ehemalige Klosterschülerin und Autodidaktin aus verarmtem französischen Landadel mit der Gesellschaft und ihrer persönlichen Geschichte ab: „Ich schoss auf: Papa, alle Männer, kleine Männer, große Männer, bedeutende Männer, dicke Männer, meinen Bruder, die Gesellschaft, die Kirche, den Konvent, die Schule, meine Familie, meine Mutter, auf mich selbst ... ich schoss, weil mich die Beobachtung faszinierte, wie das Gemälde blutet und stirbt.“ Mit dem Anspruch, das Autobiografische zum Politischen zu erheben, war sie der feministischen Bewegung voraus. Auf die spektakulären Schießaktionen folgte eine Phase der Rückbesinnung auf die Ursachen der Gewalt. Um 1963 entstanden „Huren“, „Hexen“ und „Bräute“. Aus den aufgebrochenen Häuten der halbplastischen Figuren quoll der Ramsch der Warenwelt. Noch hatten sich die Figuren nicht von der Bildfläche gelöst, sondern hingen am Rücken auf den Leinwänden befestigt wie aufgespießte Insekten. Wie schon in ihren frühesten Bildern weckt Niki de Saint Phalle archetypische Ängste in einer ambivalenten Welt voller Spinnen, Monster und Monstrositäten.
Mit ihren lebensbejahenden Nanas gelang ihr 1964 schließlich der Durchbruch zu einem neuen positiven Frauenbild. Seit Beginn ihrer künstlerischen Arbeit hatte Niki de Saint Phalle die Kunst als Mittel der Selbsttherapie angewandt, und immer waren es persönliche Krisen, die sie zu neuen Formen inspirierten. Bis zu ihrem Tod am 22. Mai 2002 in San Diego, Kalifornien, hat die Künstlerin immer neue Ausdrucksformen gefunden. Neben Malerei, Relief, Plastik und fantastischer Architektur entstand ein umfangreiches grafisches Werk, außerdem entwarf sie Möbel, Schmuck und andere Gebrauchswaren.
Dank ihrer großzügigen Schenkung besitzt das Sprengel Museum Hannover eine der größten Sammlungen der Kunst Niki de Saint Phalles. Unter dem Titel „Die Geburt der Nanas“ zeigt Kurator und Direktor Prof. Dr. Ulrich Krempel bis Mitte November Arbeiten aus den 60er-Jahren, anhand derer Niki de Saint Phalles künstlerische Entwicklung bis zur Erfindung der Nanas anschaulich wurde. Kleinere Teile des Konvolutes sind ständig in der Museumshalle zu sehen. Bei einem Besuch des Museums lohnt sich ein Abstecher zum Leineufer, wo die Künstlerin 1974 drei Riesennanas aus Polyester dauerhaft installierte.
Elke Bartholomäus

Informationen:
Sprengel Museum Hannover
Kurt-Schwitters-Platz
30169 Hannover
Telefon: 05 11/16 84 38 75
Fax: 05 11/16 84 50 93
www.sprengel-museum.de
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